Valie Export und die Kirche: Eine späte Annäherung
15.05.202613:41
(zuletzt bearbeitet am 15.05.2026 um 14:15 Uhr)
Österreich/Kunst/Leute/Tod/Valie.Export/Kirche
International bekannte Performancekünstlerin gestaltete wenige Jahre vor ihrem Tod die neue Orgel am Linzer Pöstlingberg
Linz/Wien, 15.05.2026 (KAP) Die österreichische Medien- und Performancekünstlerin Valie Export ist am Donnerstag im Alter von 85 Jahren gestorben. Die 1940 in Linz als Waltraud Lehner geborene Künstlerin galt international als Ikone der feministischen Avantgarde und prägte mit ihren Performances, Filmen und Installationen über Jahrzehnte die zeitgenössische Kunst. Trotz ihrer oft provokanten Arbeiten kam es wenige Jahre vor ihrem Tod auch zu einer Kooperation mit der Kirche.
Als "sehr offen und sehr kommunikativ" beschrieb der frühere Linzer Diözesankonservator und heutige Referent für Kunstpastoral und Kulturarbeit der Diözese Linz Hubert Nitsch die Verstorbene am Freitag im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Kathpress. Zweimal arbeitete der Kunsthistoriker und Theologe mit Export zusammen: 2022 bei der Gestaltung der neuen Orgel der Pöstlingbergkirche in Linz und 2024 bei einer Ausstellung in St. Virgil Salzburg.
Insbesondere die Zusammenarbeit bei der Pöstlingberg-Orgel sei für Export Neuland gewesen. "Sie hat gleich gesagt: Habe ich noch nie gemacht - aber sie war sehr interessiert daran", erinnerte sich Nitsch an die Begegnungen. Religion sei in ihrer Jugend durchaus "ein Faktor" gewesen: Export habe oft von ihren Erinnerungen an Maiandachten im Linzer Mariendom erzählt und diese als "schillernd" beschrieben. Der Pöstlingberg sei zudem ein regelmäßiges Ausflugsziel ihrer Kindheit gewesen.
An Export hatte sich Nitsch bei seiner Anfrage deshalb gewandt, da die sonst oft ausschließlich mit feministischen Themen konnotierte Künstlerin sich zeitlebens auch intensiv mit der menschlichen Stimme und dem Marienbild auseinandergesetzt hat. "Menschliche Stimmbänder und Pfeifen der Orgel werden immer als Analogie gesehen", sagte Nitsch. Genau dieser Zugang habe auch Export schließlich überzeugt. Die Künstlerin lieferte daraufhin den Entwurf, der vom Freiburger Orgelbauer Tilmann Späth umgesetzt wurde.
Pfarre hatte anfangs große Bedenken
In der Pfarre Pöstlingberg war die Entscheidung für Valie Export zunächst umstritten. Wolfgang Seitz, Vorsitzender des Orgelkomitees, berichtete gegenüber Kathpress von teils heftigen Reaktionen bis hin zu Rückzugsdrohungen von Spendern. "Wenn diese Künstlerin tatsächlich arbeiten darf, ziehen sie ihre Spendenbeiträge für die Orgel zurück", sei damals aus der Pfarrgemeinde zu hören gewesen. Auch im Orgelkomitee habe man intensiv diskutiert, und er selbst habe zunächst überlegt, "ob man nicht von diözesaner Seite her jemand mit kirchlich näherem Profil nehmen könnte", erinnerte sich Seitz.
Mit der Zeit habe sich die Stimmung jedoch verändert. Ausschlaggebend seien unter anderem die internationale Reputation der Künstlerin und ihre konkreten Entwürfe gewesen. Besonders die Gestaltung der Schleierbretter mit Flügeln und eines Metallbands mit dem Schriftzug "Wer begreift, hat Flügel" hätten im Komitee und schließlich auch in der Pfarre Zustimmung gefunden. Auch ein nur von der Orgelempore aus sichtbares Gedicht über die menschliche Stimme gestaltete Export.
Ein weiterer geplanter Teil des Projekts - ein großes Glaselement mit einer Darstellung einer Stimmbandritze im Ostfenster - wurde letztlich nicht umgesetzt. Laut Seitz nahm die Orgelbaufirma dem Komitee die Entscheidung ab, da der vorgesehene Bereich später durch einen hohen Mittelturm verdeckt worden wäre. "Das hat dann auch die Künstlerin eingesehen", so Seitz. Die Pfarre sei in Frieden mit der Künstlerin auseinandergegangen - wobei auch mitgespielt haben dürfte, dass die Aufregung um sie damals von den Debatten rund um die Corona-Pandemie überlagert wurde.
Einziger kirchlicher Auftrag Exports
Nach Angaben des damaligen Diözesankonservators Nitsch blieb die Orgel in dem Gotteshaus, das als Linzer Wahrzeichen gilt, der erste und einzige kirchliche Auftrag Exports. Dennoch verwendete die Künstlerin Pfeifen des alten Instruments weiter, als Teil einer späteren Friedensinstallation in Bregenz. Dem Pöstlingberg hinterließ die Verstorbene zudem eine Mappe von grafischen Skizzen, die in der Pfarre als Baustein für die Orgelfinanzierung zu einem vergünstigten Preis erworben werden können.
Für die österreichische Kunst bleibe Export "sicher eine bahnbrechende Künstlerin", die "einen manchmal umstrittenen, aber doch wichtigen Beitrag im Diskurs zwischen Kunst und Gesellschaft geliefert" habe, resümierte Nitsch. Die Provokationen Exports sei in den Gesprächen mit der Diözese hingegen kaum Thema gewesen. "Die Künstlerin hat sehr sachbezogen agiert und reagiert", so der langjährige Diözesankonservator. Entscheidend sei für sie allein die Frage gewesen: "Wie kann man eine Orgel gut gestalten?"