Der aktuelle Lagebericht des Zentralrats der Juden liest sich alarmierend und verweist viele Parallelen zu Österreich - Deutscher Zentralratspräsident Schuster und Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien Deutsch sprechen von einer "neuen Normalität"
Berlin/Wien, 01.05.2026 (KAP/KNA) Ob Drohanruf oder Sachbeschädigung - immer mehr jüdische Gemeinden erleben antisemitische Vorfälle. Laut einem aktuellen Lagebild des Zentralrats der Juden in Deutschland haben 46 Gemeinden solche Fälle bereits erlebt. Das ist knapp die Hälfte der mehr als 100 jüdischen Gemeinden, die im Zentralrat als Dachverband organisiert sind. Im Lagebild für das Jahr 2024 hatten noch 43 Gemeinden von derartigen Fällen berichtet. "Nach dem explosionsartigen Anstieg des Antisemitismus in Folge des 7. Oktober 2023 hat sich eine 'neue Normalität' herausgebildet", sagte Zentralratspräsident Josef Schuster. Es herrsche eine "Lage, in der jüdische Gemeinden permanent geschützt werden müssen und Antisemitismus als Teil des öffentlichen Raums eine Normalisierung erfahren hat".
Das anhaltende Unsicherheitsgefühl zeige sich bei vielen Juden in Deutschland durch den Verzicht auf das Tragen von jüdischen Symbolen wie der Kippa oder Ketten mit Davidstern. Auch würden einige Eltern ihren Kindern verbieten, ihre jüdische Identität preiszugeben.
Ähnliches berichtete vor kurzem der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien (IKG) Oskar Deutsch: "Manche Jüdinnen und Juden haben sich an das Unerträgliche gewöhnt, andere ziehen sich zurück, verbergen ihr Judentum, meiden jüdische Orte." Der "antisemitische Tsunami" habe sich seit dem 7. Oktober 2023 in eine anhaltende Überflutung verwandelt. Die Antisemitismus-Meldestelle der IKG hat einen neuen Höchststand verzeichnet: 1.532 antisemitische Vorfälle wurden im Jahr 2025 gemeldet. Das entspricht durchschnittlich vier antisemitischen Vorfällen pro Tag und 30 Vorfällen pro Woche.
Wie auch in Österreich ging es laut aktuellem Lagebild in Deutschland häufig um Beleidigungen, Drohanrufe, Hasskommentare, Sachbeschädigung und Schmierereien an Gebäuden. Insgesamt hätten 68 Prozent der Jüdinnen und Juden ein großes Unsicherheitsgefühl. Zwar waren es in den vergangenen Umfragen noch um die 80 Prozent, der neuerliche Rückgang sei aber kein Ausdruck für eine entspanntere Situation, hieß es. Vielmehr sei der Ausnahmezustand nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 zu einem Normalzustand geworden, sagte ein Sprecher des Zentralrats.
Schuster: Krieg im Nahen Osten nur Vorwand
Der Waffenstillstand zwischen Israel und der palästinensischen Hamas im Gazakrieg als Folge des 7. Oktober 2023 habe dabei für 66 Prozent der Befragten keine Rolle für das eigene Sicherheitsgefühl gespielt. "Dieser Befund zeigt glasklar: Der Krieg im Nahen Osten war immer nur ein Vorwand, niemals ein Grund für antisemitische Übergriffe und Hetze in Deutschland", so Schuster. Allerdings hätten im aktuellen Lagebild 62 Prozent angegeben, im Zuge des jüngsten Iran-Krieges ein stärkeres Gefühl der Unsicherheit zu spüren, hieß es.
Gemeinden vermissen Solidarität
Ferner beklagten viele Gemeinden einen weiteren Rückgang der Solidarität in der Zivilgesellschaft. Lediglich 35 Prozent hätten die Frage, ob sie Solidarität und Unterstützung von der Gesellschaft erfahren, mit "Ja" beantwortet. In den Wochen nach dem 7. Oktober 2023 hatten sich in einem ersten Lagebild noch 62 Prozent der Gemeinden zustimmend geäußert, in einer Umfrage für 2024 waren es 39 Prozent. Zugleich äußerte sich jetzt eine Mehrheit der Befragten zufrieden mit der Zusammenarbeit mit Polizei, Sicherheitsbehörden und den jeweiligen Kommunen, wie es hieß.
An der Umfrage für das insgesamt dritte Lagebild des Zentralrats nahmen 102 der in dem Dachverband organisierten Gemeinden teil. Der Zeitpunkt der Befragung war demnach März 2026.
Aufruf zur Vernichtung des Staates Israel nicht strafbar
Was den Aufruf zur Vernichtung des Staates Israel betrifft, soll ein solcher nach dem Willen des Zentralrats der Juden in Deutschland künftig strafbar sein. Bislang sei ein solcher Aufruf in Deutschland noch ohne Konsequenzen möglich, sagte ein Sprecher in Berlin. "Aber wollen wir so etwas auf unseren Straßen akzeptieren?"
Der Sprecher würdigte den jüngsten Bundesrats-Vorstoß zum Thema: Wer das Existenzrecht Israels leugnet, könnte künftig dafür bestraft werden; eine entsprechende Initiative im Bundesrat bereitet derzeit Hessen vor. "Der Vorstoß macht das Problem sichtbar", erklärte der Sprecher des Zentralrats.
Generell müssten Strafen so hoch sein, dass sie Taten gegen jüdische Einrichtungen vorbeugten, hieß es. "Die Politik hat die Verantwortung, jüdisches Leben zu schützen."
1.532 antisemitische Vorfälle im Jahr 2025 verzeichnet - 5 Millionen Euro für Sicherheitsmaßnahmen - IKG-Präsident Deutsch: "Antisemitismus darf in Österreich nicht salonfähig werden"