Caritas-Generalsekretärin Parr in "Presse"-Gastkommentar zu aktueller Sozial- und Budgetdebatte: Manifeste Not nicht gegen Armutsgefährdung ausspielen
Wien, 08.05.2026 (KAP) Soziale Probleme und die bedrückende Situation viel zu vieler Menschen in Österreich, die in Armut leben bzw. armutsgefährdet sind, dürfen nicht kleingeredet werden. Das hat Caritasgeneralsekretärin Anna Parr in einem "Presse"-Gastkommentar betont. Zugleich warnte sie vor den sozialen Auswirkungen eines unbedachten Doppelbudgets 2027/28, das auf die Ärmsten in Österreich zu wenig Rücksicht nimmt.
Hintergrund des Kommentars der Caritas-Generalsekretärin ist die jüngst veröffentlichte Erhebung der Statistik Austria, wonach zwar die Zahl der armutsgefährdeten Menschen 2025 zugenommen, zugleich die Zahl der wirklich Armen zuletzt gesunken ist. 2025 waren demnach in Österreich 1.699.000 Menschen (18,8 Prozent) armuts- oder ausgrenzungsgefährdet, 170.000 mehr als 2024 (16,9 Prozent). 261.000 Menschen lebten 2025 in absoluter Armut und können sich grundlegende Lebensbedürfnisse wie Wohnen, Heizen oder ausreichende Ernährung nicht mehr leisten. Gegenüber 2024 (336.000 Personen) ist diese Zahl damit deutlich gesunken.
Insofern besteht für manche kein Grund für Krisenstimmung oder Alarmismus. In dieser Weise äußerste sich etwa "Presse"-Redakteurin Jeannine Hierländer in ihrem Leitartikel am Donnerstag. - Caritas-Generalsekretärin Parr wollte das so nicht stehenlassen.
Die aktuelle Debatte über die neuen Armutszahlen zeige, dass sich Armut nicht auf eine einzige Kennzahl reduzieren lasse. Unterschiedliche Indikatoren würden einander nicht widersprechen, sie beleuchteten lediglich unterschiedliche Aspekte. Deshalb brauche seriöse Sozialpolitik beides: Daten über manifeste materielle Not und Daten über Armutsgefährdung. Letztere zeigten, wer ein deutlich niedrigeres Einkommen als der Großteil der Bevölkerung hat. Das bedeute ein erhöhtes Risiko, in Armut zu geraten oder längst von Armut betroffen zu sein.
Leben auf dünnem Eis
Wer dauerhaft deutlich weniger Einkommen hat als der Durchschnitt, lebe auf dünnem Eis, so die Caritas-Generalsekretärin: "Eine kaputte Waschmaschine, eine Nachzahlung von Energiekosten reichen dann, um eine prekäre Situation eskalieren zu lassen."
Besonders besorgniserregend sei die Entwicklung bei Kindern, Alleinerziehenden und Langzeitarbeitslosen. Die Armutsgefährdungslücke, also die Intensität des Risikos, habe sich vergrößert, denn armutsgefährdete Haushalte würden heute noch weiter unter der Armutsgefährdungsschwelle liegen als vor einem Jahr. Das bedeute: "Die soziale Schere öffnet sich weiter."
Dass die erhebliche materielle Armut zuletzt zurückgegangen ist, sei eine positive Entwicklung, so Parr. Sie zeige, "dass der Sozialstaat wirkt und Entlastungsmaßnahmen kurzfristig geholfen haben". Die absolute Armut liege jedoch im mehrjährigen Vergleich auf hohem Niveau und selbstverständlich wäre die Armutsgefährdung ohne Sozialleistungen in Österreich deutlich höher. Gerade daraus ergibt sich für die Caritas-Generalsekretärin aber die Verantwortung, "soziale Sicherungssysteme nicht weiter auszuhöhlen".
Auch wenn sich einzelne Indikatoren zuletzt verbessert haben, bleibe die Belastung vieler Haushalte hoch. Noch immer können viele unerwartete Ausgaben nicht bewältigen, ihre Wohnung nicht ausreichend warmhalten oder sie sind massiv durch Wohnkosten belastet. Parr: "Die Armutsgefährdungsschwelle mag uns hoch erscheinen, aber auch Wohnen, Energie, Mobilität und soziale Teilhabe sind mittlerweile mit sehr hohen Kosten verbunden."
Warnung vor weiteren Kürzungen
Parr gibt weiters zu bedenken, dass die 2026 erfolgten Kürzungen in den aktuellen Zahlen noch gar nicht abgebildet seien: "Ihre Auswirkungen sehen wir heute, sie werden sich aber erst zeitverzögert in Statistiken zeigen." Das Doppelbudget 2027/2028 sehe laut Ankündigungen weitere Einsparungen vor, die Menschen im unteren Einkommensdrittel und armutsbetroffene Menschen treffen werden, wenn sie nicht sozial gestaffelt sind. Und dies bei hohen Preisen und schlechter Wirtschaftslage, gibt Parr zu bedenken: "Wenn wir als Caritas gemeinsam mit anderen sozialen Organisationen davor warnen, dann ist das kein Alarmismus. Es ist ein notwendiger Realitätscheck und Ausdruck unserer Sorge über eine absehbare soziale Verschärfung, wenn nicht gegengesteuert wird."
Fazit: "Wer Armut wirksam vorbeugen und bekämpfen will - und das ist unser Auftrag als Caritas-, darf manifeste Not nicht gegen wachsende Armutsgefährdung ausspielen. Beide erzählen von derselben gesellschaftlichen Verantwortung." Gerade deshalb brauche die Debatte mehr Differenzierung.