Papst Leo ruft in Spanien zur Rückbesinnung auf den Glauben auf
07.06.202612:13
(zuletzt bearbeitet am 07.06.2026 um 19:37 Uhr)
Spanien/Papst/Kirche/Glaube/Brauchtum
1,2 Million Gläubige bei Fronleichnamsgottesdienst in Madrid - Aufruf zu Nächstenliebe und Gerechtigkeit - Papst trug in Prozession Monstranz mit gewandelter Hostie durch Innenstadt
Madrid, 07.06.2026 (KAP) Papst Leo XIV. hat Spaniens Katholiken dazu aufgerufen, sich auf die Quellen ihres Glaubens zu besinnen und zugleich aktiv für Nächstenliebe und Gerechtigkeit einzutreten. Bei einem Massengottesdienst zum Fronleichnamsfest auf der Madrider Plaza de Cibeles sagte er: "Fronleichnam bedeutet das Zurückkehren zu den Wurzeln des Glaubens." An dem Gottesdienst nahmen nach Veranstalterangaben rund 1,2 Millionen Menschen teil. Wegen Überfüllung musste die Polizei die Zugänge zu dem Platz schließen, auf dem der Papst die Messe feierte.
Der Papst betonte, das kirchliche Hochfest, bei dem eine gewandelte Hostie durch die Straßen der Stadt getragen wird, sei weit mehr als eine folkloristische Tradition. Die Prozession zeige, dass Gott nicht in der Kirche eingeschlossen bleibe, sondern den Menschen nahe sei. Dies gelte vor allem für die Schwachen, für die Familien und die Leidenden: "Christus, der durch die Straßen geht, ist derselbe, der sich mit den Armen, den Unterdrückten und den Hilflosen identifiziert."
Weiter sagte Leo: "Ich habe einen Auftrag an das Spanien von heute und morgen: Dass die Frömmigkeit, die seit Jahrhunderten dieses Land beseelt, kein Museum sein möge, sondern eine Schule des Glaubens." Diese Schule solle die spanischen Gläubigen eine Liebe lehren, "die alle Ketten des Egoismus zerbricht" und zeigen, "dass die Gegenwart Gottes real ist und dass auch wir berufen sind, in den Situationen und Herausforderungen der Gesellschaft präsent zu sein ... und uns persönlich beim Aufbau des Gemeinwohls zu engagieren".
Frömmigkeit und Nächstenliebe
Besonders eindringlich wandte sich der Papst gegen einen "bequemen, privaten Glauben", der sich in die eigene Frömmigkeit zurückziehe. Fronleichnam sei in Spanien seit Jahren bewusst mit dem "Tag der Nächstenliebe" verbunden. Es gehe nicht nur darum, die Monstranz durch die Straßen zu tragen, sondern darum, sich aus Egoismus und Gleichgültigkeit herausführen zu lassen und Verantwortung für andere zu übernehmen. Die Eucharistie dürfe nicht in einer rein persönlichen Religiosität enden, sondern müsse Gläubige dazu bewegen, Hoffnung zu verbreiten und sich für Arme, Familien und Menschen in Not einzusetzen.
In seiner Predigt erinnerte Leo auch an den 2016 von Papst Franziskus heiliggesprochenen Bischof Manuel González García (1877-1940). Dieser hatte sich sowohl für eine intensive Eucharistie-Frömmigkeit als auch für aktive Caritas eingesetzt. Seine Bischofsresidenz wurde 1931 von Kommunisten niedergebrannt. 1937 unterstützte González gemeinsam mit den anderen katholischen Bischöfen im Spanischen Bürgerkrieg den rechten General und späteren Diktator Francisco Franco (1892-1975).
Der Madrider Erzbischof Kardinal José Cobo Cano bezeichnete die Eucharistiefeier als Rückkehr zu den geistlichen Quellen des Landes. Madrid sei auf "lebendigem Wasser" erbaut und stehe sinnbildlich für die Taufberufung der Christen. In seiner Begrüßung rief Cobo dazu auf, die "Bequemlichkeit der Gotteshäuser" zu verlassen und Christus mitten in die Gesellschaft zu tragen. Die Kirche müsse eine geschwisterlichere Welt fördern, "in der niemand unsichtbar bleibt und das Brot für alle reicht".
Rathaus als Papst-Sakristei
Bereits in den frühen Morgenstunden strömten Pilger, Jugendgruppen, Familien und Gläubige aus allen Teilen Spaniens sowie aus anderen europäischen Ländern in das Zentrum der Hauptstadt. Für den Papstbesuch wurde das Madrider Rathaus eigens zur päpstlichen Sakristei umfunktioniert. Vor Beginn der Messe erhielt Leo XIV. dort den Goldenen Schlüssel der Stadt und trug sich in das Goldene Buch Madrids ein.
Die Feier auf der Plaza de Cibeles war auch organisatorisch ein Großereignis. Nach Angaben der Erzdiözese waren mehr als 22.000 Freiwillige im Einsatz. Zudem sorgten rund 23.000 Polizisten und Sicherheitskräfte für einen geordneten Ablauf. Für die Liturgie standen über 2.000 Priester, Diakone, Akolythen und Kommunionhelfer bereit; ein Chor mit 400 Sängerinnen und Sängern gestaltete die musikalische Begleitung. Damit auch die weitläufigen Teilnehmerbereiche die Feier verfolgen konnten, wurden 42 Großbildschirme installiert.
Prozession durchs Madrider Stadtzentrum
Im Anschluss an den Gottesdienst führte Papst Leo XIV. die traditionelle Fronleichnamsprozession zu Fuß durch das Zentrum Madrids an. Unter einem Baldachin schritt er mit der Monstranz, die die konsekrierte Hostie enthielt, über die Plaza de Cibeles und die festlich geschmückte Calle de Alcalá. Der rund 700 Meter lange Weg war von einem Strom von Gläubigen gesäumt, die dem Allerheiligsten in stiller Andacht folgten. Während der Prozession wurden Blütenblätter gestreut, zugleich läuteten die Glocken der umliegenden Kirchen.
Besonderes Gepräge erhielt der Zug durch einen großflächigen Blumenteppich aus mehr als 30.000 weißen und gelben Nelken. Auf insgesamt 16 floralen Bildern entlang der Route waren christliche Symbole wie Hostie, Petrusschlüssel oder Jakobsmuschel dargestellt. Gestaltet wurden die vergänglichen Kunstwerke von einer Vereinigung aus dem galicischen Ponteareas, wo die Tradition der Fronleichnamsteppiche seit mehr als zwei Jahrhunderten gepflegt wird. Nach Angaben der Organisatoren waren 24 Fachleute und 160 Freiwillige an der Ausführung beteiligt.
An der Prozession nahmen neben zahlreichen Geistlichen auch Erstkommunionkinder und Vertreter katholischer Laiengruppen teil. Die spanische Königsfamilie verfolgte die Feierlichkeiten ebenfalls und wurde beim Verlassen der Plaza de Cibeles von den versammelten Gläubigen mit lang anhaltendem Applaus verabschiedet.