"Iustitia et Pax"-Kommission der Tschechischen Bischofskonferenz warnt vor politischer Instrumentalisierung des Pfingsttreffens der Sudetendeutschen und mahnt zu versöhnlichem Umgang mit der Geschichte
Prag/Brünn, 15.05.2026 (KAP) In der von nationalistischen Zuspitzungen gezeichneten Debatte um die Abhaltung des "Sudetendeutschen Tags" in Brünn hat die für gesellschaftliche und soziale Fragen zuständige "Iustitia et Pax"-Kommission der katholischen Bischofskonferenz Tschechiens zu Versöhnung und gegenseitigem Verständnis aufgerufen. "Die Zukunft kann - wenn sie nicht mit Gewalt gelöst werden soll - nicht auf historischen Kränkungen beruhen, sondern auf der Fähigkeit, einander zu verstehen, zu vergeben und gemeinsame Ziele in der europäischen Gemeinschaft zu suchen", heißt es in einer Stellungnahme vom Donnerstag. Der Rat für Gerechtigkeit und Frieden unterstützt damit das traditionelle Pfingsttreffen der Sudetendeutschen Landsmannschaft (SdL), das heuer erstmals in Tschechien stattfinden soll.
Die Erklärung warnt vor der politischen Instrumentalisierung des "Sudetendeutschen Tags" und ruft zu einem versöhnlichen Umgang mit der gemeinsamen Geschichte auf. Die tschechisch-deutschen Beziehungen müssten auf Wahrheit, Erinnerung und gegenseitiger Verständigung beruhen. Historische Traumata dürften nicht für aktuelle politische Konflikte missbraucht werden. Im kirchlichen Umfeld wurde zudem auf Aussagen des Prager Erzbischofs Stanislav Pribyl verwiesen, wonach "historisches Schweigen keine Probleme löst". Die Kirche sehe ihre Aufgabe darin, Prozesse der Versöhnung zu unterstützen und Räume für Begegnung zu schaffen.
Konzbul: "Chance für Begegnung im Geiste des Respekts"
Der Brünner Bischof Pavel Konzbul begrüßte bereits Anfang Mai "jede Initiative, die zur Begegnung zwischen Menschen, zum Dialog und zur Überwindung historischer Ungerechtigkeiten führt". Versöhnung erfolge nicht durch Leugnung oder Verharmlosung der Vergangenheit, "sondern dadurch, dass man ehrlich und respektvoll darüber spricht", sagte er gegenüber "EWTN News". Der Sudetendeutsche Tag sei in erster Linie eine "Chance für eine solche Begegnung", vorausgesetzt, "sie findet im Geiste des Respekts statt, ohne gegenseitige Anschuldigungen".
Kritiker protestieren seit Wochen gegen die in Brünn geplante 76. Ausgabe des "Sudetendeutschen Tags", während Befürworter die Bedeutung der Veranstaltung als Zeichen der Versöhnung zwischen Tschechen und Sudetendeutschen betonen. Die Debatte offenbart tiefe politische und gesellschaftliche Spannungen im Umgang mit der Vertreibung der Sudetendeutschen nach dem Zweiten Weltkrieg, den Benes-Dekreten und der Frage der historischen Versöhnung zwischen Tschechen und Deutschen.
Regierungsparteien fordern Absage
Zuletzt forderte die tschechische Abgeordnetenkammer in einer mit den Stimmen der Regierungsparteien ANO, Freiheit und direkte Demokratie (SPD) und Motoristen beschlossenen Resolution die Organisatoren zur Absage der Veranstaltung auf. Vertreter des Kulturfestivals "Meeting Brno", das sich seit Jahren mit Fragen historischer Erinnerung und Versöhnung beschäftigt und das zum Pfingsttreffen der Sudetendeutschen in die südmährische Metropole eingeladen hatte, erklärten jedoch schon im Vorfeld, dass das Treffen wie geplant durchgeführt werden soll.
Die Opposition nahm an der Sitzung im Parlament demonstrativ nicht teil. Auf den leeren Sitzen der Abgeordneten war ein an die rechtsnationalen Parteien gerichtetes Transparent mit der Aufschrift zu sehen: "Mit dem Schüren von Hass bezahlt ihr keine Schulden." Die Brünner Oberbürgermeisterin Markéta Vaková (ODS), die den Sudetendeutschen Tag unterstützt, bezeichnete die Debatte im Parlament als Verschwendung von Zeit und Ressourcen. Diese könnten stattdessen genutzt werden, "um die Beziehungen zu den deutschen Nachbarn weiterzuentwickeln".
"Politische Provokation"
Minister Boris Stastny von der rechtspopulistischen Autofahrer-Partei (Motoristen) nannte derweil den Sudetendeutschen Tag eine "politische Provokation". Der Widerstand gegen die Veranstaltung sei kein Zeichen der Ablehnung Deutschlands oder des Dialogs mit Menschen deutscher Herkunft, sondern Ausdruck des "Respekts gegenüber der Nachkriegsordnung Europas, dem internationalen Recht und der historischen Erfahrung". Kontrovers fielen Aussagen des SPD-Abgeordneten Jindich Rajchl aus, der die gewaltsame Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung aus der Tschechoslowakei historisch relativierte. "Es ist wohl nichts, wofür wir applaudieren sollten, aber im damaligen historischen Kontext war es verständlich", sagte Rajchl im Parlament.
Der Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe, Bernd Posselt, reagierte scharf auf die Entscheidung des tschechischen Parlaments. Gegenüber der Nachrichtenagentur CTK bezeichnete der Präsident der Paneuropa-Union Deutschland und frühere Europaabgeordnete der deutschen CSU die Debatte im Abgeordnetenhaus als "Farce". Er verwies darauf, dass die Opposition die Sitzung boykottiert habe und der Sitzungssaal weitgehend leer gewesen sei. Posselt hatte bereits zuvor angekündigt, in seiner Rede in Brünn nicht über die Benes-Dekrete sprechen zu wollen, obwohl er sie ablehne, da sie seiner Ansicht nach auf dem Prinzip der Kollektivschuld beruhen.