Nunmehr 66 Beiträge erzählen von oberösterreichischen Menschen, die im Nationalsozialismus verfolgt wurden
Linz, 21.05.2026 (KAP) Das Gedächtnisbuch Oberösterreich, eine fortlaufend erweiterte Sammlung von Biografien von im Nationalsozialismus verfolgten Menschen, ist um einige Lebensgeschichten reicher. Am Mittwoch wurden auf dem OK-Deck in Linz die neu hinzugekommenen Kapitel präsentiert, die in diesem Jahr besonders Mitglieder des kommunistischen und christlich-sozialen Widerstands, Opfer der NS-Euthanasie, Zeugen Jehovas, eine Sinti-Familie, sogenannte "Asoziale" und Opfer der Zwangsprostitution in den Konzentrationslagern in den Mittelpunkt stellen. Mit dem Priester Franz Ohnmacht findet auch ein enger Mitarbeiter des damaligen Diözesanbischofs Johannes M. Gföllner Eingang in die Sammlung, wie die Diözese Linz mitteilte. Inzwischen umfasst das Buch 66 Beiträge.
Die Toten müssten nicht im Besitz der Lebenden für gegenwärtige Machtkämpfe herhalten, betonte Bischof Manfred Scheuer bei der Vorstellung; sie seien nicht Voyeuren ausgesetzt und das Gedächtnisbuch würde auch nicht dem Trend zu Musealisierung, zur Neutralisierung oder zur Relativierung und geschichtlichen Einordnung des Holocausts dienen. So sei auch das Gedenken in Mauthausen kein Beobachten der schrecklichen Ereignisse vor 85 Jahren aus sicherer Distanz, sondern lasse in Begegnung treten und eröffne Verantwortung. Es suche aber auch nach Spuren der Aussöhnung und der Hoffnung. "Das Erinnern gibt der Gerechtigkeit ihre Würde zurück", formulierte der Bischof.
Im Widerstand verfolgt
Die im Gedächtnisbuch neu aufgenommenen Biografien dokumentieren das Schicksal der rassistisch verfolgten Rosa Beer und ihres im kommunistischen Widerstand ermordeten Sohn Ludwig sowie Maria Ehmer vom Widerstandsnetzwerk "Willy-Fred". Ferdinand Elmer wurde als "Asozialer" stigmatisiert, während die Zeugin Jehovas Rosalia Hahn im KZ Ravensbrück verstarb. Marie Luegmayer wurde im Zuge der "Euthanasie"-Aktion T4 ermordet. Wanda S. wurde in den Lagern Dachau und Gusen zur sexuellen Zwangsarbeit gezwungen, während Rosa Winter und Arthur Schneeberger das systematische Leid einer verfolgten Sinti-Familie widerfuhren.
Franz Ohnmacht war Priester der Diözese Linz, enger Mitarbeiter von Bischof Johannes Maria Gföllner und führend in der Organisation der Katholischen Aktion tätig. Aufgrund seiner engen Verbindung zum NS-kritischen Bischof sowie seiner klaren Ablehnung des Regimes wurde er unmittelbar nach dem "Anschluss" Österreichs 1938 verhaftet und stellvertretend für seinen Bischof verfolgt. Nach seiner Inhaftierung in Linz deportierte man Ohnmacht in die Konzentrationslager Dachau und Buchenwald, wo er schwer misshandelt, zu Zwangsarbeit gezwungen und mutmaßlich medizinischen Experimenten unterzogen wurde. Er starb 1954 an den Folgen der KZ-Haft.
Digital und in Buchform
Die fortlaufend erweiterte regionale Biografiensammlung wächst seit 2019 jährlich um ausgewählte vierseitige Biografien, die aus Text, Bild oder Dokumenten ein "bleibendes Zeugnis" schaffen, so die Initiatoren. Das großformatige Buch verstehe sich dabei "nicht in Opposition zu digitalen Medien und deren Flüchtigkeit, sondern ist als Referenz an die zerstörerische Gewalt der Nationalsozialisten gedacht, die in den Bücherverbrennungen vor 90 Jahren, am 10. Mai 1933, zum Ausdruck kam".
Das Gedächtnisbuch OÖ kann im Mariendom Linz und im Linzer Schlossmuseum aufgeschlagen werden. Eine digitale Fassung findet sich auf der Webseite des Jägerstätter-Instituts (www.ku-linz.at/gedaechtnisbuch_ooe). Ziel sei es, "das Gedächtnisbuch in verschiedene Kontexte des Erinnerns zu verorten und die erarbeiteten Biografien in die Gedenkkultur des Landes Oberösterreich einzubinden", hieß es. In einem jährlich stattfindenden Projektablauf werden Teilnehmende zur historischen Recherche und Auseinandersetzung mit einer ausgewählten Biografie angeleitet.
Das seit 2019 bestehende Gedächtnisbuch Oberösterreich verbinde Wissenschaft und Forschung mit gelebter partizipativer Erinnerungskultur, erklärten die Initiatoren. Das Projekt umfasst unterschiedlichste sozialen Gruppierungen, Altersgruppen, Weltanschauungen, Verfolgungsgründe; auch solche, deren Erinnerung teils bis in die Gegenwart eine Leerstelle darstellen. Um Teil des Projekts zu werden, können sich Interessierte an das "Franz und Franziska Jägerstätter Institut" wenden (Kontakt: ffji@ku-linz.at).