Vatikan holt sich für Biennale international bekannte Künstler
30.04.202612:53
Vatikan/Italien/Kirche/Kunst/Kultur
Beiträge von Jim Jarmusch, Meredith Monk oder Terry Riley - Hildegard von Bingen im Zentrum einer der wichtigsten Ausstellungen zeitgenössischer Kunst - Von Kathpress-Rom-Korrespondentin Sabine Kleyboldt
Rom/Venedig, 30.04.2026 (KAP) Jim Jarmusch, Meredith Monk, Terry Riley, Tatiana Bilbao, Patti Smith, Brian Eno, Ben Vickers, Hans Ulrich Obrist: Der Cast des Vatikans für die Biennale 2026 klingt fast wie das "Who is Who" der internationalen Kunst- und Kulturszene. Nicht weniger prominent ist die Frau, der das Projekt gewidmet ist: Die Heilige Hildegard von Bingen (1098-1179), Kirchenlehrerin, Komponistin, Dichterin, medizin- und heilkundige Mystikerin des 12. Jahrhunderts.
"Hildegard ist aktueller denn je", begründet der Kulturbeauftragte des Papstes, Kardinal Jose Tolentino de Mendonca, die Wahl des Heiligen Stuhls. "Sie vereint die Interessen vieler Menschen: von mittelalterlicher Musik und Malerei bis Medizin, von Poesie bis Mystik, Theologie und Philosophie", so der portugiesische Kurienkardinal, der selbst die Lieder Hildegards übersetzt hat. "In einer Zeit ständiger Beschleunigung vermittelt diese facettenreiche Persönlichkeit eine Weisheit, Liebe und Tiefe, die in der aktuellen Debatte mitunter fehlt."
2012 hatte Papst Benedikt XVI. die Äbtissin von Rupertsberg und Eibingen am Rhein zur Kirchenlehrerin erhoben. Zu Ehren der Benediktinerin, die in den letzten Jahren geradezu einen Boom erlebt, bespielt der Vatikan bei der Biennale zum ersten Mal sogar zwei Orte in Venedig: den "Giardino Mistico", Klostergarten der Unbeschuhten Karmeliten, wo die Besucher ein von Hildegard inspirierter Klangpfad erwartet, und den Komplex Santa Maria Ausiliatrice, der zu einem zeitgenössischen Skriptorium wird.
14 Künstler und Künstlerinnen
Federführend für das Vatikan-Projekt, das fast alle Kunstformen vereint und alle Sinne ansprechen soll, ist der Schweizer Hans Ulrich Obrist, zusammen mit dem Briten Ben Vickers und dem Sound Collective-Team. Insgesamt sind 24 international renommierte Künstler und Künstlerinnen beteiligt.
Der Projekt-Titel "Das Ohr ist das Auge der Seele" klingt fast nach einem O-Ton der großen Klosterfrau; in Wahrheit stammt er jedoch von dem berühmten deutschen Regisseur und Autor Alexander Kluge, der am 25. März im Alter von 94 Jahren starb. Damit wurde Kluges Vatikan-Beitrag zur Biennale, eine monumentale Hildegard-Installation in Santa Maria Ausiliatrice aus Film und Digital-Collagen, zu seinem letzten Werk.
Mit einbezogen bei diesem "lebendigen Archiv" in dem Kirchenkomplex ist auch die Klangliturgie der Benediktinerinnen der Abtei von Eibingen, letztlich die wahren Erbinnen der Heiligen, die erst vor 14 Jahren offiziell heiliggesprochen wurde. Den wissenschaftlichen Überbau lieferte Schwester Maura Zatonyi, Gründerin der Hildegard-Akademie und große Kennerin von Leben und Schriften der Kirchenlehrerin.
Derzeit lehrt die promovierte Philosophin, die an einer Theologie-Dissertation über Hildegards umfangreiche Briefe arbeitet, an der Benediktiner-Hochschule Sant'Anselmo in Rom. Auf Anfrage des Dikasteriums für Kultur und Bildung lieferte sie eine aus 4.000 Titeln ausgewählte internationale Literaturliste, die sehr gut von den Künstlerinnen und Künstlern angenommen worden sei, verweist die Autorin auf eine muntere Whatsapp-Gruppe mit den Biennale-Leuten. Ausdrückliches Lob für ihr "Hildegard-Lesebuch" gab es von Kurator Obrist.
"Verzerrtes Bild der Heiligen als Kräuterweiblein"
"Zwei der Künstler waren auch in Eibingen und haben unseren Gesang aufgenommen", so Schwester Maura. Dass Hildegard "in" ist, freut sie. Zugleich distanziert sie sich von einem verzerrten Bild der Heiligen als Kräuterweiblein. "Daran müssen wir arbeiten. Auf der anderen Seite sehe ich, dass wir das Thema Naturheilkunde als Chance nehmen können, eigentlich als eine Brücke."
Was für sie Hildegard in erster Linie ausmacht? "Ihre bildhafte Sprache, die gerade heute für uns sehr wichtig ist. Wir brauchen einen neuen Wortschatz, um die Herzen der Menschen zu erreichen." So habe die Heilige schon im 12. Jahrhundert die vermeintlich topmoderne "Ganzheitlichkeit" des Menschen im Auge gehabt. "Vieles, was uns heute neu vorkommt, ist aus dem Mittelalter in Vergessenheit geraten. Auch Theologie und Spiritualität wurde damals vor allem in den Klöstern mit Emotionalität erlebt, weshalb wir sie uns mit allen Sinnen aneignen sollen."
Eines von Schwester Mauras liebsten Bildern ist Hildegards Vorstellung der Trinität, der Dreifaltigkeit von Gottvater, Sohn und Heiligem Geist: "Sie beschreibt ein blendendweißes Licht und ein rötliches Feuer, die miteinander verwoben sind. Und daraus tritt eine saphirblaue Gestalt mit Segensgeste hervor - einfach wunderschön." Von Hildegards Originalhandschriften wird im Kloster Eibingen ein Faksimile aufbewahrt, das zusammen mit der Literaturliste auf der Website www.hildegard-akademie.de (www.hildegard-akademie.de) abrufbar ist; eine weitere hervorragende Quelle für die Kunstschaffenden der Biennale.
"Hildegard spricht immer davon, dass wir selbst Teil der Heilsgeschichte sind, und dass wir unsere Beziehung mit Gott immer neu entdecken können", so die Ordensfrau. "Es geht bei ihr überhaupt nicht um Pflanzen und Tees und Edelsteine um den Hals, sondern es geht viel tiefer, nämlich um unseren Glauben."
Kirchenkomplex Santa Maria Ausiliatrice
Näheres können Besucher im Kirchenkomplex Santa Maria Ausiliatrice erkunden, wo sie eine mehrsprachige Bibliothek Hildegardscher Texte, Künstlerbücher von Ilda David' und ein neues klösterliches Architekturprojekt von Tatiana Bilbao Estudio finden.
Und hier gibt es eine weitere Neuerung, die ebenfalls im Sinne der Heiligen Hildegard gewesen wäre: Die Präsentation in Santa Maria Ausiliatrice stellt eine Weiterentwicklung des Pavillons des Heiligen Stuhls bei der Architektur-Biennale von 2025 dar. Damals wurde die Kirche als "Opera aperta" zum sozialen und künstlerischen Treffpunkt gestaltet.
Damit bleibt dem Projekt das Schicksal der meisten Biennale-Pavillons erspart, die nach einem Jahr abgebrochen werden. Stattdessen darf es "weiterwachsen" - ganz im Sinne der Nachhaltigkeit, die sich Kurator Hans Ulrich Obrist immer für seine Ausstellungen gewünscht hat. Und der Heiligen Hildegard wäre es vermutlich auch recht.