Selten hat Papst Johannes Paul II. bei seinen 104 Auslandsreisen politisch, ökumenisch und interreligiös so viel "Neuland" betreten wie im Mai 2001 in Syrien - Hintergrundbericht von Johannes Schidelko
Vatikanstadt, 04.05.2026 (KAP/KNA) Es war weder ein Staats- noch ein Pastoralbesuch, sondern eine Pilgerfahrt, die Papst Johannes Paul II. (1978-2005) Anfang Mai 2001 nach Griechenland, Syrien und Malta unternahm. Zum Heiligen Jahr 2000 folgte der Pontifex vor 25 Jahren den Spuren der Bibel - und dieses Format eröffnete ihm Ziele und Zugänge, die ihm in der verminten politischen Region sonst kaum möglich gewesen wären. Er besuchte den Nahost-Frontstaat mit der damals heißesten Grenze der Welt: den Golan-Höhen. Er schaffte einen ökumenischen Brückenschlag zu den Ostkirchen.
Und in Damaskus betrat er am 6. Mai 2001 zum ersten Mal den Gebetsraum einer Moschee. Zwar hatte der Papst bereits im Jahr zuvor in Jerusalem den Tempelberg aufgesucht, dort aber nicht die Al-Aqsa-Moschee oder den Felsendom betreten. Der historische Besuch in der Omajaden-Moschee von Damaskus, einem der prächtigsten islamischen Gotteshäuser der Welt, sollte einen neuen Anlauf im christlich-islamischen Verhältnis schaffen.
In einem eindringlichen Appell rief der Papst beide Religionen zu gegenseitigem Respekt und Toleranz auf. Dialog und nicht Konflikt sollte das Verhältnis zwischen den Gläubigen bestimmen, Kooperation und nicht Opposition. Niemals dürfe Religion Hass und Gewalt fördern oder rechtfertigen.
Mit Mufti bei Johannes-Schädelreliquie
Trotz scharfer Sicherheitsmaßnahmen wirkte der Besuch in dem riesigen Säulenbau entspannt. Der als dialogoffen geltende syrische Groß-Mufti Ahmad Kuftari, mit 85 noch fünf Jahre älter als der Pontifex, begrüßte seinen Gast freundlich. Unterstützt von seinem Sekretär zog Johannes Paul II. sich die Schuhe aus. Zusammen mit dem Scheich - beide auf ihren Stock gestützt - betrat er den Gebetsraum, der an der Stelle der 706 abgerissenen Johannes-Basilika errichtet wurde.
Ziel war das Monument für Johannes den Täufer. Unter einem kleinen Kuppelbau wird die Kopfreliquie des Mannes verehrt, der für Christen als Vorläufer Jesu gilt und den die Muslime als Propheten "Yahya, den Sohn des Zacharias" in Ehren halten. Im prächtigen Vorhof, unter der gold-grünen Fassade mit einer Paradiesdarstellung, rief der Papst dann Christen und Muslime zum gemeinsamen Einsatz für das Wohl der Menschheitsfamilie auf. Sie sollten sich nicht als Gegner, sondern als Partner begreifen.
Drei Dialogreisen binnen kurzer Zeit
Es war bereits die dritte religiöse Reise des Pontifex zur Jahrtausendwende. Im Jahr zuvor war er zum Mosesberg im ägyptischen Sinai gepilgert - und hatte dabei in Kairo einen neuen Kontakt zur führenden sunnitischen Al-Azhar-Universität geknüpft. Zwei Monate später besuchte er die historischen Stätten Jesu im Heiligen Land, vom Jordan über Jerusalem und Nazareth bis Bethlehem - und mahnte die politischen Kontrahenten zu einer gerechten Friedenslösung.
Mit der dritten Etappe folgte er nun dem Weg des Apostels Paulus, der auf dem Areopag von Athen seine wichtigste Rede hielt, der vor den Toren von Damaskus sein Bekehrungserlebnis hatte und dort getauft wurde, und der schließlich in Malta wegen Schiffbruchs überwintern musste.
Seit dem historischen Papstbesuch vor 25 Jahren haben sich die Koordinaten im Nahen Osten verschoben. Johannes Paul II. wurde vom jungen Staatspräsidenten Baschar al-Assad begrüßt, der damals als vielversprechender Reformer galt. Der die freundliche Begrüßung des Papstes freilich mit harten Attacken gegen Israel verband - und damit die Vatikan-Diplomatie in Erklärungsnot brachte. Assad ist nach 13 Jahren Bürgerkrieg inzwischen Geschichte. Das gilt auch für manche Freiheiten, die die christliche Minderheit unter seinem Regime genoss.
Nachfolger gingen den Weg weiter
Aber auch ins verwickelte christlich-islamische Verhältnis ist seither Bewegung gekommen. Da löste 2006 - fünf Jahre nach dem Moschee-Besuch von Johannes Paul II. - die Regensburger Rede von Papst Benedikt XVI. mit ihrem historischen Zitat über den Propheten Mohammed einen Flächenbrand in der islamischen Welt aus. Benedikt XVI. konnte diesen wenige Monate später mit einem respektvollen Besuch in der Blauen Moschee von Istanbul und freundlichen Begegnungen löschen, wenn auch nicht ganz vergessen machen.
Dann aber hat sein Nachfolger Papst Franziskus im engen Kontakt mit dem Kairoer Großimam von Al-Azhar, Ahmed Mohammed al-Tayyeb, einen Durchbruch in den christlich-islamischen Beziehungen erzielt. Bei einem historischen Treffen auf der Arabischen Halbinsel unterzeichneten beide 2019 eine Erklärung "Über die Brüderlichkeit aller Menschen - Für ein friedliches Zusammenleben in der Welt". Darin rufen sie zu Solidarität zwischen allen Menschen auf und fordern "gleiche Rechte für alle Bürger eines Landes, Religions- sowie Meinungsfreiheit".
Zwei Jahre später kam es in Bagdad zu einer ähnlichen, wenn auch stilleren Begegnung des Papstes mit dem schiitischen Groß-Ajatollah al-Sistani. Der erste Moschee-Besuch vor 25 Jahren war also eine wichtige Etappe für das christlich-islamische Verhältnis. Aber der Weg zu Gegenseitigkeit und Religionsfreiheit scheint angesichts manch fundamentalistischer Strömungen noch weit.