Linzer Bischof warnt bei ökumenischem Gottesdienst in KZ-Gedenkstätte vor "gewöhnlichen Menschen" ohne Unrechtsbewusstsein - Gedenken fordert heraus, aufmerksam zu bleiben
Linz, 10.05.2026 (KAP) Auf die Gefahren des Mitläufertums hat der Linzer Bischof Manfred Scheuer am Sonntag bei der Mauthausen-Gedenkfeier - heuer unter dem Thema "Täter und Täterinnen im Nationalsozialismus" - hingewiesen. "Monster gibt es, aber es sind zu wenige, um eine echte Gefahr darzustellen", zitierte er den italienischen Schriftsteller und Auschwitz-Überlebenden Primo Levi. Gefährlicher seien "gewöhnliche Menschen, Funktionäre, die bereit sind, zu glauben und zu handeln, ohne Fragen zu stellen".
Die internationale Befreiungsfeier in der KZ-Gedenkstätte Mauthausen wurde am Sonntagvormittag traditionellerweise mit einem ökumenischen Gottesdienst in der Kapelle der Gedenkstätte eröffnet. Ihm standen neben dem Linzer katholischen Bischof die evangelische Bischöfin Cornelia Richter und der Wiener orthodoxe Bischofsvikar Ioannis Nikolitsis vor.
Von Hannah Arendt stamme das Wort von der "Banalität des Bösen", so Scheuer weiter: "Es sollte die Durchschnittlichkeit des Täters bezeichnen und nahe legen zu sagen: Die große Masse war nicht besser als Eichmann." Die jüdische Philosophin habe damit den Sachverhalt des moralisch durchschnittlichen Schreibtischtäters benannt, der kein Unrechtsbewusstsein aufzubringen vermochte. In einer technisierten und bürokratisierten Welt seien der Völkermord und die Ausrottung "überflüssig" erscheinender Bevölkerungsgruppen "geräuschlos und ohne moralische Empörung der Öffentlichkeit" zur Gewohnheit geworden, erinnerte der Bischof.
Und Scheuer stellte die Frage, wie ein sittliches Bewusstsein auf ein solch niedriges Niveau hinabgezogen werden könne, wie Abwehrkräfte dagegen gemindert werden. Eine Antwort darauf habe der von den Nazis ermordete evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer versucht: "Der tyrannische Menschenverächter macht sich das Gemeine des menschlichen Herzens leicht zunutze, indem er es nährt und ihm andere Namen gibt: Angst nennt er Verantwortung, Gier heißt Strebsamkeit, Unselbständigkeit wird zur Solidarität, Brutalität zum Herrentum." Unter den heiligsten Beteuerungen der Menschenliebe treibe die niedrigste Menschenverachtung ihr finsteres Geschäft, so Bonhoeffer. Die verbleibende kleine Zahl der Aufrechten werde mit Schmutz beworfen.
Gedenken heiße nicht, sich automatisch auf die richtige Seite zu stellen, wies Bischof Scheuer hin. Erinnerung sei mehr als Rückblick: "Sie verlangt, sich nicht vorschnell als "die Guten" zu sehen, sondern die eigene Verantwortung ernst zu nehmen." Und: Gedenken sei nicht bequem, vielmehr verbunden mit Trauer, Scham, dem Eingeständnis von Schuld, mit der Bereitschaft zur Veränderung, Menschlichkeit und mit Willen zu lernen. "Gedenken fordert uns heraus", betonte Scheuer. "Nicht nur zu erinnern - sondern aufmerksam zu bleiben."
Bischöfin Richter: "Sagen, was ist"
Die evangelische Bischöfin Cornelia Richter wandte sich in einem Gebet an Gott: "Verzagt stehen wir vor Dir, weil wir wissen, dass diese Welt selten aus der Geschichte lernt. Weil sich die Gewalt langsam ihren Weg bahnt, weil Menschen jeder Zeit wieder zu Täterinnen und Täter werden können." Richter äußerte Vertrauen in die Gnade Gottes, der die Kraft gebe, "inne zu halten, aufzustehen und zu sagen, was ist". Auch in einer krisenhaften Welt würden sich immer wieder Menschen für andere einsetzen. "Deshalb kommt, lasst uns gehen und mit Gottes Hilfe an seinem Frieden bauen!", so der Schlussappell der Bischöfin.
Die musikalische Gestaltung des ökumenischen Gottesdienstes lag beim Chor "Musica Viva" der Pfarre Mauthausen unter der Leitung von Alfred Hochedlinger. Die offizielle Befreiungsfeier startete im Anschluss um 11 Uhr. An ihr nahmen auch eine Reihe von Vertreterinnen und Vertretern der Kirchen und Religionsgemeinschaften teil, von katholischer Seite u. a. eine Delegation der Katholischen Aktion und zahlreiche Engagierte aus der Katholischen Jugend.
Neugestaltung der Aschenhalde
In der KZ-Gedenkstätte ist das Holzkreuz, das bisher an der Aschenhalde an die Opfer erinnert hat, zuletzt in die Kapelle übertragen worden. Beim ökumenischen Gottesdienst wurde das Kreuz an seinem neuen Platz in der Kapelle gesegnet. Dieser Akt ist Teil der Neugestaltung der Aschenhalde. Sie soll künftig deutlicher als bisher als Friedhof sichtbar gemacht werden und interkonfessionell gestaltet werden.
Die Aschenhalde ist ein halbrunder Abhang im hinteren östlichen Teil des Geländes der KZ-Gedenkstätte. Dort wurde die Asche aus den Krematorien, in denen die Leichen getöteter Gefangener verbrannt wurden, hinuntergekippt. Nach dem Kriegsende und der Befreiung des Lagers wurden ab 1947 an der Oberseite des Hanges erste Elemente einer Gedenkstelle errichtet, darunter ein weiß lasiertes Holzkreuz. In den 1950er Jahren wurde dieses durch jenes Holzkreuz ersetzt, das bis jetzt an dieser Stelle an die Opfer erinnerte.
In den vergangenen Jahren sind auf dem Hang zunehmend Knochenreste zutage getreten. Um die Totenruhe und ein würdiges Gedenken zu gewährleisten, wurde damit begonnen, den Hang abzusichern. Er wurde vom Bundesdenkmalamt als Grabstätte eingestuft und soll entsprechend neugestaltet werden.
Da es im KZ Opfer aus verschiedenen christlichen Konfessionen sowie verschiedenen Religionen und Weltanschauungen gab, soll die Gestaltung der Opfergrabstätte überkonfessionell erfolgen. Details dazu werden in einer Arbeitsgruppe der Gedenkstätte gerade erarbeitet. Die Entfernung des Kreuzes und seine Anbringung in der Kapelle erfolgten im Einvernehmen mit den kirchlichen Vertretern im Mauthausen Komitee (MKÖ) erfolgt, das 1997 von Gewerkschaftsbund und Bischofskonferenz mit dem Bundesverband der Israelitischen Kultusgemeinden Österreichs als Partner gegründet wurde. Die Grabstätte soll künftig in die Rundgänge der Vermittlerinnen und Vermittler integriert werden.