120-seitige Arbeitshilfe vorgestellt - Queer-Beauftragter der Bischöfe lobt - Von Norbert Demuth (KNA)
Stuttgart/Bonn, 29.05.2026 (KAP/KNA) Mit dem englischen Wort "queer" bezeichnen sich Menschen, die nicht heterosexuell sind oder deren geschlechtliche Identität nicht mit gesellschaftlichen Rollenbildern übereinstimmt. Unter ihnen sind Personen mit homosexueller Orientierung die größte Gruppe. Das deutsche Katholische Bibelwerk mit Sitz in Stuttgart will "die Bibel queer lesen" - so der Titel einer jetzt veröffentlichten, rund 120-seitigen Arbeitshilfe.
Denn eine Frage sei "lange Zeit überhört, verdrängt oder vorschnell beantwortet" worden, schreibt der Theologe Andreas Hölscher im Vorwort. "Gibt es queere Geschichten in der Bibel - und wenn ja, wie können wir sie lesen?"
Dass diese Auffassung polarisiert, ist den zahlreichen Autoren des Heftes bewusst. Denn aus Sicht sehr konservativer Christen verurteilt die Bibel Homosexualität. "Für viele gilt die Bibel als ein Ort klarer Normen und scheinbar eindeutiger Aussagen über Geschlecht und Sexualität."
"Out in Church" hat mitgewirkt
Vielleicht sei es aber an der Zeit, sich von einigen Denkmustern zu lösen. Es gehe nicht darum, "moderne Identitäten einfach in alte Texte hineinzulesen", so Hölscher. Aber darum: "Welche Formen von Liebe, Körperlichkeit und Zugehörigkeit werden in der Bibel erzählt - und welche vielleicht nur angedeutet?"
Die vor vier Jahren gestartete Initiative "Out in Church", bei der sich inzwischen deutschlandweit mehrere hundert Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der katholischen Kirche als queer outeten, habe die Konzeption miterarbeitet. Das aktuelle Heft von "Bibel und Kirche" des Katholischen Bibelwerks versteht sich als Einladung zum "Entdecken einer Bibel, die vielleicht fremder, aber auch reicher ist, als wir bisher angenommen haben".
"Geschlechtliche Uneindeutigkeit"
Es gehe nicht primär um den Nachweis eindeutig "queerer Identitäten" oder gar historischer Fakten, sondern um ein Lesen von Texten unter veränderten Fragestellungen, schreiben Jens Ehebrecht-Zumsande, Burkhard Hose und Raphaela Noah Soden im Kapitel "G*tt ist Fan von Vielfalt - Queere Perspektiven auf die Bibel".
Sie nennen zwei Beispiele: So ließen sich etwa in der Geschichte über Josef und seine Brüder im Alten Testament - also nicht des neutestamentlichen Josefs von Nazaret und Ehemanns Marias - Themen neu wahrnehmen. Aus jener alttestamentlichen Geschichte von Josef und seinen Brüdern (Genesis 37-50) könne man eine "geschlechtliche Uneindeutigkeit des Josef" sowie "Fragen von Abwehr und Exklusion aus dem Kreis der Familie" und "sozialer Normierung von Männlichkeit" herauslesen.
Auch die Erzählung von der Taufe des äthiopischen Kämmerers (Apostelgeschichte 8,26-40) eröffne "queere Perspektiven auf Körperlichkeit", wenn die Person des Kämmerers als Zugehöriger "zu einer geschlechtlichen Minderheit (Eunuchen) wahrgenommen wird". Queeres Bibellesen meine also keine festgelegte Methode, sondern beschreibe eine Haltung der "Offenheit für Mehrdeutigkeit".
Kein abgeschlossenes Normensystem
Die Autoren betonen, die Bibel werde so "nicht als abgeschlossenes Normensystem" gelesen, sondern als "Lebens-Deutungsbuch". Jens Ehebrecht-Zumsande ist Religionspädagoge und arbeitet als Referent für "offene Kirche" in der Pfarre St. Ansgar in Hamburg, Burkhard Hose ist Hochschulpfarrer und Hochschulreferent in der Diözese Würzburg. Raphaela Noah Soden ist Theologin und Sozialpädagogin und arbeitet als Bildungsreferentin im Erzbischöflichen Seelsorgeamt Freiburg.
Katrin Brockmöller, geschäftsführende Direktorin des Katholischen Bibelwerks und Schriftleiterin der Mitgliederzeitschrift "Bibel und Kirche", befasst sich mit der biblischen Schöpfungsgeschichte über die Erschaffung des Menschen (Genesis 1,26f.). Sie fragt, ob diese Bibelpassage "tatsächlich die Norm begründen kann, dass Menschen heterosexuelle Wesen sind".
"Männlich und weiblich erschuf er sie"
In der Einheitsübersetzung der Bibel von 1980 wurde diese Stelle noch so übersetzt: "Gott schuf also den Menschen als sein Abbild, als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie." Das wurde in der Einheitsübersetzung von 2016 revidiert: "Gott erschuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes erschuf er ihn. Männlich und weiblich erschuf er sie."
Diese Neufassung sei "für viele eine Herausforderung", räumt Brockmöller ein. Denn die Übersetzung "als Mann und Frau" sei tief im deutschsprachigen kulturellen Gedächtnis verankert. Die Veränderung hin zu "männlich und weiblich erschuf er sie" in der Einheitsübersetzung von 2016 entspreche aber einer Rückkehr zum Wortlaut des hebräischen Textes "sachar unekevah bara otam". Mit sachar (männlich) und nekevah (weiblich) würden im Text zwei Adjektive verwendet. Und Adjektive würden einzelne Eigenschaften benennen, keine generellen Konzepte.
Bisher seien aber außer der "Bibel in gerechter Sprache" (2006) die gängigen anderen deutschsprachigen Bibelübersetzungen bei "Mann und Frau" geblieben: Zum Beispiel die Basisbibel 2021, die Lutherbibel 2017, die Zürcher Bibel 2007 und die Elberfelder 2006. Doch Brockmöller fügt hinzu: "Abgesehen von der Basisbibel verweisen alle genannten Übersetzungen in einer Fußnote darauf, dass wörtlich 'männlich und weiblich' im Bibeltext steht." Das zeige an, "dass es bei Bibelübersetzungen nicht nur um die richtigen Worte geht, sondern auch um Weltanschauungen, Sozialisierungen, Emotionen und nicht zuletzt um theologische Positionen".
Queer-Beauftragter der Bischöfe lobt
Das Katholische Bibelwerk zitiert in seiner Pressemitteilung zu dem neuen Heft auch den Queer-Beauftragten der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Weihbischof Ludger Schepers, mit den Worten: "Queere Menschen haben sich nicht erst heute in die Geschichten der Bibel eingeschrieben - sie waren immer Teil jener menschlichen Wirklichkeit, von der die Heilige Schrift erzählt."
Schepers, Weihbischof in der Diözese Essen, fügt hinzu: "Wer die Bibel queeren Menschen öffnet, nimmt ihr nichts von ihrer Wahrheit - er erinnert sie an ihren universellen Anspruch." Die neue Ausgabe von "Bibel und Kirche" liefere "unverzichtbare Anregungen, um die Vielfalt biblischer Texte queer zu lesen und lebendig zu halten".