Glettler bei Tiroler Gauderfest: Kritik an gesellschaftlicher Verrohung und "Abschottung in ideologische Blasen"
Innsbruck, 03.05.2026 (KAP) Mit einem eindringlichen Appell zu mehr Zusammenhalt, aber gegen Spaltungstendenzen hat der Innsbrucker Bischof Hermann Glettler beim traditionsreichen Gauderfest in Zell am Ziller auf aktuelle gesellschaftliche Spannungen reagiert. "Inmitten einer hochnervösen, aggressiven Zeit" rief der Bischof in seiner Predigt am Sonntag auf, sich nicht von "Neid, Hass und einfachen Lösungen" leiten zu lassen. Anstelle von "Abschottung in ideologische Blasen" brauche es mehr Begegnung und die gemeinsame Suche nach Lösungen. Ziel sei ein "Miteinander, das trägt" als Antwort auf wachsende Unsicherheit in der Gesellschaft.
Glaube sei "mehr als Tradition und Brauchtum", sondern ein persönlicher Weg, der Orientierung auch in unsicheren Zeiten geben könne. Angesichts von Verunsicherung und wachsender Polarisierung brauche es eine Haltung der Wachsamkeit: "Euer Herz lasse sich nicht verwirren", zitierte Glettler aus der Bibel und warnte vor politischen und gesellschaftlichen Akteuren, die vereinfachende Versprechen und Feindbildern benutzen.
"Vorsicht deshalb vor denen, die das Blaue vom Himmel versprechen: 'Mit uns wird alles besser, alles gerechter. Mit uns kommt die gute alte Zeit zurück!' Das sind leere Worte. Und wenn dann jemand noch die Klaviatur von Neid, Hass und Verlustängsten beherrscht - gegen die Sozialbetrüger und Völkerwanderer - dann bitte Vorsicht: Es gibt nicht die einfachen Lösungen!", so der Bischof. Und weiter: "Neid erzeugt Neid, Enthemmung führt zu weiterer Enthemmung und Hass produziert Hass."
Leben kein Fertigprodukt
Zugleich plädierte Glettler für eine stärkere Hinwendung zu Solidarität und gesellschaftlichem Engagement. Ein gelingendes Leben sei "kein Fertigprodukt", sondern entstehe dort, wo Menschen Verantwortung füreinander übernehmen, wie in Familien, Nachbarschaften oder Vereinen. Diese Formen gelebter Gemeinschaft seien ein Gegenmodell zu Individualismus und sozialer Vereinsamung.
Der Innsbrucker Diözesanbischof verwies zudem auf internationale Perspektiven und Begegnungen mit Papst Leo XIV., der bei einer Afrika-Reise die Möglichkeit eines friedlichen Zusammenlebens trotz unterschiedlicher Überzeugungen betont habe. Diese Perspektive sei auch für Europa zentral: "Wir können als Brüder und Schwestern zusammenleben."
Das Gauderfest, das 2014 von der UNESCO als Immaterielles Kulturerbe anerkannt wurde, findet jährlich am ersten Wochenende im Mai in Zell am Ziller im Tiroler Zillertal statt. Es gilt als das größte Frühlingsfest Tirols und Trachtenfest Österreichs. Glettler erinnerte an diese Tradition sowie an die vielfältigen Engagements in Vereinen und im Freiwilligendienst.