Wiener Festwochen eröffnen dreitägiges "Glaubenstribunal"
30.05.202610:26
(zuletzt bearbeitet am 30.05.2026 um 11:46 Uhr)
Österreich/Kultur/Politik/Religion/Glaube/Theater
Jury verhandelt am Wochenende Fälle zu Blasphemie, kultureller Aneignung und religiösem Fundamentalismus - Kritik an Peter Thiel und dessen Einladung zu den Festwochen sorgt weiter für Kontroversen
Wien, 30.05.2026 (KAP) Die Wiener Festwochen haben Milo Raus dreitägiges theatrales Dokumentationsformat "Das Glaubenstribunal" am Freitag im Odeon Theater mit einer Auftaktsitzung eröffnet. Noch bis Sonntag beschäftigt sich eine Jury aus Expertinnen und Experten im Rahmen von drei Fällen mit künstlerischer, institutioneller und politischer Appropriation von Religion sowie dem Missbrauch religiöser Praktiken, Symbole und Denksysteme. Unter dem Titel "Holy Shitstorm" werden am Samstag die Grenzen zwischen Blasphemie und Kunstfreiheit ausgelotet, im Fall "Entwendete Göttinnen" wird es um die Kultur der Aneignung gehen. Unter dem Titel "Bad Religion" geraten fundamentalistische Theokratien am Sonntag in den Fokus. In einer Schlusssitzung erfolgt anschließend die Entscheidungsverkündigung.
Am Freitag stimmten die Reden der Bestseller-Autorin Alice Hasters ("Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten"), Frater Xaver Propach, Philosoph und Dominikanermönch aus Wien, Gerard Biard, Chefredakteur von Charlie Hebdo, und des Frankfurter Rechtsanwalts Michel Friedman auf die Vielfalt der zu diskutierenden Themen am Wochenende ein.
Unter Polizeischutz
Diskutieren werden Menschen, die "im Namen der Religion schwere Traumata erlitten haben" und nur unter Polizeischutz auftreten können, hieß es. Natürlich könne man in einem dreitägigen Theaterformat allen Themen und den Menschen nicht gerecht werden. Doch es sei mehr als ein Spektakel, das "die Aufmerksamkeitsökonomie bedient, sondern eine Aufklärung über Missbrauch von Religion durch politische Akteure einlösen will", kündigte Kaleck an. Leitende Fragen werden sein: Soll der Blasphemieparagraph abgeschafft werden? Wie weit reicht die Kunstfreiheit? Sollen geraubte Kunstgegenstände zurückgegeben werden?
Brennende Themen werden die Opfer des Klerikalregimes im Iran sein sowie der Fall Peter Thiel, der nach der Einladung des Tech-Bros. zu den Wiener Festwochen aktuell selbst die Politik der Wiener Festwochen infrage stellt. Die Techindustrie sei eines der wichtigsten Mittel der Machterhaltung der Regierung Donald Trumps, die von Thiel maßgeblich finanziert wird, so Kaleck. Religion werde dort zur Waffe geschmiedet. Auch er lehnt eine Einladung Thiels zu den Festwochen ab. Solchen Menschen dürfe in Wien keine Bühne geboten werden, richtete er seine Kritik an Milo Rau, der zuvor erklärte: "An diesem Ort haben faschistische Tugenden, die Stigmatisierung, die Jagd auf Andersdenkende keinen Platz. Die Freie Republik übe sich in den Tugenden der Großzügigkeit, der Toleranz und schlichter Neugierde."
"Wo endet das Spielfeld der Kunst?"
Anders als vorhergesagt, sei die Religion gerade überall gegenwärtig - in der Verbindung mit Populärkultur, Ökonomie, wirtschaftlicher, medialer und staatlicher Macht, erklärte Rau in seiner Eröffnungsrede. Das Bewusstsein, in einer Endzeit zu leben, vereine alle aktuellen Denkrichtungen von links bis rechts, von der Letzten Generation bis zu den Tech-Bros im Wunsch nach einer (politischen) Theologie. "Nun, da sich unsere Führer mit Jesus vergleichen und in der Sprache der Bibel oder des Korans zu uns sprechen, da kehren wir in die leergewordenen Tempel wie in eine bessere Vergangenheit zurück.
Beim Glaubenstribunal werde unter anderem diskutiert: "Wo endet die Freiheit der Meinung, wo endet das Spielfeld der Kunst? Und wo beginnt der Bereich des Glaubens?" In den kommenden Tagen gehe es darum, die Konflikthaftigkeit, die dem anhaftet, zu untersuchen - "als grausames, manchmal absurdes Schauspiel der Skandale, der Unterdrückung, der Gewalt, aber auch der Schönheit und des Aufscheinens einer neuen Gemeinschaft, eines neuen Umgangs mit dem Menschen", so Rau.
Blasphemie
Einigkeit herrschte bereits über den sogenannten Blasphemieparagraphen, der die "Herabwürdigung religiöser Lehren" betrifft. So fasste es Wolfgang Kaleck, Menschenrechtsanwalt und Tribunalleiter, zusammen: "Politische Tyrannen haben Blasphemie zu einem Verbrechen gemacht." Biard, entschiedener Vertreter des Säkularismus, erklärte, es sei absurd, Blasphemie als einen Angriff auf den Glauben als Ganzes zu sehen, denn sie greife nicht den Glauben einzelner Gläubiger an, sondern die öffentlichen Gottesbilder politischer Tyrannen. Blasphemie werde damit zum ultimativen Verbrechen für sie. Damit rechtfertigten sie Verfolgung, Folter und Tötung von Menschen. "Wenn Glaube Berge versetzen kann, dann sind das Berge aus Leichen".
Empörung über nackte Nonnen bei den Festwochen, über einen Frosch am Kreuz in einer aktuellen Ausstellung im Wiener Künstlerhaus oder die Inszenierung des Letzten Abendmahls von Dragqueens bei den Olympischen Spielen "verletzen mich nicht in meinem religiösen Empfinden", erklärte Frater Xaver. Gott könne nicht durch Menschen verletzt werden, Menschen verletzten sich vielmehr selbst, wenn sie sich dem gerechten Akt des Dankes an Gott verweigerten. Gotteslästerung herrsche dort, wo im Namen Gottes Krieg geführt und Gewalt angewendet werde.
Ein harscher Kritiker seiner Worte war der Jurist und Philosoph Michel Friedman. "Ich bin Gott nicht dankbar und lasse mich dafür nicht bewerten", lehnte er "religiöse Fremdbestimmung" und das "Souveränitätsgefühl, die Weltreligionen besäßen die alleinige Wahrheit", ab. Weltreligionen, die Frauen diskriminierten, seien nicht vereinbar mit weltlicher Moderne: "Religionen und Menschenrechte und Demokratie sind nicht miteinander vereinbar." Kritik übte Friedman auch an Rau und der Entscheidung, Thiel einzuladen. Er selbst habe überlegt, seinen Auftritt abzusagen, aber Thiel dürfe nicht das letzte Wort haben. Es sei aus der Definition der Festwochen, niemanden sprechen zu lassen, der andere verfolgt, nicht zulässig, ihn nach Wien zu holen. "Peter Thiel ist ein Mann, der Jagd auf andere macht und einen Präsidenten unterstützt, der Menschenrechte mit Füßen tritt." Auch kein Streitgespräch mit Thiel sei möglich, denn Streit setze gegenseitige Anerkennung voraus. "Ich muss mit niemandem streiten, der mich zerstören will."
Power to the People
Den Göttern und Herrschern Macht zu nehmen, war auch das Anliegen der Journalistin Alice Hasters, die als Tochter einer afroamerikanischen Mutter und eines deutschen Vaters in das Themenfeld geraubte Kunst und Kolonialismus hinführte. Die Kunstobjekte müssten unbedingt zurückgegeben werden. "Wir müssen aber aufhören, die Vergangenheit zu romantisieren und Dinge für heilig zu erklären, auch die Schlösser und Statuen von Kaisern, die in Wien an jeder Ecke stehen. Der Spruch meiner Vorfahren ist mir heilig: Power to the People." Heilig seien die Gegenstände nur, weil sie die Geschichte von Menschen tragen.
"Wenn weiße Menschen nicht mehr ihre Museen mit Schätzen anderer füllen könnten, müssten sie sich fragen, wer sie wirklich ohne Weltherrschaftsanspruch sind und woher sie ihren Selbstwert generieren können", so die Autorin, deren Ahnenreihe zurück nach Benin führt. Die Frage der Rückgabe sei klar. "Ich verstehe diese vorgespielte Naivität nicht. Wir sprechen von gestohlenem Gut aus der Kolonialzeit, entwurzelten Gütern, so wie meine Vorfahren einst verkauft, über den Atlantik gebracht, wie Ware behandelt, auf Schiffen verschleppt."
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