Heftige Kontroversen um "Sudetendeutschen Tag" in Brünn
08.05.202612:24
(zuletzt bearbeitet am 08.05.2026 um 13:32 Uhr)
Tschechien/Geschichte/Politik/Gesellschaft/Kirche
Jährliches Treffen soll zu Pfingsten erstmals in Tschechien stattfinden - Regierungsparteien verlangen Absage - Mitorganisator beklagt mangelnde Aufarbeitung der Vergangenheit und verweist auf ein Wort von Bischof Pribyl, wonach historisches Schweigen keine Probleme löst
Prag/Brünn, 08.05.2026 (KAP) Dass der traditionelle, jährlich stattfindende "Sudetendeutsche Tag" vom 22. bis 25. Mai 2026 erstmals in Tschechien stattfinden soll, sorgt im Land für heftige politische und gesellschaftliche Debatten. Kritiker protestieren seit Wochen gegen die in Brünn geplante 76. Ausgabe des Pfingsttreffens der Sudetendeutschen Landsmannschaft (SdL), die bisher meist in Deutschland abgehalten wurde, während Befürworter sie als Zeichen der Versöhnung zwischen Tschechen und Sudetendeutschen sehen. In dieser Woche erreichte die Kontroverse auch das tschechische Parlament.
Stundenlang debattierten die Abgeordneten über einen Resolutionsentwurf der Regierungsparteien ANO, SPD und Motoristen, die verlangen, dass das Abgeordnetenhaus die Austragung der viertägigen Veranstaltung im Brünner Messegelände ablehnt. Darüber hinaus soll das Parlament die Organisatoren auffordern, die Veranstaltung gänzlich abzusagen. Opposition-Vertreter warfen den Antragstellern hingegen vor, mit dem Thema einen "äußeren Feind" zu suchen. Der Kongress sei vielmehr Teil eines langfristigen Versöhnungsprozesses zwischen Tschechen und Sudetendeutschen. Kommende Woche soll die Politdebatte im Parlament fortgesetzt werden.
Die Einladung nach Brünn erfolgte durch Vertreter des Kulturfestivals "Meeting Brno", das sich seit Jahren mit Fragen historischer Erinnerung und Versöhnung beschäftigt. Festival-Mitbegründer David Macek verteidigte die Einladung der Sudetendeutschen ausdrücklich als Zeichen europäischer Reife und historischer Verantwortung. "Es ist eine bedeutende Geste. In einer anständigen europäischen Gesellschaft waren und sind Nationen fähig, sich offen zu ihren dunklen Seiten zu bekennen", sagte er gegenüber der Nachrichtenagentur TK. Gerade deshalb halte er das Treffen in Brünn für notwendig. Nach Ansicht Maceks zeigen die Proteste, dass die Vergangenheit weiterhin nicht aufgearbeitet sei.
Kritisch äußerte sich Macek über die öffentliche Diskussion rund um die Sudetendeutschen. Er nehme "eine enorme Menge an ungenauen Informationen oder Unwahrheiten" wahr, die den Sudetendeutschen zugeschrieben würden. Macek äußerte die Hoffnung, dass die tschechische Gesellschaft eines Tages einen entspannteren Umgang mit dem Thema finden werde. "Für den Anfang würde es schon reichen, wenn die Menschen offen für Fakten wären", sagte er.
Bischof: Historisches Schweigen löst keine Probleme
In diesem Zusammenhang erinnerte Macek an ein Wort des seit einer Woche neu als Erzbischof von Prag amtierenden Stanislav Pribyl. Noch in seinem vorherigen Amt als Bischof von Leitmeritz hatte dieser zum Jahreswechsel 2025/2026 einen Hirtenbrief zum 80. Jahrestag der Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung aus der Tschechoslowakei in den Jahren 1945-1946 veröffentlicht und das Jahr 2026 für die Diözese Leitmeritz offiziell zum "Jahr der Versöhnung" erklärt.
Pribyl erinnerte in dem Hirtenwort zunächst an die Schrecken des Nationalsozialismus: Die NS-Herrschaft sei "eine Ideologie, die Millionen von Menschen das Leben kostete", weil sie behauptet habe, "der eine Mensch sei mehr wert als der andere". Zugleich warnte er davor, diese Denkweise nur als Teil der Vergangenheit zu betrachten: "Dieses unchristliche und unmenschliche Denken über den Menschen ist leider bis heute lebendig."
Mit ungewöhnlicher Offenheit spricht der Bischof auch über die Gewalt gegen Deutsche nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Vertreibung habe "viele Wunden hinterlassen", die bis heute sichtbar seien - "in der Landschaft, in der Bebauung, vor allem aber in der Beziehung der heutigen Bewohner zur eigenen Vergangenheit". Besonders deutlich kritisiert er das Prinzip der Kollektivschuld sowie den Wunsch nach Rache. "Das Prinzip der Kollektivschuld sowie der oft begleitende Zorn und der Wunsch nach Rache (...) haben vor allem in uns und zwischen uns tiefe Narben hinterlassen", schrieb Pribyl. Als Antwort rief Pribyl zu einem Prozess der Heilung und Versöhnung auf, u.a. mit zwölf "Gottesdiensten der Versöhnung" an symbolischen Orten der Gewalt sein.
Besonders eindringlich ist die zentrale Passage des Hirtenbriefes: "Vielleicht sagen Sie sich, man solle mit der Versöhnung doch endlich aufhören - es seien schließlich 80 Jahre vergangen." Doch historisches Schweigen löse keine Probleme, so Pribyl: "Im Gegenteil - alte Wunden müssen geöffnet werden, damit sie heilen können." Ob die Wunden jemals vollständig heilen würden, wisse er nicht. Sicher sei jedoch, "dass es ein wichtiger Schritt in einem Heilungsprozess sein wird, den unsere Region noch immer dringend braucht".