Jahrestagung der ARGE Ordensarchive im Benediktinerstift Göttweig - Neue Chancen durch Digitalisierung - Neben kirchen- und ordensgeschichtlichen Themen rücken heute auch Alltagskultur, Spiritualitätsgeschichte, Geschlechterrollen oder Aufarbeitung kirchlicher Missbrauchsfälle in den Fokus
Göttweig, 09.05.2026 (KAP) Bei der jüngsten Jahrestagung der ARGE Ordensarchive im Benediktinerstift Göttweig haben Archivarinnen und Archivare aus österreichischen Ordensgemeinschaften die Bedeutung kirchlicher Archive als Orte kultureller Erinnerung und spiritueller Überlieferung hervorgehoben. Im Mittelpunkt der dreitägigen Veranstaltung, über die die Ordensgemeinschaften auf ihrer Website berichten, stand die Frage, wie Ordensarchive zwischen historischem Erbe, wissenschaftlicher Forschung und digitalen Herausforderungen ihren Auftrag erfüllen können.
P. Subprior Franz Schuster OSB vom Stiftsarchiv Göttweig wies darauf hin, dass Ordensarchive nicht nur Urkunden und Akten, sondern auch Erfahrungen, Erinnerungen und Zeugnisse gelebten Glaubens bewahren. Während Archive jahrhundertelang vor allem Papier und Pergament verwaltet hätten, entstünden heute enorme Mengen digitaler Quellen - von E-Mails bis zu Messenger-Nachrichten. Wie diese dauerhaft gesichert und in bestehende Ordnungssysteme integriert werden können, sei vielfach noch ungeklärt.
Zugleich verwies Schuster auf neue Anforderungen an kirchliche Archive. Wissenschaftliche Fragestellungen hätten sich stark erweitert: Neben kirchen- und ordensgeschichtlichen Themen rückten heute auch Alltagskultur, Spiritualitätsgeschichte, Geschlechterrollen oder medizinische Versorgung in den Fokus. Besondere Sensibilität verlangten dabei Quellen zur Aufarbeitung kirchlicher Missbrauchsfälle. Der Umgang mit solchen Dokumenten erfordere neben der Einhaltung gesetzlicher Vorgaben auch ethische Verantwortung und den Schutz Betroffener, erklärte der Subprior.
Trotz knapper personeller und finanzieller Ressourcen sah Schuster im technischen und fachlichen Wandel auch Chancen. Professionalisierung, moderne Erschließungsmethoden und Digitalisierung erleichterten den Zugang zu historischen Quellen erheblich. Archive seien damit nicht nur Gedächtnisorte kirchlicher Gemeinschaften, sondern auch Räume gesellschaftlicher Orientierung. Gerade Krisenzeiten zeigten, dass Geschichte immer auch Erfahrungen von Wandel, Scheitern und Resilienz bewahre.
"Zwischen Spiritualität und Schriftgut"
Die dreitägige Veranstaltung stand unter dem Motto "Zwischen Spiritualität und Schriftgut. Arbeiten im Ordensarchiv" und wurde vom Bereich Kultur und Dokumentation der Österreichischen Ordenskonferenz gemeinsam mit der ARGE Ordensarchive veranstaltet.
Bereits zur Eröffnung hatte Abt Patrick Schöder OSB die Bedeutung der Archive als Grundlage historischen Bewusstseins und institutioneller Identität hervorgehoben. Die Archivarbeit sei ein "Dienst an Kontinuität, Wahrheit und verantwortungsvoller Weitergabe", sagte der Göttweiger Abt. Bernhard Rameder, Kustos der Sammlungen des Stifts Göttweig, verwies auf die zentrale Rolle historischer Bestände etwa bei Restaurierungen und der Erhaltung historischer Gebäude. Viele heutige Forschungs- und Erhaltungsarbeiten wären ohne die sorgfältige Tätigkeit früherer Archivare nicht möglich.
Karin Mayer, Leiterin des Bereichs Kultur und Dokumentation der Österreichischen Ordenskonferenz, erinnerte an historische Selbstverständnisse klösterlicher Archive. Bereits in älteren Ordensquellen werde das Archiv als wesentlicher Bestandteil eines Klosters beschrieben, an dem geistliche und weltliche Geschichte bewahrt werde.
Mit dem Wandel des Berufsbildes befasste sich P. Prior Maximilian Schiefermüller OSB vom Benediktinerstift Admont. Der klassische "stille Gelehrte" im Archiv entspreche längst nicht mehr der Realität. Ordensarchivare seien heute zugleich Vermittler zwischen Forschung, Öffentlichkeit, Museum, Seelsorge und digitaler Wissensvermittlung. Archive seien keine bloßen Aufbewahrungsorte alter Akten, sondern lebendige Räume der Erinnerung und Identitätsbildung.
Ehrfurcht gegenüber religiösen Texten
Der zweite Tag der Tagung widmete sich verstärkt dem Umgang mit spirituellem Schriftgut und Fragen der Kulturvermittlung. P. Peter van Meijl SDS, Leiter des Internationalen Forschungsinstituts für salvatorianische Geschichte und Spiritualität, sprach über den Spannungsbogen zwischen wissenschaftlicher Distanz und Ehrfurcht gegenüber religiösen Texten. Anhand von Kriegstagebüchern, Chroniken und persönlichen Aufzeichnungen von Salvatorianern und Salvatorianerinnen zeigte er, wie Archive nicht nur Fakten, sondern auch Glaubenserfahrungen, Krisen und persönliche Verarbeitungsprozesse überliefern.
Workshops beschäftigten sich anschließend mit zeitgemäßer Kulturvermittlung in Archiven und Museen. Christine Kögler und Barbara Linke vom Museumsmanagement Niederösterreich betonten, Kulturvermittlung müsse historische Quellen möglichst vielen Menschen zugänglich machen und zur eigenständigen Auseinandersetzung mit Geschichte anregen.
Vorgestellt wurde zudem ein neu konzipierter "Lehrgang Ordensarchive", der ab Herbst 2026 angeboten werden soll. Die Ausbildung umfasst sechs Grundmodule, eine Praxiswoche sowie zusätzliche Wahlmodule und richtet sich an Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Ordensarchiven.
Am dritten Tag stand schließlich die Bedeutung frühneuzeitlicher Wallfahrten als Kommunikations- und Medienphänomen im Mittelpunkt. Vorgestellt wurde das vom Österreichischen Wissenschaftsfonds geförderte interdisziplinäre Forschungsprojekt "SALVEMED", das das Thema Wallfahrt anhand von Druckwerken, Andachtsbildern und archivalischen Quellen untersucht.
Die Vorsitzende der ARGE Ordensarchive, Miriam Trojer vom Stift Wilten, zog zum Abschluss eine positive Bilanz der Tagung und hob den intensiven fachlichen Austausch hervor. Die nächste Jahrestagung findet von 5. bis 7. April 2027 gemeinsam mit der deutschen Arbeitsgemeinschaft (AGOA) in Matrei am Brenner statt. (Info: https://www.ordensgemeinschaften.at)