Bischöfe zu Fronleichnam: Jesus schenkt Sinn im Zeitalter von KI
04.06.202612:00
(zuletzt bearbeitet am 04.06.2026 um 14:07 Uhr)
Österreich/Kirche/Religionsfest oder Feiertag/Glaube/Papst/Internet/Soziales/Gesellschaft
Grünwidl: Gute Zukunft braucht mehr als Unmengen an Datenvolumen, künstliche und menschliche Intelligenz - Lackner: Päpstliches Schreiben ruft uns zur "eucharistischen Spiritualität" auf - Marketz: "Informationen überall verfügbar, aber Orientierung scheint oft zu fehlen" - Glettler: Jesus "kein künstlicher Avatar, der KI-generiert Echtheit vorgibt" - Elbs: Kommunion ist Begegnung mit dem Herrn - Freitag: "Eucharistie entzieht sich jeder Preislogik" - Scheuer: Keine lebendige Beziehung über "Klicks"
Wien/Salzburg/Klagenfurt/Innsbruck/Feldkirch/Graz, 04.06.2026 (KAP) Jesus ist Sinnstifter im Zeitalter von KI: So lautete die zentrale Botschaft von Österreichs Bischöfen zu Fronleichnam, kurz nach Erscheinen der Papst-Enzyklika "Magnifica humanitas. Über den Schutz des Menschen im Zeitalter der künstlichen Intelligenz" von Papst Leo XIV. Für eine gute Zukunft brauche es mehr als Unmengen an Datenvolumen, mehr als künstliche und menschliche Intelligenz, sondern "echte Weisheit", Vertrauen und Orientierung an der Wahrheit, betonte der Wiener Erzbischof Josef Grünwidl. Orientierung gebe Jesus. Die Eucharistie drücke den Willen Christi aus, "dass wir human bleiben und immer menschlicher werden". Wichtiger als digitale Technik sei menschliche Nähe. Wesentlicher als globale Vernetzung sei der persönliche Kontakt, so Grünwidl.
"Auch wenn Menschen sich manchmal wie Götter gebärden, sich als Heilbringer sehen oder als Messias aufspielen. Wahr ist: Der Mensch ist nicht Gott", betonte Grünwidl. Jesus rufe zur Umkehr und zum Kindwerden auf. "Wir sind weder perfekt noch allwissend und wir müssen es auch nicht sein. Wir dürfen human, menschlich bleiben." Für Papst Leo bestehe der wahre humane Fortschritt darin, die Geschichte aus dem Blickwinkel der Kleinen zu sehen, nicht aus der Perspektive der Einflussreichen und Mächtigen. Die Gläubigen rief er während der "katholischen Demonstration", der Fronleichnamsprozession, dazu auf, nicht nur am Feiertag auf die Straße zu gehen, um zu zeigen, "was uns heilig ist". "Verstecken wir unseren Glauben nicht. Wir alle sollten lebendige Monstranzen sein."
"Eucharistische Spiritualität"
"Das 'Amen', das wir in der Liturgie sprechen, der Leib, den wir essen, und das Blut, das wir trinken, geben unserem ganzen Leben Gestalt", zitierte der Salzburger Erzbischof Franz Lackner aus dem päpstlichen Schreiben. In diesem rufe das Kirchenoberhaupt zur "eucharistischen Spiritualität" auf. Die von der Eucharistie genährte Kirche sei aufgerufen, "einen anderen Maßstab sichtbar zu machen, indem sie Bindungen bewahrt, den Unsichtbaren wieder eine Stimme gibt und die Entwicklungen auf die Würde der Menschen ausrichtet", gab Lackner die Worte des Papstes wieder.
Die Eucharistie als "himmlisches Manna" sei nicht nur Nahrungsmittel, sondern "Lebensmittel über unsere Endlichkeit hinaus". Es sei Nahrung für Geist und Körper zugleich. "Im Warenkorb des Lebens, der für uns - trotz nicht geringer Herausforderungen - doch reichlich gefüllt ist, darf diese himmlische Speise nicht fehlen", so Lackner. Die Eucharistie sei auch Zeugnis der Menschenfreundlichkeit und Menschennähe Gottes. Durch sie seien die Gläubigen angehalten, solidarisch mit den vielen Armen in der Welt zu sein, "die an Leib und Seele hungern, die der Gerechtigkeit bedürfen".
Sakrament der Einheit
Die Menschen erlebten die jetzige Zeit als "schnell, unsicher und vielerorts von einem ungesunden Individualismus geprägt", sagte der Kärntner Bischof Josef Marketz in seiner Predigt im Klagenfurter Dom. Der technische Fortschritt verbinde die Menschen, und doch fühlten sich viele einsam. "Informationen sind überall verfügbar, aber Orientierung scheint so oft zu fehlen". So stellten sich viele heute die Frage, wo Gott in der Gegenwart zu finden sei, die Sorgen um steigende Lebenshaltungskosten und Arbeitsplätze präge und die Frage aufwerfe, "wie Zusammenhalt gelingen kann, wenn Menschen unterschiedlicher Herkunft, Kultur und Religion zusammenleben."
Fronleichnam habe aber eine klare Botschaft: "Gott hat sich nicht zurückgezogen. Er ist da. Er bleibt gegenwärtig." Die Eucharistie sei das Sakrament der Einheit, so Marketz. "Aus vielen Menschen wird ein Leib Christi. Gott verbindet Menschen nicht, weil sie gleich sind, sondern weil sie alle von ihm geliebt sind." Die Fronleichnamsprozession sei ein "öffentliches Glaubensbekenntnis": "Wir zeigen damit, dass wirtschaftlicher Erfolg, politische Entscheidungen und gesellschaftlicher Fortschritt allein nicht genügen. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Er braucht auch Sinn, Hoffnung und die Erfahrung, von Gott getragen zu sein."
Jesus "kein Avatar"
"Jesus ist leibhaftig und real gegenwärtig, keine Täuschung, kein künstlicher Avatar, der KI-generiert Echtheit vorgibt", betonte Bischof Hermann Glettler in seiner Predigt im Innsbrucker Dom. Der gegenwärtige Jesus helfe dabei, "menschlich zu werden und zu bleiben, weil er ein inneres Ankommen ermöglicht". Ein solches könne "aus der gefährlichen Zerstreuung, in der wir uns in einer hoch digitalisierten Welt befinden, ins Jetzt führen". Auf Jesus zu schauen, mit ihm zu kommunizieren und ihn aufzunehmen - all das helfe dabei, sich innerlich zu sammeln und "aus dem Strudel des Zuviels und der Social-Media-Verführung auszusteigen, zur Mitte zu kommen".
"Menschlicher werden wir nicht durch eine permanente Selbstoptimierung", fuhr Glettler fort. Entscheidend und befreiend sei un "Ja zum Leben mit seiner Schönheit und Zerbrechlichkeit". In einer "Zeit der globalen Vergötzung von Geld und der Aufblähung von Macht und politischem Einfluss" sei die Eucharistie ein "heilsames Gegen-Zeichen, ein Symbol des Gewaltverzichts - im Großen und im Kleinen ein Signal gegen die Verrohung und Verhärtung von Herz und Verstand." Jesus habe mit der Gabe der Eucharistie seinen Frieden hinterlassen. Er verbinde, gebe Zuversicht, und stärke bei den vielen Aufgaben, "denen wir uns in einer hochnervösen Zeit zu stellen haben", erklärte Glettler die Fronleichnamsprozession auch zur "echten Jesus-Demo, Friedens-Demo, Demo der sozialen Zusammengehörigkeit und Demo der Menschlichkeit."
Wandlung durch "Begegnung mit dem Herrn"
"Tragen wir den Herrn heute nicht nur durch die Straßen, sondern auch in unser Leben", rief der Feldkircher Bischof Benno Elbs die Gläubigen auf. Wo Menschen aus der Eucharistie lebten, dort könne sich etwas verändern. "Durch die Begegnung mit dem Herrn wächst die Fähigkeit zur Versöhnung. Dort lernen wir Geduld, Aufmerksamkeit füreinander und Hoffnung für jede Lebenssituation", so Elbs. Mit dem Empfang der Kommunion würden die Kirchenbesucherinnen und -besucher nicht automatisch zu einem besseren oder gläubigeren Menschen. Viele Menschen gingen zur Kommunion, und dennoch gebe es in der Kirche, in einer Pfarrgemeinde, in einer christlichen Familie, in einer Ehe Streit, Unversöhntheit, Unverständnis und manchmal sogar Feindschaft.
Vielmehr sei die Kommunion aber eine "Gemeinschaft und Begegnung mit dem Herrn". In dieser Begegnung mit dem Herrn liege auch "der Mittelpunkt der Kirche, aus dem heraus sie sich erneuert und immer mehr zum Leib Christi und zum Zeichen der Einheit für die ganze Menschheit wird". So werde sichtbar, dass Christus mitten unter den Menschen lebt - "nicht nur in der Monstranz, die wir durch die Straßen tragen, sondern auch in den Herzen der Menschen, die sich von ihm verwandeln lassen."
"Eucharistie entzieht sich jeder Preislogik"
Heute mit nur wenigen Klicks Preise vergleichen und aus einer Fülle das günstigste Angebot auswählen zu können, fördere das Verfallen in eine "Schnäppchenjäger"-Mentalität, die den Alltag und das Denken präge, erklärte der Weihbischof Johannes Freitag im Grazer Dom. Doch nicht alles im Leben lasse sich berechnen, etwa die Liebe einer Mutter, die Würde eines Menschen oder das Vertrauen eines Freundes. "Für diese besonderen Lebens-Mittel gibt es keinen Preis. Es sind Kostbarkeiten, die unser Leben tragen und reich machen", so Freitag. So entziehe sich auch das Heilige, das an Fronleichnam in der Gestalt des Brotes verehrt werde, jeder Preislogik. "Sein Wert lässt sich nicht berechnen. Es lässt sich nicht kaufen. Dieses Brot ist vielmehr ein Geschenk: Christus selbst schenkt sich uns."
"Wenn wir mit dem Allerheiligsten durch die Straßen unserer Stadt ziehen, dann setzen wir bewusst ein öffentliches Zeichen. Wir bekennen, dass der tiefste Wert unseres Lebens nicht im Besitz, nicht im Erfolg und nicht in dem liegt, was wir vorweisen können", sagte Freitag. Der tiefste Wert des Lebens liege in der Liebe Gottes, die er den Menschen schenkt. Darum würden sich Menschen heute wieder nach "Qualität statt Quantität, nach Regionalität statt Beliebigkeit und nach einem bewussteren Umgang mit den Gaben der Schöpfung sehen". Dahinter stehe "die Suche nach dem, was wirklich trägt und Bestand hat".
Keine lebendige Beziehung über "Klicks"
Auch Bischof Manfred Scheuer nahm in seiner Predigt im Linzer Mariendom Bezug auf das neue Lehrschreiben des Papstes. Die Digitalisierung und KI eröffne viele Möglichkeiten der Kommunikation und der universalen Vernetzung. Auch Forschung und Wissenschaft hätten durch die Digitalisierung bzw. KI eine ungeheure Dynamik erfahren. Die Beschleunigung in der Information könne aber auch "zu einer Verflachung bzw. zu einer Oberflächlichkeit führen", so Scheuer. "Mit einem Klick haben wir noch keine lebendige Beziehung und Freundschaft. Und die existenziellen Höhen und Tiefen, die mystischen Erfahrungen und die Abgründe, das Gewissen und der Glaube brauchen andere Annäherungen und Formen der Kommunikation als den PC."
Auch Papst Franziskus habe in seiner Enzyklika "Fratelli tutti" über digitale Kommunikation geschrieben: Es brauche "körperliche Gesten", heißt es dort. Und weiter: "Die digitale Vernetzung genügt nicht, um Brücken zu bauen; sie ist nicht in der Lage, die Menschheit zu vereinen." Auch das Wort sei Fleisch geworden, wie es im Evangelium heißt. "Jesus ist nicht Gespenst geworden. Jesu Leben und Verkündigung sind konkret leibhaftig. Er selbst ist die leibliche Gabe Gottes, er geht auf die Menschen konkret ein, lässt sich von ihnen anfassen und salben. Er schenkt Heilung durch Berührung."