Erzabt von Pannonhalma: Kirche keinem politischen Lager verpflichtet
02.05.202608:54
(zuletzt bearbeitet am 02.05.2026 um 13:27 Uhr)
Ungarn/Kirche/Politik/Regierung/Orden
Hortobágyi im Interview mit Wochenzeitschrift "Heti Világgazdaság" (HVG) über eine zu große Nähe zur Macht und warnte vor einem Verlust an Glaubwürdigkeit
Budapest, 02.05.2026 (KAP) Der Erzabt der Benediktinerabtei Pannonhalma, Cirill T. Hortobágyi, hat eine kritische Bilanz des Verhältnisses von Kirche und Staat in Ungarn gezogen und zu mehr Distanz der Kirche zur Politik aufgerufen. In einem Interview mit der Wochenzeitschrift "Heti Világgazdaság" (HVG) sprach er von einer zu großen Nähe zur Macht in den vergangenen Jahren und warnte vor einem Verlust an Glaubwürdigkeit.
Die Macht habe die Kirchen "zu sehr geliebt", sagte Hortobágyi. Was Sünde gewesen sei, müsse klar benannt werden; Vergebung bedeute weder Verantwortungslosigkeit noch das Leugnen der Vergangenheit. Selbstkritisch räumte der Erzabt Versäumnisse ein, etwa mangelnde Kritik an politischen Parolen wie "Gott-Heimat-Familie". Aus theologischer Sicht sei es unzulässig, Gott in eine solche Reihe zu stellen.
Die Kirche dürfe sich keinem politischen Lager verpflichten, betonte Hortobágyi. Andernfalls verliere sie sowohl ihre prophetische Stimme als auch die Klarheit ihres Urteils. Stellungnahmen zu gesellschaftlichen Fragen seien legitim, müssten jedoch aus den Werten des Evangeliums heraus erfolgen. Langfristig gelte es, gemeinsam für das Gemeinwohl zusammenzuarbeiten, das wichtiger sei als Meinungsverschiedenheiten und dem man durch das Verständnis für den anderen näherkomme.
Dass die Abtei Pannonhalma von politischen Akteuren als nationales Symbol zur eigenen Legitimation vereinnahmt worden sei, sei Hortobágyi bewusst, so die Wochenzeitung. Die Distanz zur Macht sei zudem auch innerhalb der Mauern nicht immer gewahrt worden. Für mögliche Wahrnehmungen von Ausgrenzung oder Elitismus schulde man eine "aufrichtige Entschuldigung". Orientierung biete die benediktinische Regel, wonach jeder Gast wie Christus aufgenommen werden solle; Benedikt von Nursia warnte jedoch zugleich vor falschem Frieden, wies der Erzabt hin.
Versöhnung statt Macht
Die benediktinische Gemeinschaft wolle nun dafür eintreten, dass ihre Beziehungen nicht von Machtlogik, sondern von Versöhnung und Frieden bestimmt würden. Betroffene müssten Gehör finden, Verletzungen von öffentlichem Vertrauen rechtlich aufgearbeitet werden. Eine moralische Erneuerung des Landes sei nur durch Selbstprüfung, Zuhören und Verantwortungsübernahme möglich. Die christliche Reihenfolge sei: Wahrheit, Reue, Wiedergutmachung, Rechenschaft, Vergebung und Versöhnung.
Vertrauenskrise
Der Erzabt ortete zudem eine "Vertrauenskrise" gegenüber der Kirche. Viele Menschen nähmen sie als politisch kompromittiert und moralisch erschüttert wahr. Die Kritik zeige, dass die Kirche ihre Unabhängigkeit und damit ihre Glaubwürdigkeit verloren habe. Die Kirche müsse diese nun "mit verstehendem Ohr und fühlendem Herzen" aufnehmen; die Antwort liege nicht in Verteidigung, sondern Umkehr.
Für die Zukunft forderte Hortobágyi eine Kirche, die als dienende Gemeinschaft auftritt, auf Privilegien verzichtet und aktiv den Dialog mit Enttäuschten sucht. Die Kirche könne nur Orientierung geben, wenn sie an der Heilung gesellschaftlicher Wunden teilnehme, besonders im Blick auf die Schwächsten. Dies erfordere langfristiges, konsequentes Handeln: weniger Macht, mehr Dienst, mehr Transparenz und Mut, Fehler zu benennen.
Staatliche Finanzierung
Gleichzeitig verwies der Erzabt auf strukturelle Abhängigkeiten: Kirchliche Einrichtungen seien auf staatliche Finanzierung angewiesen, was Einfluss mit sich bringe. Die Gefahr eines "politischen Christentums" bestehe letztlich darin, dass sich Menschen entweder abwenden oder für vereinfachende Parolen anfällig würden. Ordne sich die Kirche der Politik unter, verliere sie die Weite ihrer eigenen Tradition. Als Beispiel nannte Hortobágyi das Thema Migration; hierbei müsse die Regierung wirtschaftliche und kulturelle Belastbarkeit prüfen, während für die Kirche die Geschichte des barmherzigen Samariters maßgeblich sei.
Positiv bewertete der Erzabt internationale Dialoge zwischen Politik und Kirche, die zu differenzierteren Perspektiven beitragen könnten; konkret nannte er den Austausch zwischen dem US-Präsidenten Donald Trump und Papst Leo XIV. Grundsätzlich müsse jedoch die "politische Nabelschnur" durchtrennt werden. Glaube dürfe kein parteipolitisches Identitätsmerkmal sein. Die Zukunft der Kirche liege weniger in Identitätskämpfen und mehr im glaubwürdigen Handeln. Wenn die Kirche nicht herrschen, sondern verstehen und dienen wolle, könne das Christentum wieder zu einer befreienden Kraft werden und nicht zu einem politischen Instrument, so der Erzabt.