Theologe Graf für Reform und mehr Kooperation theologischer Fakultäten
04.06.202608:18
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Münchner evangelischer Theologe warnt bei Vortrag in Wien vor "drohendem Funktionsverlust akademischer Theologie" an den Universitäten und mahnt ein strukturelles Reformprogramm ein
Wien, 04.06.2026 (KAP) Der Münchner evangelische Theologe Friedrich Wilhelm Graf hat sich für eine strukturelle Reform der theologischen Fakultäten in Deutschland ausgesprochen. Angesichts des demografischen Wandels und anhaltend rückläufiger Studierendenzahlen brauche es eine Stärkung der großen Fakultäten evangelischer wie katholischer Theologie und einen Rückbau der Vielzahl an kleineren und teils kleinsten Fakultäten. Nur so könne bei weiter klammen Kassen und rückläufigen Mitteln ein "drohender Funktionsverlust der akademischen Theologie" abgewendet werden, erklärte Graf bei einem Vortrag am Mittwochabend an der Universität Wien.
Auch eine verstärkte interfakultäre Kooperation sollte erwogen werden, sowie eine offensiv dem Staat gegenüber gezeigte Bereitschaft, auf manches historisch gewachsene Privileg verzichten zu wollen. So sei es heute nurmehr schwer bzw. nurmehr aus der Geschichte heraus zu erklären, warum viele Universitäten mit beiden Fakultäten (evangelisch-theologische und katholisch-theologische) jeweils über doppelt besetzte Lehrstühle in den biblischen Fächern verfügen. Hier sei Kooperation und die Bereitschaft zum Verzicht ein wichtiges Signal.
Stärkung großer Standorte, um Spielräume zu gewinnen
Die aktuell noch teils üppige Ausstattung theologischer Fakultäten gehe auf Konstellationen des 19. Jahrhunderts zurück, wo die Zahl der Theologie-Studierenden enorm war und auch der Staat ein großes Interesse an einem "staatstreuen Klerus" und einer somit kontrollierbaren, eingehegten Religion hatte, erklärte der Münchner emeritierte systematische Theologe. Heute sei die theologische Landschaft zersplitterter und internationaler - und nicht mehr mit dem preußischen Bildungsideal zu vergleichen. Auch sei die deutsche Theologie nicht mehr federführend.
Um hier gegenzusteuern, wäre die Stärkung der großen Standorte sinnvoll, um so Mittel zu gewinnen, die es ermöglichen würden, aus dem ebenfalls historisch gewachsenen "Fünferschema" der Fächer (Biblische Theologie AT und NT, Historische Theologie, Systematische Theologie und Praktische Theologie) auszubrechen und neue Fächer und Lehrstühle zu schaffen. "Wir wissen etwa viel zu wenig über die Christentümer in anderen Regionen der Welt, über neureligiöse Bewegungen oder auch die neurechte Instrumentalisierung der Religion."
Wider die "Enteignung theologischer Deutekompetenz"
Es habe daher zuletzt eine "Enteignung klassischer theologischer Deutekompetenz" in der Öffentlichkeit gegeben, indem Personen aus anverwandten Fächern wie etwa Jürgen Habermas, Hans Joas, Peter Berger oder andere immer stärker diese Funktion übernommen haben. Hier gelte es, theologischerseits wieder Boden zu gewinnen - und auch wieder mehr öffentlich zu streiten und Debatten zu führen, appellierte Graf. "Theologen waren immer stark in der diskursiven Aufbereitung von Differenzen. Die aktuelle Friedhofsruhe anstelle eines ergiebigen Theologengezänks ist kein Fortschritt. Es wird zu wenig gestritten in unserem Fach", so Graf abschließend.
Aktuell gibt es in Deutschland 18 katholisch-theologische Fakultäten an staatlichen Universitäten und 33 Institute für Katholische Theologie zur Ausbildung von Religionslehrern an staatlichen Hochschulen. Hinzu kommen 15 evangelisch-theologische Fakultäten sowie vier ehemalige evangelische Fakultäten, die inzwischen auf den Status eines Fachbereichs reduziert wurden. Zudem gibt es private kirchliche Hochschulen beider Konfessionen.
In Österreich gibt es katholisch-theologische Fakultäten an vier staatlichen Universitäten (Wien, Graz, Salzburg, Innsbruck) und eine private kirchliche Hochschule (Katholische Privat-Universität Linz) sowie eine evangelisch-theologische Fakultät (Wien). Darüber hinaus gibt es kirchliche pädagogische Hochschulen zur Lehrer- und Lehrerinnenausbildung und weitere theologische Hochschulen ohne vollen Fakultätsstatus, wie etwa die Philosophisch-Theologische Hochschule Benedikt XVI. Heiligenkreuz und das International Theological Institute (ITI) in Trumau.