Schweizer Ethiker Kirchschläger fordert UNO-Behörde und neue Sozialmodelle - Linzer Theologe und KU Rektor Fuchs betont Grenzen künstlicher Systeme: \"Irgendwann könnten wir dann nicht mehr in der Lage sein, die Ergebnisse der Systeme kritisch zu überprüfen\"
Wien, 03.06.2026 (KAP) Der Schweizer Theologe und Ethiker Peter G. Kirchschläger fordert angesichts der rasanten Entwicklung Künstlicher Intelligenz (KI) eine globale Aufsichtsbehörde bei den Vereinten Nationen, eine stärkere Besteuerung von KI-Systemen und ein neues Modell sozialer Absicherung. Die erste Enzyklika von Papst Leo XIV. - "Magnifica humanitas" - stärke die Forderung nach einer menschenrechtsbasierten Regulierung von KI, so Kirchschläger im "Furche"-Interview (aktuelle Ausgabe). Während Kirchschläger für eine KI-Behörde plädierte, verwies der Linzer Ethiker Michael Fuchs auf die Grenzen von KI bei moralischen Entscheidungen; etwa technologische Möglichkeiten zu nutzen, ohne menschliche Verantwortung an Maschinen abzugeben, so Fuchs im Gespräch mit der Kooperationsredaktion der Kirchenzeitungen.
Der gegenwärtige Umgang mit KI folge einer Effizienzlogik, die Menschenrechte, Umweltfolgen und soziale Standards zu wenig berücksichtige, so Kirchschlägers Einschätzung. Papst Leo fordere hingegen, die KI zu "entwaffnen" und von Logiken der Herrschaft und des Ausschlusses zu befreien. Der Ethiker plädierte daher für eine menschenrechtsbasierte globale Regulierung sowie eine Internationale Agentur für datenbasierte Systeme (IDA) nach Vorbild der Internationalen Atomenergie-Organisation.
Hinter der KI und der damit zusammenhängenden Effizienzsteigerung stünden Menschenrechtsverletzungen bei der Gewinnung der dafür nötigen Rohstoffe: "Wir tolerieren Kinderarbeit, sklavereiähnliche Zustände und Umweltzerstörung an den Billigproduktionsstandorten der Hardware, die wir für den Einsatz dieser Systeme brauchen. Dann setzen wir KI auch menschenrechtlich hochproblematisch ein, etwa in automatisierten, tödlichen Waffensystemen", so der Schweizer Theologe. Und auch jede von generativer KI produzierte Mail, Bild- oder Textanfrage verbrauche enorme Mengen Energie und Wasser, um die Rechenzentren zu kühlen. "Diese Anwendungen befeuern ökologisch hochproblematische Effekte."
Zugleich merkt Kirchschläger grundlegende Umbrüche am Arbeitsmarkt. So könne KI künftig zahlreiche Erwerbsarbeit ersetzen, wodurch das auf Beschäftigung basierende Sozialmodell unter Druck gerate. "Wir treiben diese Entwicklung mit viel Ressourcen und Talent voran, obwohl wir wissen, dass wir uns als Menschen damit abschaffen." Als Antwort schlägt er eine stärkere Besteuerung von KI-Systemen, Datenflüssen und Kapital sowie ein bedingtes Grundeinkommen vor, das mit gesellschaftlicher Beteiligung ("Society Time") verbunden sein soll.
KI hat kein Gewissen
Der Linzer Philosoph und Ethiker Michael Fuchs unterstrich vor allem die zentrale Bedeutung menschlicher Verantwortung im Umgang mit KI. "KI kann Regeln anwenden und moralische Urteile simulieren. Aber sie verfügt nicht über ein Gewissen", so der Professor für Praktische Philosophie und Ethik und Rektor der Katholischen Privat-Universität Linz. Die eigentliche Herausforderung bestehe darin, technologische Möglichkeiten zu nutzen, ohne menschliche Verantwortung und Urteilskraft an Maschinen abzugeben.
"Wenn wir zu viele Fähigkeiten an technische Systeme delegieren, besteht die Gefahr eines 'Deskilling' - also eines Verlusts eigener Kompetenzen. Irgendwann könnten wir dann nicht mehr in der Lage sein, die Ergebnisse der Systeme kritisch zu überprüfen", konstatierte Fuchs.
Positiv sieht Fuchs hingegen die Hilfe der KI, "Tätigkeiten zu bewältigen, die gefährlich oder belastend sind. Wenn KI etwa beim Minenräumen oder bei anderen riskanten Aufgaben eingesetzt wird, ist das sinnvoll. Auch in der Medizin und in datenintensiven Forschungsbereichen liegen große Chancen".
Sowohl Kirchschläger als auch Fuchs sehen in der Enzyklika "Magnifica Humanitas" einen wichtigen Orientierungsrahmen für die laufende Debatte über die Regulierung Künstlicher Intelligenz. Der Papst positioniere sich damit klar für einen verantwortungsvollen und menschenrechtsbasierten Umgang mit neuen Technologien. "Die eigentliche Herausforderung besteht darin, zwischen legitimen Formen der Verbesserung und problematischen Steigerungsphantasien zu unterscheiden. Die Enzyklika stößt diese Debatte an, ersetzt aber nicht die weitere ethische Reflexion", so das Fazit von Fuchs.