Neues Buch präsentiert Texte und Predigten von Robert Prevost aus der Zeit zwischen 2001 und 2013 - Heutiges Kirchenoberhaupt mitgeprägt durch Befreiungstheologie - Leo XIV. seit langem mit Krise der Kirche befasst
Rom, 04.05.2026 (KAP) Der heutige Papst Leo XIV. hat sich wenige Tage nach den Terroranschlägen gegen die USA vom 11. September 2001 gegen Vergeltungsschläge ausgesprochen. Der damalige Augustiner-Generalprior Robert Prevost äußerte sich in einer Predigt an seine Ordensbrüder, die er am 21. September 2001 in Rom hielt. Sie ist in einem am Montag erschienenen Buch mit bislang unveröffentlichten Texten des heutigen Papstes enthalten.
Damals sagte der aus Chicago stammende Ordensobere: "Während viele Vergeltung suchen, müssen wir Augustiner Zeugnis ablegen für das Evangelium und seine Werte der Einheit, des Dialogs, des Friedens und der Versöhnung." Die damals zehn Tage zurückliegenden Al-Kaida-Terroranschläge mit Tausenden Toten in New York und Washington nannte er einen "tragischen Ausdruck einer Reihe von Problemen, die sich überall zuspitzen".
Im Einzelnen führte er aus: "Hass und Gewalt werden weiter wachsen, solange es so viele Menschen gibt, die in extremer Armut leben müssen und von so vielen Arten der Ungerechtigkeit unterdrückt werden. Jeden Tag sterben 24.000 Menschen an Hunger."
Bei den islamistischen Anschlägen mit Passagierflugzeugen in New York und Washington wurden am 11. September 2001 fast 3.000 Menschen getötet. Der damalige US-Präsident George W. Bush rief daraufhin einen globalen "Krieg gegen den Terror" aus. In dessen Verlauf wurden unter anderem Afghanistan und der Irak besetzt. In den Kriegen starben nach Schätzungen rund 1,5 Millionen Menschen, darunter mehr als 3.500 Soldaten der USA und ihrer Verbündeten.
Bewährung oder neue Wege
Das Buch "Liberi sotto la grazia" (Frei unter der Gnade) versammelt Reden und Texte Prevosts aus seiner Zeit als Generalprior der Augustiner von 2001 bis 2013. Es wird anlässlich des ersten Jahrestags seiner Papstwahl veröffentlicht und derzeit in rund 30 Ländern übersetzt.
Ein darin enthaltener Text aus dem Jahr 2010 zeigt eine weitere zentrale Linie seines Denkens: die Frage nach Erneuerung und missionarischer Ausrichtung der Kirche. Prevost stellt darin die Alternative zugespitzt dar: "Wir müssen unserem Vergangenen treu bleiben" oder "Wir müssen unserer Zukunft treu sein". Es gehe darum, ob kirchliche Gemeinschaften sich auf Bewahrung beschränkten oder den Mut hätten, neue Wege zu gehen.
Als Leitbild dient ihm die Figur des "Rückwegs", inspiriert vom Augustiner Andrés de Urdaneta. Dieser stehe für eine tiefere geistliche Bewegung: die Umkehr zu Gott. "Die einzige wirklich bedeutende Reise ist die, die uns zu Christus führt", heißt es in der Predigt. Der christliche Weg sei damit kein Stillstand, sondern eine fortwährende Suche und Erneuerung.
Führung soll Perspektiven schaffen
Zugleich warnt Prevost vor geistlicher Erstarrung. Gemeinschaften könnten selbstzufrieden werden und in Routine verfallen. Dem stellt er eine missionarische Haltung entgegen, die Risiken nicht scheut: "Wenn uns das hilft, diejenigen zu erreichen, die fern sind, dann nehmen wir dieses Risiko auf uns." Entscheidend sei nicht der Selbsterhalt, sondern die Frage: "Wie können wir viele neue Jünger gewinnen?"
Auch das Verständnis von Leitung beschreibt er in diesem Zusammenhang neu. Während eine bewahrende Haltung vor allem auf Ordnung und Stabilität setze, brauche eine missionarische Kirche eine Führung, die verändert und neue Perspektiven eröffnet. Grundlage bleibe dabei eine klare Entscheidung für Gott: "Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Reichtum."
Prägung durch Befreiungstheologie
Aus einer ebenfalls in dem Buch dokumentierten Ansprache des damaligen Augustiner-Generalpriors Prevost vom 2. März 2002 in der peruanischen Amazonas-Stadt Iquitos geht weiters hervor, dass der heutige Papst in seinem Denken einst stark geprägt war von Ideen und Begriffen der lateinamerikanischen Befreiungstheologie.
Damals sagte Prevost: "Die Realität der ungerechten Armut und der Marginalisierung ist eines der drängendsten Probleme der heutigen Welt, und das nicht nur in der 'Dritten Welt'." Weiter sagte er: "Niemand kann heute Christ sein und sich vom 'Schrei der Armen' und dem Kampf für Gerechtigkeit entziehen. Die Verelendung von Millionen von Menschen ist ein wahres 'Sakrament' der Sünde in der Welt."
Option für die Armen
An anderer Stelle seiner Rede heißt es: "Die Entwicklung ist ein integraler Bestandteil der Evangelisierung, die Tätigkeit der Seelsorge überschreite die Grenzen dessen, was bloß 'religiös' ist, in Übereinstimmung mit der Soziallehre der Kirche und der Dringlichkeit der besonderen Option für die Armen. Diese muss nicht nur bei den Indigenen zum Zug kommen, die oft die Ärmsten der Armen sind (...), sondern auch angesichts jeder Form von Ausgrenzung, die gegen die Menschenwürde geht."
Die Befreiungstheologie ist eine theologische Strömung, die im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts vor allem in Lateinamerika entstand. Sie fordert einen aktiven Einsatz der Kirche für die Überwindung von Armut und Ungerechtigkeit. Im Vatikan wandte sich der damalige Glaubenspräfekt Joseph Ratzinger in den 1980er Jahren gegen einige aus seiner Sicht marxistisch geprägte Forderungen der Befreiungstheologie.
Lange Beschäftigung mit Kirchenkrise
Mit der Krise der katholischen Kirche hat sich der heutige Papst Leo XIV. schon seit vielen Jahrzehnten befasst, geht aus einer weiteren Ansprache vom 26. September 2003 hervor. Darin benannte der damalige Augustiner-Obere Prevost das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) als eine entscheidende Etappe, nach der die katholische Kirche und das Ordensleben eine "Phase tiefgreifender Veränderungen durchlaufen" hätten, wie er damals feststellte.
Diese Veränderungen beschrieb er so: "Sehr viele unserer Mitbrüder haben ein Gefühl des Verlusts der eigenen Identität erfahren. Sie wussten nicht mehr, wer sie sind." Drastisch schilderte der heutige Papst damals die Folgen: "Viele haben Orden und Priesteramt verlassen. Andere fühlten sich zutiefst desorientiert. Für manche waren es schmerzhafte Jahre."
Doch dann sei, dank der Bemühung um Erneuerung, "ein großer Teil dieser Krise überwunden worden". Dennoch fühlten sich manche, vor allem in Europa, angesichts sinkender Mitgliederzahlen, weiterhin in dieser Identitätskrise.
Für die Zukunft seines Ordens und der Kirche in Europa rief Prevost damals zu einer Rückbesinnung auf das Wesentliche auf. Dazu gehörten auch "Momente der Einsamkeit, des Gebets, des Schweigens und des Studierens". Er sagte: "Wir werden (wieder) in eine Identitätskrise kommen, wenn wir nicht wissen, wer wir sind, und wenn wir nicht jene innere Begegnung mit uns selbst und mit Gott erleben."
Insgesamt zeigte sich der spätere Papst damals eher hoffnungsvoll und sagte: "Wir sollten die Zukunft unseres Ordens und die Situation Europas nicht mit Pessimismus erleben. Es gibt so viele Menschen, die dasselbe suchen wie wir: eine Begegnung mit Gott und einen Sinn für das eigene Leben im Dienst an den anderen."