Passauer Bischof warnt vor Polarisierung, Gruppenegoismus und Verlust gesellschaftlicher Gesprächskultur
Passau, 07.05.2026 (KAP/KNA) Die stabilen Demokratien des Westens sind nach Ansicht des Passauer Bischofs Stefan Oster ohne das jüdisch-christliche Menschenbild nicht denkbar. Zugleich zeigte sich der Bischof besorgt über gesellschaftliche Entwicklungen der Gegenwart. "Wir sägen da gerade an unserem eigenen Ast, auf dem wir gewachsen sind", sagte Oster laut Katholischer Nachrichten-Agentur (KNA) im Podcast "Frings fragt!" von domradio.de und dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK).
Die katholische Kirche stehe für ein Menschen-, Gottes- und Weltbild, das die Würde jedes Menschen hochhalte, betonte Oster. Jeder Mensch besitze Würde, auch wenn einem das Gegenüber als "der letzte Typ" erscheine. Gott sei Vater aller Menschen, die einander als Geschwister verbunden seien. Je weniger dies geglaubt werde, desto stärker nähmen Partikularismen, gesellschaftliches Gegeneinander und Gruppenegoismus zu.
Debattenkultur in Gefahr
Mit Sorge blickt Oster auch auf die gesellschaftliche und mediale Debattenkultur. Streit gehöre zwar zu einer Demokratie, sagte der frühere Rundfunkjournalist. Menschen sollten offen sagen können, wovon sie überzeugt seien. Zugleich dürfe man Andersdenkenden nicht "eine drüberhauen". Die gegenwärtige Mediendynamik gehe jedoch zunehmend in Richtung Skandalisierung, Emotionalisierung und Polarisierung. Selbst kirchliche Medien seien davon nicht ausgenommen. "Schon haben wir etwas von unserer Gesprächskultur verloren, für die wir eigentlich stehen müssten", sagte Oster.
Auch innerhalb der katholischen Kirche beobachtet der Passauer Bischof starke Polarisierungen. Die Beratungen des Synodalen Wegs in Deutschland habe er "als emotionalen Stress" erlebt. Als einer jener Bischöfe, die sich gegen mehrheitlich vertretene Reformforderungen gestellt hätten, habe er erheblichen öffentlichen Druck erfahren. Besonders belastend sei für ihn gewesen, dass die Deutsche Bischofskonferenz dadurch gespalten erschienen sei. "Und ich trage dazu bei, weil ich einer von dieser Minderheit bin", sagte Oster.
Andersdenkenden das Gute unterstellen
Zugleich betonte der Bischof, unterschiedliche Meinungen innerhalb der Kirche müssten möglich bleiben. In den Auseinandersetzungen habe es jedoch um grundlegende anthropologische Fragen gegangen, die geeignet seien, die Kirche zu zerreißen. Dennoch wolle er auch den Andersdenkenden unterstellen, "dass sie das Gute für die Kirche wollen".
Die katholische Kirche in Deutschland befinde sich derzeit in der "größten Transformation seit der Reformation", sagte Oster. Die Zeit einer selbstverständlichen Volkskirche gehe zu Ende. Christen müssten heute wieder sprachfähig werden und erklären können, woran und warum sie glaubten.
Mit Blick auf die Missbrauchsaufarbeitung zeigte sich Oster überzeugt, dass die Kirche in Deutschland inzwischen weiter sei als viele Ortskirchen weltweit. Die öffentliche Aufmerksamkeit für systemische Ursachen und notwendige Strukturreformen sei gewachsen. Dennoch dürfe die Unterstützung der Betroffenen nicht nachlassen. Zugleich sei aber auch die Zeit gekommen, "dass die Verkündigung des Evangeliums wieder nach vorne kommen darf".