Israel: 62 Ultraorthodoxe nach Angriff auf Richterhaus festgenommen
04.06.202615:09
Israel/Orthodoxe/Judentum/Polizei/Militärdienst
Hintergrund Wehrpflichtstreit: Sohlberg plädierte wiederholt dafür, mit harter Hand gegen Verweigerer vorzugehen
Jerusalem, 04.06.2026 (KAP) In Israel sind nach Polizeiangaben Dutzende ultraorthodoxe Juden festgenommen worden, nachdem sie das Anwesen des Vizepräsidenten des Obersten Gerichts gestürmt hatten. Die Randalierer hätten Ruhestörung begangen sowie das Haus und Eigentum des Richters Noam Sohlberg beschädigt, teilte die israelische Polizei am Donnerstag mit. Hintergrund des Vorfalls ist der Streit um die Wehrpflicht für ultraorthodoxe Juden, wie die APA am Donnerstag berichtete.
Nach Ausschreitungen vor dem Wohnhaus des stellvertretenden Präsidenten des israelischen Obersten Gerichtshofs, Noam Sohlberg, hat die Polizei die Verlängerung der Haft für 62 Verdächtige beantragt. Die Festgenommenen sollen am Mittwochabend an einem gewaltsamen Protest vor Sohlbergs Haus in Alon Shvut beteiligt gewesen sein, berichtete das Nachrichtenportal "Israel National News".
Antrag auf Haftverlängerung
Den Angaben zufolge versuchten Demonstrierende, in das Wohnhaus einzudringen. Dabei wurden Fensterscheiben eingeschlagen und Sachschäden am Gebäude sowie am Fahrzeug der Familie verursacht. Nach dem Vorfall seien die Beteiligten mit einem angemieteten Bus vom Ort des Geschehens weggefahren. Einsatzkräfte hätten den Bus gestoppt und Dutzende Personen festgenommen. Die 62 Verdächtigen sollen nun einem Gericht in Jerusalem vorgeführt werden, das über den Antrag der Polizei auf Haftverlängerung entscheiden soll.
Sohlbergs Ehefrau Meira, die sich während des Angriffs gemeinsam mit ihrem Mann im Haus befand, zeigte sich nach dem Vorfall erschüttert. Gegenüber Medien erklärte sie, sie werde ihre Heimat nicht verlassen und den eingeschlagenen Weg fortsetzen. Zugleich verurteilte sie die Gewalt scharf. Es sei unvorstellbar, dass Juden einander auf diese Weise Schaden zufügten. Die Ereignisse verglich sie mit einem Pogrom und zog Parallelen zur Reichspogromnacht.
Protest gegen Wehrpflicht
Ultraorthodoxe Juden waren in Israel viele Jahre lang von der Wehrpflicht befreit. Das Oberste Gericht hob diese Ausnahmeregelung 2024 auf. In der Folge nahm die Polizei zuletzt laut APA verstärkt ultraorthodoxe Männer fest, die sich dem Wehrdienst entziehen wollten. Sohlberg habe wiederholt dafür plädiert, mit harter Hand gegen die Verweigerer vorzugehen.
Im April hatte eine Gruppe ultraorthodoxer Wehrpflichtgegner das Haus des Chefs der israelischen Militärpolizei, Yuval Yamin, gestürmt und sich in seinem Garten verbarrikadiert. Die Regierung verurteilte zwar den Vorfall, doch ist Ministerpräsident Benjamin Netanyahu zum Machterhalt auf die Unterstützung ultraorthodoxer Parteien angewiesen. Er hat sich immer wieder gegen die Wehrpflicht für Ultraorthodoxe ausgesprochen.