Über Jahrzehnte brannten illegale Müllhalden in Süditalien - Millionen Menschen im "Land der Feuer" leiden bis heute unter den Folgen - Papst Leo XIV. verlangt ein generelles Umdenken - von Kathpress-Korrespondentin Severina Bartonitschek
Acerra, 23.05.2026 (KAP) Umweltverbrechen der Mafia, jahrelange Untätigkeit des Staates und trauernde Familien: Papst Leo XIV. hat seinen Besuch im süditalienischen Acerra zum Anlass genommen, um einen grundlegenden gesellschaftlichen Wandel zu fordern. Über Jahrzehnte vergrub und verbrannte das organisierte Verbrechen in der Region Millionen von Tonnen gefährlicher Abfälle - vergiftete damit Luft und Boden. Darum trägt das Gebiet in der Nähe von Neapel auch die Bezeichnungen "Land der Feuer" oder "Dreieck des Todes". Bis heute leiden Bewohner und Umwelt unter den Folgen.
Laut dem örtlichen Bischof Antonio Di Donna sind in den vergangenen 30 Jahren allein in Acerra etwa 150 Kinder und Jugendliche gestorben - "ganz zu schweigen von den Erwachsenen und den Todesfällen in anderen Teilen der Region". In dem Gebiet leben rund drei Millionen Menschen.
In Acerras Kathedrale traf der Papst zunächst betroffene Familien: "Ich bin vor allem gekommen, um die Tränen derer zu sammeln, die geliebte Menschen verloren haben; getötet durch Umweltverschmutzung, die von skrupellosen Menschen und Organisationen verursacht wurde, die viel zu lange ungestraft handeln konnten." Er verurteilte die "tödliche Mischung aus dunklen Interessen und Gleichgültigkeit gegenüber dem Gemeinwohl". Sie habe das natürliche und soziale Umfeld vergiftet.
Der Papst forderte das Ende einer Kultur von Privilegien, Überheblichkeit und Rechenschaftslosigkeit. Diese habe nicht nur hier, sondern auch in vielen anderen Regionen Italiens und der Welt viel Böses getan. "Fatalismus, Klagen, Abwälzen von Schuld auf andere sind der Nährboden für Illegalität und ein Anfang der Verödung des Gewissens", kritisierte Leo XIV. bei dem anschließenden Treffen mit rund 15.000 Menschen aus der Region.
Sie wie die anwesenden Politiker rief er auf, gemeinsam Verantwortung zu übernehmen und stete Bildung dabei in den Mittelpunkt zu stellen. Dies würde zu einem echten Wandel führen, der Gutes aufbaut und die Region und den gesamten Planeten heilen würde. Lobende Worte fand der Papst für die örtlichen Umweltverbände.
Bewohner gegen illegale Müllentsorgung
Seit Jahren wehren sich Bewohner in diesem etwa 11.000 Quadratkilometer großen Gebiet gegen illegale Müllentsorgung und fordern vom Staat Konsequenzen. Dafür zogen sie bis vor den Europäischen Menschenrechtsgerichtshof. Dieser gab ihnen Recht: Italien habe trotz langjähriger Kenntnis der Lage nicht schnell und sorgfältig genug reagiert, müsse binnen zwei Jahren deutlich nachbessern.
Der für die Überwachung dieser Maßnahmen zuständige Lenkungsausschuss in Rom veröffentlichte kurz vor dem Papstbesuch steigende Zahlen bei Anzeigen, Festnahmen und Geldbußen wegen Umweltdelikten. Laut Bischof Di Donna gibt es Fortschritte; es bleibe aber noch viel zu tun.
Reichtum neu definieren
Leo XIV. pochte auf eine baldige Umsetzung einer weniger individualistischen Wirtschaft und auf ein weniger konsumorientiertes System. "Wie viel Müll, wie viel Verschwendung, wie viele Gifte sind aus einem Wachstumsmodell entstanden, das uns wie verzaubert hat und uns kränker und ärmer zurückgelassen hat?", fragte er. Die Menschen müssten lernen, Reichtum anders zu definieren: durch achtsame Beziehungen, durch Förderung des Gemeinwohls mit einer engeren Verbindung zum eigenen Land und mit einer dankbareren Aufnahme und Integration von Außenstehenden.
Statt des zerstörerischen Feuers, das der Region ihren Namen gegeben hat, forderte der Papst "ein Feuer, das belebt und wärmt"; ein "Feuer des Geistes, das die Herzen und den Verstand von Tausenden und Abertausenden von Männern und Frauen, von Kindern und Alten entzündet und zu Fürsorge, Trost, Achtsamkeit und wahrer Liebe inspiriert".