Während es in der Leitung der Biennale kriselt, sollen Besucher des Vatikan-Pavillons spirituelle Impulse mit allen Sinnen erleben - Gewidmet ist das Projekt der heiligen Hildegard von Bingen - Kathpress-Korrespondentenbericht von Sabine Kleyboldt
Rom/Venedig, 05.05.2026 (KAP) Jim Jarmusch, Meredith Monk, Terry Riley, Tatiana Bilbao, Patti Smith, Brian Eno, Hans Ulrich Obrist: Der Cast des Vatikans für die Biennale 2026 klingt fast wie das Who is Who der internationalen Musik-, Kunst- und Kulturszene. Nicht weniger prominent ist die Frau, der das Projekt gewidmet ist: Hildegard von Bingen (1098-1179), Kirchenlehrerin, Komponistin, Dichterin, medizin- und heilkundige Mystikerin des 12. Jahrhunderts.
"Hildegard ist aktueller denn je", erklärt der Kulturbeauftragte des Papstes, Kardinal José Tolentino de Mendonça. "Sie vereint die Interessen vieler Menschen: von mittelalterlicher Musik und Malerei bis Medizin, von Poesie bis Mystik, Theologie und Philosophie", so der portugiesische Kurienkardinal, der selbst Hildegards Lieder übersetzt hat. "In einer Zeit ständiger Beschleunigung vermittelt diese facettenreiche Persönlichkeit eine Weisheit, Liebe und Tiefe, die in der aktuellen Debatte mitunter fehlt."
Das klingt fast wie ein Kommentar zur aktuellen Leitungskrise der Biennale nach der umstrittenen Zulassung Russlands. Dagegen will das Projekt um die heiliggesprochene Äbtissin von Rupertsberg und Eibingen am Rhein, die Papst Benedikt XVI. 2012 zur Kirchenlehrerin erhob, eine spirituelle Oase sein. Zu Ehren der Benediktinerin, die in den letzten Jahren einen Boom erlebt, bespielt der Vatikan bei der Biennale erstmals sogar zwei Orte: den "Giardino Mistico", Klostergarten der Unbeschuhten Karmeliten, wo die Besucher ein von Hildegard inspirierter Klangpfad erwartet, und den Komplex Santa Maria Ausiliatrice, der zu einem zeitgenössischen Skriptorium wird.
24 Kunstschaffende beteiligt
Der Schweizer Kurator Hans Ulrich Obrist, federführend für das Vatikan-Projekt, lobt die Zusammenarbeit insbesondere mit Kardinal Mendonça, der ein "wirklich großartiger Poet und Kunstexperte" sei. Zudem habe er schon lange ein Projekt über die heilige Hildegard machen wollen, so Obrist, dem der Brite Ben Vickers und das Sound Collective-Team zur Seite stehen. Insgesamt sind 24 international renommierte Künstler und Künstlerinnen beteiligt.
Der Projekt-Titel "Das Ohr ist das Auge der Seele" könnte ein O-Ton der großen Klosterfrau sein; in Wahrheit stammt er jedoch von dem berühmten deutschen Regisseur und Autor Alexander Kluge, der im März mit 94 Jahren starb. Damit wurde Kluges Vatikan-Beitrag zur Biennale, eine monumentale Hildegard-Installation in Santa Maria Ausiliatrice aus Film und Digital-Collagen, zu seinem letzten Werk.
Naturheilkunde als "Brücke"
Mit einbezogen bei diesem "lebendigen Archiv" in dem Kirchenkomplex ist die Klangliturgie der Benediktinerinnen der Abtei von Eibingen, letztlich die wahren Erbinnen der Heiligen. Den wissenschaftlichen Überbau lieferte Schwester Maura Zátonyi, Gründerin der Hildegard-Akademie und große Kennerin von Leben und Schriften der Kirchenlehrerin, die derzeit an der Benediktiner-Hochschule Sant'Anselmo in Rom lehrt. Für die Biennale-Leute, mit denen sie eine Whatsapp-Gruppe pflegt, lieferte die Autorin eine umfangreiche internationale Literaturliste.
"Zwei der Künstler waren auch in Eibingen und haben unseren Gesang aufgenommen", so Schwester Maura. Dass Hildegard "in" ist, freut sie. Zugleich distanziert sie sich vom Zerrbild der Heiligen als Kräuterweiblein. "Es geht bei ihr überhaupt nicht um Pflanzen und Tees und Edelsteine um den Hals, sondern es geht viel tiefer, nämlich um unseren Glauben." Andererseits könne das Thema Naturheilkunde eine Chance sein, "eine Brücke, die wir nutzen können".
Was für sie Hildegard in erster Linie ausmacht? "Ihre bildhafte Sprache, die gerade heute für uns sehr wichtig ist. Wir brauchen einen neuen Wortschatz, um die Herzen der Menschen zu erreichen." So habe die Heilige schon im 12. Jahrhundert die vermeintlich topmoderne "Ganzheitlichkeit" des Menschen im Auge gehabt.
Kirche als Künstler-Treffpunkt
All das sollen Interessierte im Biennale-Skriptorium in Santa Maria Ausiliatrice erkunden: Dort finden sie eine mehrsprachige Bibliothek Hildegardscher Texte, Künstlerbücher der portugiesischen Malerin Ilda David und ein neues klösterliches Architekturprojekt des mexikanischen Architekturbüros Tatiana Bilbao Estudio.
Und hier gibt es eine weitere Premiere: Die Präsentation in Santa Maria Ausiliatrice stellt eine Weiterentwicklung des Pavillons des Heiligen Stuhls bei der Architektur-Biennale von 2025 dar. Damals wurde die Kirche als "Opera aperta" zum sozialen und künstlerischen Treffpunkt gestaltet.
Damit bleibt dem Projekt das Schicksal der meisten Biennale-Pavillons erspart, die nach einem Jahr abgebrochen werden. Stattdessen darf es "weiterwachsen" - ganz im Sinne der Nachhaltigkeit, die sich Kurator Hans Ulrich Obrist immer für seine Ausstellungen gewünscht hat. Und der heiligen Hildegard wäre es vermutlich auch recht.