Kardinal Német: Kirche muss sich nach Orban-Jahren Spiegel vorhalten
12.05.202613:04
(zuletzt bearbeitet am 12.05.2026 um 14:33 Uhr)
Ungarn/Kirche/Politik/Gesellschaft
Aus Ungarn stammender Kardinal mahnt zu Staat-Kirche-Verhältnis, "das weltlichen Charakter des Staates und innere Autonomie der Kirchen klar wahrt"
Budapest/Belgrad, 12.05.2026 (KAP) Nach dem politischen Machtwechsel in Ungarn fordert Kardinal Ladislav (Laszlo) Német die katholische Kirche im Land zu einer ehrlichen und selbstkritischen Auseinandersetzung mit der zu großen Nähe zur Politik während der Jahre der Orbán-Regierung auf. "Manchmal habe ich den Eindruck, dass unsere Ortskirchen so weit von der seit Jahren pulsierenden Dynamik der Weltkirche und ihrem synodalen Weg entfernt sind, dass es schwer in Worte zu fassen ist - der Politik hingegen haben wir uns sehr nahe kommen lassen", schreibt der aus Ungarn stammende Erzbischof von Belgrad und frühere Generalsekretär der Ungarischen Bischofskonferenz in einem längeren Gastbeitrag im Online-Portal "Szemlélek" (Dienstag).
Die Situation nach den jüngsten Parlamentswahlen könne nicht nur ein politischer Wendepunkt sein, "sondern auch ein Kairos für die kirchliche Erneuerung und Umkehr", so der Kardinal. "Ich wünsche mir, dass uns künftig viel mehr die Lehre des Papstes beschäftigt als die Bestrebungen unserer Politiker, denn nur so können wir unsere gesellschaftliche Rolle wahrhaftig erfüllen." Für das Gemeinwohl müssten Staat und Kirche sehr wohl zusammenarbeiten, jedoch "in gegenseitiger Achtung und in transparentem Rahmen", mahnt Német - also in einem Modell, "das zugleich den weltlichen Charakter des Staates und die innere Autonomie der Kirchen klar wahrt".
An einigen aktuellen Stellungnahmen über die Rolle der Kirchen in den zurückliegenden Jahren der Fidesz-Regierung "stört mich, dass manche aus der kirchlichen Leitung über die vergangenen eineinhalb Jahrzehnte so sprechen, als wären in das System nicht sehr konkrete Erwartungen eingebettet gewesen", hält der Kardinal fest. Er verstehe nicht, "wie diejenigen, die 16 Jahre lang in einer bestimmten politisch-gesellschaftlichen Ordnung gelebt haben und zu den größten Nutznießern des Systems gehörten, nicht bemerkt haben konnten, dass etwas nicht ganz normal funktionierte - weder innerhalb noch außerhalb der Kirche."
Die Kirche dürfe sich nicht bloß darauf beschränken, ein stabilisierender Faktor der gesellschaftlichen Ordnung zu sein, mahnt Német, der seit 2024 dem Kardinalskollegium angehört und Vizepräsident im Rat der europäischen Bischofskonferenzen (CCEE) ist. "Es ist ebenso ihre Aufgabe zu erkennen, wann sie einen kritischen Spiegel vorhalten und die Wirklichkeit im Licht des Evangeliums beurteilen muss - auch dann, wenn dies unbequem ist."
Sprechen oder Schweigen?
Német greift damit auch auf den Vorwurf auf, dass von führenden Kirchenvertretern in Ungarn in den vergangenen Jahren fast nie öffentlich Kritik an der Regierung geübt wurde. "Die 'Kunst des Nicht-Sprechens' kann zuweilen tatsächlich weise und notwendig sein", so der Kardinal: "Wenn aber das Schweigen systemisch wird und 16 Jahre lang keine substanzielle Wortmeldung erfolgt zu gesellschaftlicher Ungerechtigkeit, zur Verrohung des öffentlichen Diskurses, zur Institutionalisierung von Hassrede, zur grassierenden Korruption, zur systemischen Stigmatisierung von Menschen, zu ihrer Ausgrenzung und Aufhetzung gegen sie, dann ist das keine Tugend mehr, sondern eine schwere Unterlassung." Aufgabe von Hirten sei es nicht nur die Herde zu bewachen, sondern auch, Gefahren zu erkennen und beim Namen zu nennen, "denn wir haben das Evangelium der Kleinen zu verkünden - gelegen oder ungelegen".
Német schreibt selbst von einer "Unterdrückung der Pluralität" auch im kirchlichen Umfeld. Auch er und Gleichgesinnte, die mit ihm zusammenarbeiten, hätten u. a. wegen ihrer Offenheit gegenüber dem kirchlichen synodalen Reformprozess Ausgrenzung erfahren. Geschehen sei dies nicht durch spektakuläre, offizielle Sanktionen, sondern durch "subtilere und doch sehr reale und wirksame Mechanismen" wie "Mundtotmachen, Drängen in ein mediales Vakuum (etwa in der 'offiziellen' ungarischen katholischen Presse), Misstrauen, finanzieller Entzug".
"Der Selbstkritik nicht ausweichen"
Der Kardinal geht in diesem Zusammenhang auch auf die Rolle von Bischöfen in einer synodalen Kirche und die grundsätzliche Debatte um das Kirchenbild ein, die er für zentral hält. Die Synodenversammlungen von 2023 und 2024 hätten klar gezeigt, "dass die Kirche vor allem die Gemeinschaft der Getauften ist", in der jeder eine ihm eigene Berufung habe. "Diese ekklesiologische Sichtweise bringt eine Haltung mit sich, in der Initiativen nicht stets von oben kontrolliert werden und die Beteiligung der unteren Ebenen sehr wohl erwünscht und unterstützt ist und nicht nur eher geduldet wird."
Agierten Bischöfe bloß als "Aufseher", drohe die Kirche selbst unterdrückend zu werden. Német: "Daher können wir der Selbstkritik nicht ausweichen. Oft bemerken wir Bischöfe schlicht nicht, dass sich unser Weltbild und unser pastoraler Horizont verengt haben, und so haben wir auch nicht gesehen, wann wir in den vergangenen Jahrzehnten hätten sprechen müssen. Hätten wir es getan, stünden wir vielleicht heute auch gesellschaftlich nicht dort, wo wir stehen."
Kairos zur kirchlichen Erneuerung nutzen
Er habe den Eindruck, so der Kardinal weiter, dass ein Teil der kirchlichen Stellungnahmen nach den Wahlen darauf abziele, die Vergangenheit zu relativieren, anstatt sich kritisch mit ihr auseinanderzusetzen. "Zugleich gibt es Stimmen - von Priestern, Ordensleuten und Laien -, die offen über die Gefahren einer übergroßen Nähe zwischen Kirche und politischer Macht sprechen. Diese Stimmen sind Zeichen der Hoffnung und zeigen, dass innerhalb der ungarischen Kirche die Sehnsucht nach Erneuerung lebt, dass auch die kirchliche Erneuerung Kapital, einen Kairos hat, den es zu nutzen gilt." Es biete sich für die Ortskirche die Gelegenheit, "unsere Rolle neu zu durchdenken, zurückzufinden zu jenem synodalen Weg, der in der Weltkirche seit Jahren beschritten wird, und unsere prophetische Stimme zu stärken".
Dialog zwischen Staat und Kirchen, aber keine politische Loyalität
Eigens betont Kardinal Német, dass in den Jahren der Orbán-Regierung "auch viele Gutes geschehen" sei. So müsse die Kirche dankbar sein für die Unterstützung von Schulen, sozialen und karitativen Diensten, die Stärkung der Religionsfreiheit und der verfassungsrechtlichen Stellung der Kirchen. "Diese Dinge sind heute in der Welt nicht überall selbstverständlich."
Staatliche Unterstützung für die Kirchen in diesen Bereichen ist aus Sicht Némets gerechtfertigt, muss aber transparent erfolgen: "Das bedeutet, dass der Staat die lehrende und seelsorgliche Sendung der Kirchen ernstnimmt und sie nicht für parteipolitische Ziele instrumentalisieren will und dass die Kirchen ihrerseits nicht nach politischer Macht streben, sondern mit prophetischer Freiheit, als Gewissen der Gesellschaft, zum öffentlichen Leben sprechen", schreibt Nemet. "In einem solchen Modell bedeutet staatliche Unterstützung keine Privilegien, sondern das gemeinsame Tragen öffentlicher Aufgaben, und zwar auf der Grundlage klarer und überprüfbarer Vereinbarungen, sodass die Kirchen nicht in materielle oder politische Abhängigkeit von irgendeiner Regierung geraten."
Er hoffe, so der Kardinal abschließend, dass sich "in der kommenden Zeit ein solches Vertrauensklima und ein solcher Dialog zwischen Staat und Kirchen herausbildet, in dem beide Seiten die wechselseitige Abhängigkeit bewusst vermeiden, der Staat von den Kirchen nicht 'als Gegenleistung' politische Loyalität erwartet, und die Kirchen ihrerseits die Erfüllung ihrer Sendung nicht von der jeweiligen Macht erhoffen, sondern frei, im Licht des Evangeliums, den Menschen dienen".