Papstbesuch als Jungbrunnen für Spaniens Kirche und Leo XIV.
07.06.202617:08
Spanien/Papst/Christentum/Gesellschaft/Religion
Madrid ist verkehrstechnisch lahmgelegt, blüht aber innerlich auf: Die Stadt hat den Papst zu Gast, erstmals seit vielen Jahren. Leo XIV. scheint in Spanien in seinem Element. Das tut beiden gut - Kathpress-Korrespondentenbericht von Sabine Kleyboldt
Madrid, 07.06.2026 (KAP) 30.000 Nelken, Tagetes und Petunien in vatikanischem Gelb und Weiß, Fahnen, Jubelrufe und über eine Million Menschen: Vor dieser Kulisse feierte Papst Leo XIV. am Sonntag die traditionelle Fronleichnamsmesse - im eigentlich nicht mehr gar so katholischen Spanien.
Schon kurz nach Sonnenaufgang zogen Menschen zum zentralen Cibeles-Platz, um den Papst an seinem zweiten Besuchstag in Madrid zu erleben. Um kurz nach neun melden die Behörden, dass die Gegend um das Rathaus überfüllt sei, während immer noch Menschen versuchen, in den touristischen Hotspot mit seinen pittoresken Gebäuden vorzudringen.
Als um 9.33 Uhr das weiße Papamobil mit dem nach allen Seiten winkenden Leo XIV. auftaucht, hallen Rufe wie "Viva el papa", "Papa León" und vor allem "Esta es la juventud del papa"-Rufe von den perlgrauen Palästen wider. Dieses Bekenntnis der Jugend zum jeweiligen Papst ist derzeit überall in Madrid zu hören.
Dass Spanien überaltert und ein weitgehend säkularisiertes Land sein soll, das seit dem letzten Papstbesuch vor 15 Jahren einen starken Katholikenschwund verzeichnet, mag man bei diesen Bildern kaum glauben. Die Tage von Madrid wirken wie ein Jungbrunnen: für das stolze, traditionsreiche, aber von gesellschaftlichen Spaltungen geplagte Land - und für den 70-jährigen Papst.
Bei einem Abendgebet am Samstag war die Kulisse anders, doch auch hier blühte er auf: Am Lima-Plaza, dem hypermodernen Wirtschaftszentrum der Stadt mit Bürogebäuden aus Glas und Stahl, sammelten sich laut Behördenangaben 600.000 vorwiegend junge Menschen.
Dort verlas der vor genau 13 Monaten gewählte Papst eine vorbereitete Ansprache - eine Art zu reden, die dem US-Amerikaner auf dem Stuhl Petri oft angekreidet wird. Doch dann streute er spontane Bemerkungen und launige Aperçus ein; gratulierte einem frisch Verheirateten und betonte unter großem Beifall, Ehe und Familiengründung sei ebenfalls eine Berufung.
Auf der Bühne wechselten sich Musikeinlagen beliebter Gruppen wie Beret, Siloé und Besmaya mit modernen geistlichen Liedern von Hakuna ab. Dann wirbelte ein wildes Völkchen um den Papst herum und brachte Ausschnitte aus dem Musical "Goldspell" von Antonio Banderas.
Leo XIV. schien von der temperamentvollen Umgebung angesteckt. Seine Botschaft intonierte er mit bisher selten erlebter Verve. An sein Publikum appellierte er, den Glauben zu bezeugen, auch in der digitalen Welt. "Angesichts der Leere von Gleichgültigkeit und Konformismus, angesichts der Gewalt von Krieg und Lüge, seid ihr selbst der Funke einer neuen Menschheit", rief er ihnen zu. Rhetorisch steigerte er seine Worte gezielt auf Pointen hin, Beifall und Jubel waren die Reaktion.
"Wir jungen Menschen stehen vor vielen Problemen: Fehlende Jobperspektiven, unbezahlbare Wohnungen, Druck durch Soziale Medien", sagt Ramón Gómez (25). "Der Papst kann uns neue Orientierung in einer Zeit geben, in der sich viele von uns häufig verloren fühlen."
Raquel Galaza (18) aus Ecuador ist besonders vom "klaren Aufruf für den Frieden in der Welt" beeindruckt. "Von ihm können unsere Politiker noch etwas lernen."
Tatsächlich scheint Leo XIV. in Spanien in seinem Element. Für den gebürtigen Chicagoer ist Spanisch offenbar seine "Herzenssprache". Die rund 20 Jahre als Bischof und Seelsorger in Peru kommen da durch. Spanisch geht ihm leichter über die Lippen als seine "Amtssprache" Italienisch.
Bei der farbenfrohen Fronleichnamsmesse samt Prozession schritt Leo XIV. unter einem goldenen Baldachin und trug die knapp zwei Kilo schwere Monstranz. Auch davon zeigt sich Gerardo Oliveira (55) tief bewegt. "Papst Leo hat zwar nicht das Charisma von Johannes Paul II., er wirkt eher schüchtern, aber mir gefällt seine tiefe Spiritualität", so der Madrilene.
Auch die Liebeserklärung des Papstes an Spaniens Hauptstadt dürfte vielen gefallen haben: Halb scherzhafte Worte, er sei Madrilene, wurden beim Besuch eines Sozialzentrums am Samstag in einem Randviertel der Metropole besonders gut aufgenommen. Die Schlüssel der Stadt hat der Papst schon erhalten und sich ins Goldene Buch eingetragen: "Möge Madrid weiterhin eine einladende und offene Stadt sein, in der das gesellschaftliche Leben von authentischen menschlichen Werten geprägt ist."