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Nora Tödtling-Musenbichler (Caritas) und Erich Fenninger (Volkshilfe)
Politik
Bild Copyright: © ORF

Caritas und Volkshilfe warnen vor wachsender Kinderarmut

02.06.2026 12:10
Österreich/Soziales/Hilfsorganisation/Armut/Familie/Kind/Gesellschaft/Politik/Regierung/Sozialpolitik
Experten-Befragung deutet auf zunehmende Bildungsungleichheit und soziale Isolation armutsgefährdeter Familien - Hilfsorganisationen pochen auf "armutsfeste Sozialhilfe"
Wien, 02.06.2026 (KAP) Eine Woche vor der Budgetrede von Finanzminister Markus Marterbauer haben Caritas und Volkshilfe vor weiteren Belastungen für armutsgefährdete Menschen in Österreich gewarnt. Die beiden Hilfsorganisationen erlebten in der Praxis wachsende soziale Notlagen, die besonders Frauen, Kinder und Alleinerziehende treffen, betonten Caritas-Präsidentin Nora Tödtling-Musenbichler und Volkshilfe-Direktor Erich Fenninger am Dienstag bei einer gemeinsamen Pressekonferenz in Wien.

Vorab waren 590 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beider Organisationen im Rahmen eines "Praxis-Checks" zwischen Februar und März 2026 zu Lebensbedingungen von Sozialhilfe-Beziehenden befragt worden. Den Ergebnissen zufolge halten 62 Prozent der Befragten die derzeitige Sozialhilfe für nicht ausreichend, um angesichts der Teuerung und niedriger Kinderrichtsätze grundlegende Lebenshaltungskosten zu decken. Fast alle Fachkräfte berichten, dass Betroffene auf zusätzliche Unterstützung angewiesen seien, etwa durch Lebensmittelhilfen, Energiezuschüsse oder andere soziale Angebote.

Folgen der Armutsgefährdung

"Gerade bei Frauen und Kindern sehen wir enorm, dass sie mit der vorhandenen Sozialhilfe nicht auskommen und besonders von Armut betroffen sind", sagte Tödtling-Musenbichler. Familien mit Kindern und geringem Einkommen seien besonders armutsgefährdet, auch das Fehlen von Kinderbetreuungsplätzen spiele eine Rolle, da vielen Frauen dadurch der Zugang zum Arbeitsmarkt erschwert werde. Insgesamt sind laut Statistik Austria 1,7 Millionen Menschen in Österreich bzw. 18,6 Prozent der Gesamtbevölkerung armutsgefährdet - "der höchste Wert seit Beginn der Erhebungen", wie die Caritas-Präsidentin bemerkte. Nur die manifeste Armut sei leicht gesunken, allerdings auf hohem Niveau.

Konkret wirke sich Armutsgefährdung - von allen Kindern bis 18 Jahre ist sogar jedes vierte betroffen (24 Prozent), von den Alleinerziehenden 48 Prozent und von alleinlebenden Frauen in Pension 28 Prozent - dramatisch aus: Notwendige Ausgaben für Bildung, Freizeit oder ausgewogene Ernährung können oft nicht bestritten werden, die Wohnungen sind überbelegt, ohne ruhigen Lernplatz, unzureichend beheizt oder im Sommer "wie eine Sauna". Dazu komme mangelhafte Ernährung und fehlende Möglichkeiten für Kinder, an Schulausflügen oder anderen Aktivitäten teilzunehmen, sowie fehlender Zugang zu Lernunterstützung. Eltern, die sogar auf eigene Mahlzeiten verzichten, damit ihre Kinder ausreichend versorgt sind, bilden laut Angaben der befragten Sozialarbeiter "keine Einzelfälle"; manche Mütter könnten sich keine Windeln für ihre Babys leisten oder nähmen dafür Schulden auf.

Frage der Verteilung

Caritas und Volkshilfe sehen ihre Erhebungen als Warnung vor wachsender Ausgrenzung und Bildungsungleichheit und als Verweis auf die Frage der Verteilungsgerechtigkeit. Schließlich gelte: "Kein Kind sucht sich Armut aus", wie Fenninger betonte. Nicht übersehen dürfe man, dass zu den materiellen Problemen auch erhebliche soziale und psychische Belastungen kämen, wie soziale Isolation, Unsicherheit, eingeschränkte gesellschaftliche Teilhabe und wachsende Perspektivlosigkeit. Viele Betroffene fühlten sich von einer Gesellschaft abgehängt, die soziale Aufstiegschancen nicht mehr ausreichend ermögliche. "Vielmehr ist das Lebensgefühl vieler wie auf einer Rolltreppe, die nach unten führt und von der die Kinder herabzustürzen drohen", stellte Tödtling-Musenbichler einen Vergleich an.

Armut sei "kein Versagen der Familien, sondern der Politik, die wegschaut". Mehr als 80 Prozent der befragten Fachkräfte bewerten die Kinderrichtsätze ihrer Bundesländer als unzureichend oder eher unzureichend. Fenninger erinnerte hier an das Regierungsziel, die Kinderarmut bis 2030 zu halbieren und eine Kindergrundsicherung einzuführen. Derzeit sehe man "noch keine klare Entschiedenheit", dies auch tatsächlich umzusetzen. Vielmehr seien laut Caritas und Volkshilfe bereits mehrere Sparmaßnahmen umgesetzt worden, darunter das Auslaufen des Klimabonus und die Nicht-Valorisierung bestimmter Familienleistungen.

Vier Forderungen an die Regierung

Mit Blick auf das Doppelbudget fordern die Organisationen erstens einen verpflichtenden "Armutscheck", bei dem bei allen budgetären Maßnahmen ihre Auswirkungen auf armutsgefährdete Menschen geprüft werden. Wichtig sei weiters ein bundesweiter Mindeststandard für eine "armutsfeste Sozialhilfe", welche "das letzte soziale Netz" in Österreich sei. Gefordert wurde auch die Valorisierung von Familienleistungen sowie die Schaffung einer Kindergrundsicherung, die besonders Benachteiligte mehr unterstützt als andere. "Wird nicht ausreichend gegengesteuert, geraten noch mehr Menschen in die Armut, unter ihnen besonders Kinder und Familien mit geringem Einkommen. Die Arm-Reich-Schere droht dann noch größer zu werden", warnte Tödtling-Musenbichler.

(O-Töne stehen unter www.kathpress.at/audio zum Download zur Verfügung)
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