Kardinal bei Communio-Akademie in Kremsmünster über Konzil, Synodalität und Konflikt mit Piusbruderschaft - Kritik an rein gegenwartsbezogenem Kirchenverständnis
Linz, 30.05.2026 (KAP) Mit deutlichen Worten zur Frage kirchlicher Einheit, zur Deutung des Zweiten Vatikanischen Konzils und zur Bedeutung kirchlicher Tradition hat Kardinal Christoph Schönborn am Freitagabend bei der Communio-Akademie im Stift Kremsmünster Stellung bezogen. Im Gespräch mit dem Wiener Dogmatiker Jan-Heiner Tück spannte der emeritierte Wiener Erzbischof einen Bogen von den Nachwirkungen des Zweiten Vatikanischen Konzils über die Entstehung des Weltkatechismus bis zu aktuellen Konflikten um die traditionalistische Piusbruderschaft.
Für Schönborn gehört es bis heute zu den ungelösten Rätseln der jüngeren Kirchengeschichte, "warum das Konzil so unterschiedlich wahrgenommen wurde", wie er sagte. Während viele Zeitgenossen die Jahre nach dem Konzil als Beginn eines kirchlichen Aufbruchs verstanden hätten, habe er selbst die Entwicklung anders wahrgenommen: "Ich habe das, was dann passiert ist, als junger Mensch, Theologiestudent, nicht als einen Aufbruch, sondern als einen Abbruch erlebt." Doch beide Deutungen seien zu plakativ, vielmehr sei es eine Krise mit vielen Ursachen gewesen.
Schon der spätere Papst Benedikt XVI., damals noch Professor Joseph Ratzinger, habe früh auf problematische Entwicklungen hingewiesen, erinnerte Schönborn. Ratzinger habe vor einem "Parakonzil" gewarnt, das nicht mehr den eigentlichen Intentionen der Konzilsväter entspreche. Besonders die Krise der Priesterberufungen und neue theologische Strömungen hätten damals viele Gläubige verunsichert - und auch ihn selbst, sagte der Kardinal. Als er seiner Mutter von theologischen Vorlesungen berichtet habe, in denen die Gottessohnschaft Jesu relativiert worden sei, habe diese geantwortet: "Moment, wenn Jesus nicht der Sohn Gottes ist, dann ist doch unser Glaube leer." Schönborn dazu rückblickend: "Das war vielleicht die wichtigste Theologie-Vorlesung meines Lebens".
Synodalität braucht Gedächtnis
Mit Blick auf aktuelle Debatten innerhalb der Weltkirche äußerte sich Schönborn kritisch zu einer Sichtweise, die Synodalität vor allem als gemeinsames Entscheiden in der Gegenwart verstehe. Bei der Weltsynode in Rom zu diesem Thema habe ihm der geschichtliche Aspekt gefehlt, denn: "Der Glaube der Kirche ist ja nie nur der Glaube von uns jetzt. (...) Meine Großeltern, meine Vorfahren vor tausend Jahren haben in der Substanz denselben Glauben gehabt, mit dem wir heute leben." Die Verbindung mit der Tradition sei unverzichtbar, weshalb die Kirche Wege finden müsse, die bleibende Substanz des Glaubens in neue Situationen zu übersetzen, ohne ihren Kern preiszugeben.
Auch die Bedeutung der Kirchenväter für die Erneuerung der Theologie hob Schönborn hervor. Die Begegnung mit der patristischen Tradition habe ihn in einer persönlichen Glaubenskrise geprägt, sagte er. "Das war meine Rettung", sagte er über die Wiederentdeckung der frühen christlichen Autoren. Besonders beeindruckt habe ihn die Beschreibung des Glaubens "aus der Zeit, da die Erde noch warm war vom Blut Jesu".
Ringen um Einheit
Ausführlich sprach Schönborn über die traditionalistische Piusbruderschaft, die gegenwärtig erneut mit unerlaubten Bischofsweihen droht. Der Kardinal erinnerte an die jahrelangen und intensiven Bemühungen Ratzingers, deren Bruch mit Rom zu verhindern. "Alles ist zu tun, um die Einheit zu wahren", sagte Schönborn. Die Geschichte zeige, dass Spaltungen kaum mehr rückgängig zu machen seien. "Wenn es einmal geschehen ist, ist es sehr, sehr schwer zurückzukommen." Ratzinger habe sich deshalb "in einer wirklich heroischen Weise" um eine Verständigung bemüht. "Das ist der glücklichste Tag meines Lebens", habe Ratzinger nach der Unterzeichnung einer Vereinbarung mit Erzbischof Marcel Lefebvre erklärt. Bereits am nächsten Morgen sei jedoch von diesem die bereits erreichte Einigung wieder zurückgezogen worden.
Menschlich gesehen, sei das Bemühen um Einheit "ziemlich ausweglos", so Schönborn. Folgen der seit Jahrzehnten andauernden Trennung seien auch in Wien sichtbar, wo die Minoritenkirche als eine der bedeutendsten gotischen Kirchen Österreichs heute von der von Rom getrennten Piusbruderschaft genutzt werde - und zugleich die Kirchenspaltung im Stadtbild sichtbar mache: "Wir müssen ohnmächtig zuschauen, dass eine bedeutende katholische Kirche von Wien sehr legal, aber so hintenrum ihr Besitz geworden ist." Die Einheit der Kirche sei jedoch nicht allein durch kirchenpolitische Maßnahmen herzustellen. "Wahrscheinlich will Gott uns zeigen, dass er die Einheit ist, und nicht unsere noch so guten Bemühungen um Einheit", sagte der Kardinal. Die Hoffnung auf Versöhnung bleibe letztlich ein "Wunder des Heiligen Geistes".
Als einen der zentralen Streitpunkte im Verhältnis zur Piusbruderschaft nannte Schönborn die Religionsfreiheit. Für Erzbischof Lefebvre sei deren Anerkennung eine Gewissensfrage gewesen, weil er darin eine Relativierung des katholischen Wahrheitsanspruchs sah. Das Zweite Vatikanische Konzil habe dagegen gelehrt, dass Religionsfreiheit nicht bedeute, Wahrheit und Irrtum gleichzusetzen, sondern auf der von Gott gegebenen Freiheit des Menschen gründe. "Das ändert nichts daran, dass die Wahrheit die Wahrheit ist", sagte Schönborn.
Antwort auf Nachkonzilskrise
Das Gespräch bildete den Höhepunkt der dreitägigen Communio-Akademie "Glaube, Gesellschaft und die Suche nach dem Heiligen" im Stift Kremsmünster. Die vom Lehrstuhl für Dogmatik und Dogmengeschichte der Universität Wien veranstaltete Tagung widmete sich Fragen nach der Zukunft der Kirche, der Rolle des Glaubens in einer pluralen Gesellschaft und den Spuren des Heiligen in Kultur und Alltag. Im Mittelpunkt des Abends stand auch die Geschichte der internationalen katholischen Zeitschrift Communio, deren Herausgeber Schönborn ist. Die 1972 von Joseph Ratzinger, Hans Urs von Balthasar, Henri de Lubac und weiteren Theologen gegründete Zeitschrift sei als Antwort auf die Polarisierungen der Nachkonzilszeit entstanden. Ziel sei gewesen, "den Glauben zum Wort kommen zu lassen. Und zwar in einer reflektierten, in einer fundierten und in einer bekennenden Form", sagte Schönborn.
Zum Abschluss plädierte der Kardinal dafür, die Anziehungskraft des Glaubens stärker in den Vordergrund zu rücken als innerkirchliche Auseinandersetzungen. Entscheidend sei "die Freude am Glauben, an der Schönheit und der Lebendigkeit des Glaubens". Mit einem Wort des heiligen Franz von Sales fasste er dies zusammen: "Man fängt mehr Fliegen mit einem Tropfen Honig als mit einem ganzen Fass Essig." Communio verstehe sich als Versuch, diesen "Tropfen Honig" weiterzugeben: "Die Schönheit und die Freude des Glaubens."