Appell bei Treffen mit Kulturschaffenden in Madrid zu Offenheit von Gesellschaft und Christentum - "Kann man wirklich glauben, dass das Europa, das wir so sehr lieben, ohne die Spuren des Glaubens dasselbe wäre?"
Madrid, 07.06.2026 (KAP) Papst Leo XIV. hat eine unvoreingenommene Wertschätzung für das christliche Erbe Europas gefordert. In Madrid fragte er am Sonntag bei einem Treffen in der Madrider Movistar Arena mit Personen aus Kultur, Wirtschaft, Wissenschaft und Sport: "Kann man wirklich glauben, dass das Europa, das wir so sehr lieben, ohne die Spuren des Glaubens dasselbe wäre?"
Vom Glauben bewegte Männer und Frauen hätten Krankenhäuser und Schulen errichtet, solidarische Initiativen ins Leben gerufen und eine Sprache benutzt, die die Würde des Menschen achtet, sagte der Papst. Dies zeige auch ein objektiver Blick. Deshalb könne man sich fragen, ob Europa seine Identität ohne diesen prägenden Einfluss hätte entwickeln können. Der Papst fügte hinzu: "Das ist keine Provokation, sondern eine Einladung, darüber nachzudenken, ob die Ewigkeit, die durch die Menschwerdung Jesu Christi in Raum und Zeit eingedrungen ist, wieder mit dem Alltäglichen versöhnt werden kann."
Weiter sagte der Papst: "Wir sollten uns fragen, was wir heute säen, was in unserer Gesellschaft blüht und was still und leise verwelkt; welche Werte wir bewahren und welche wir sterben lassen. Das sind tiefgreifende, notwendige Fragen, die nicht ignoriert werden können." Nötig sei ein respektvoller gesellschaftlicher Dialog darüber, mit viel Behutsamkeit, denn: "Jeder Ausdruck sagt und vermittelt etwas; er kann verletzen oder heilen, Erwartungen zerstören oder Horizonte eröffnen, Spaltung säen oder Hoffnung wecken auf die Möglichkeit, gemeinsam etwas wahrhaft Menschliches aufzubauen."
"Knüpfen neuer Netze"
Als Leitmotiv der Begegnung in der Madrider Movistar Arena nannte der Papst das "Knüpfen neuer Netze" zwischen Kultur, Kunst, Wirtschaft, Wissenschaft und Sport. Ziel müsse eine erneuerte Gesellschaft sein, in der "die Zeit von der Ewigkeit durchdrungen" werde, die Kultur das Gedächtnis bewahre und den Dialog fördere, die Bildung die Suche nach Wahrheit mit kritischem Geist unterstütze und die Kunst Staunen sowie edle Gefühle wecke. Unternehmen sollten die Würde des Menschen anerkennen, während Arbeit ein Motor der Hoffnung bleiben müsse.
Besondere Aufmerksamkeit widmete Leo XIV. der Sprache und Kommunikation. Diese sei "niemals neutral", betonte er. Worte und Bilder könnten verletzen oder heilen, Erwartungen zerstören oder neue Horizonte eröffnen. Deshalb brauche es einen gesellschaftlichen Dialog, der auf Begegnung, Zuhören, Respekt und der Achtung der Menschenwürde gründe. Der Papst forderte, Universitäten dürften der Arbeitswelt nicht den Rücken kehren und zugleich nicht auf die Suche nach Wahrheit verzichten. Ebenso dürften Unternehmen Beschäftigte nicht bloß als Produktionsfaktor betrachten, Kunst dürfe sich nicht auf Eliten beschränken und Sport nicht auf Unterhaltung oder Geschäft reduziert werden.
Mit Blick auf die technologische Entwicklung mahnte Leo XIV., Fortschritt müsse den Bedürfnissen der Schwächsten Rechnung tragen. Neue Technologien sollten ältere Menschen, Arme und jene, "die keine Stimme haben", nicht aus dem Blick verlieren. Wahre Entwicklung messe sich daran, ob sie dem Menschen in seiner Ganzheit diene und eine verantwortliche Teilhabe aller ermögliche.
Ganzheitliche Entwicklung
Zugleich erinnerte der Papst an die soziale Verantwortung von Politik und Wirtschaft. Die Lage der Armen sei ein "Schrei", der Gesellschaften, politische und wirtschaftliche Systeme sowie die Kirche beständig herausfordere. Wirtschaftliche und institutionelle Strukturen seien nur dann gerecht, wenn sie der ganzheitlichen Entwicklung des Menschen dienten und die Mitverantwortung aller förderten.
Auch dem Sport schrieb Leo XIV. eine wichtige gesellschaftliche Rolle zu. Viele Menschen hätten Respekt vor dem Gegner eher auf dem Spielfeld gelernt als durch Vorträge, sagte er. Sportler lehrten, "zu verlieren, ohne zu hassen, zu gewinnen, ohne zu demütigen, und nach einem Sturz wieder aufzustehen". Darin zeige sich eine Kultur der Fairness und des Miteinanders, die weit über den sportlichen Bereich hinaus Bedeutung habe.
Banderas: "Kirche größter Kunstproduzent der Geschichte"
An der Begegnung mit etwa 15.000 Teilnehmern wirkten unter anderen der Schauspieler und Regisseur Antonio Banderas, die Flamenco-Künstlerin Sara Baras, die Sportlerinnen Carolina Marín e Teresa Perales sowie Gewerkschaftsführer und Vertreter von Unternehmerverbänden mit.
Banderas würdigte den Papstbesuch in seiner Ansprache als besonderes Zeichen des Dialogs mit der Gesellschaft. Die Anwesenheit Leos XIV. in Madrid sei "eine Geste des Zuhörens, der Nähe, des Dialogs mit der Zivilgesellschaft". Als gemeinsame Sprache zwischen Kirche und Gesellschaft hob der Schauspieler die Kunst hervor und sagte: "Wir irren uns wohl nicht, wenn wir sagen, dass die Kirche der größte Kunstproduzent in der Geschichte der Menschheit war." Im Mittelpunkt dieses kulturellen Erbes stehe Jesus Christus, "der große Protagonist im Film des Lebens", der Künstler aller Epochen inspiriert habe.
Anschließend schilderte der mit Filmen wie "Zorro" und "Desesperados" bekannt gewordene Schauspieler persönliche Erinnerungen an die Karwochenfeiern seiner Heimatstadt Málaga, die ihn schon als Kind geprägt hätten. In der Verbindung von Volksfrömmigkeit, Kunst und Gemeinschaft sei erstmals die Frage nach Gott in ihm aufgetaucht. Antworten habe er später im Glaubensleben seiner Familie, in den Traditionen seiner Heimat und in den Menschen seines Umfelds gefunden. Die religiösen Feiern seien für ihn zu einem Weg geworden, die Beziehung zwischen Mensch, Gemeinschaft und Transzendenz zu verstehen.
Banderas bezeichnete die Kunst als unverzichtbaren Raum für kritisches Nachdenken über Gesellschaft und Menschsein. "Kunst ist nicht nur Schönheit. Kunst ist Frage. Sie ist Reflexion. Sie ist Kontrast. Sie ist Revolution", sagte er. Sie müsse auf Ungerechtigkeiten aufmerksam machen und dürfe weder gegenüber der Gesellschaft noch gegenüber Religion und Kultur ihre kritische Rolle aufgeben. In einer Zeit rasanten technologischen Wandels helfe Kunst zudem, die menschliche Tiefe und die Suche nach Sinn lebendig zu halten. Kirche und Zivilgesellschaft müssten deshalb weiter gemeinsam nach Wahrheit suchen und den Dialog fördern. Zum Abschluss bekannte Banderas, selbst tiefgläubiger Katholik: "Ich bin heute hier, um zu bekennen, dass ich dem Zauber Gottes verfallen bin."