Westjordanland: Priester berichtet von Angst und Einschüchterung
08.06.202612:03
Palästina/Kirche/Konflikte
Katholischer Pfarrer des letzten rein christlichen Palästinenserdorfes im Westjordanland, Taybeh, zeichnet dramatisches Bild der Lage vor Ort, nachdem die Gewalt jüdischer Siedler stetig im Steigen ist
Rom/Jerusalem, 08.06.2026 (KAP) Provokationen und Gewalttaten israelischer Siedler hätten unter der Bevölkerung der Christenstadt Taybeh im Westjordanland zu enormer Angst und Verunsicherung geführt. Das berichtete am Wochenende der örtliche lateinische Pfarrer Bashar Fawadleh, wie das Portal "VaticanNews" meldete. Der Geistliche rief u. a. die internationale Staatengemeinschaft auf, endlich zu handeln und der Gewalt gegen die Bevölkerung ein Ende zu setzen.
Das im Westjordanland gelegene Dorf Taybeh mit rund 1.500 Einwohnern liegt etwa 30 Kilometer nördlich von Jerusalem. Es ist die letzte palästinensische Stadt, die ausschließlich von Christen verschiedener Konfessionen bewohnt wird; etwa ein Viertel sind lateinische Katholiken, die übrigen gehören der Griechisch-orthodoxen oder der Melkitischen Kirche an.
In den letzten Monaten kam es wiederholt zu Angriffen jüdischer Siedler, bei denen Häuser geplündert, Vieh gestohlen und Häuser niedergebrannt wurden. Nach einem dieser zahlreichen Angriffe besuchten der lateinische Patriarch von Jerusalem, Kardinal Pierbattista Pizzaballa, und der griechisch-orthodoxe Patriarch Theophilos III. gemeinsam die Stadt, um ihre Solidarität mit der Bevölkerung auszudrücken.
Atmosphäre der Angst
Fawadleh: "Am 2. Juni blockierte eine Gruppe von Siedlern Berichten zufolge Straßen und behinderte Bauarbeiten. Am Tag darauf wurden sie erneut in der Stadt gesehen und drangen bis zur St.-Georgs-Kirche vor. Diese wiederholten Übergriffe haben eine Atmosphäre der Angst und Einschüchterung geschaffen. Das Sicherheitsgefühl der Gemeinde wurde untergraben." Die Menschen würden die zuständigen Behörden und Menschenrechtsorganisationen auffordern, diese Aktivitäten dringend zu stoppen und den Schutz der Stadtbewohner zu gewährleisten.
Bereits im Mai sei die anhaltende Serie von Angriffen und Gewalttaten in einem Bericht der Gemeinde dokumentiert worden. Der Bericht zeige das enorme Ausmaß der Verstöße und Übergriffe, denen die christlichen Bewohner der Region täglich ausgesetzt seien. Für die Täter gebe es keine Konsequenzen. "Diese Verstöße", erklärte der Geistliche, "haben sich sowohl im Umfang als auch in ihrer Schwere verschärft und bedrohen die Zivilbevölkerung unmittelbar, untergraben ihre Lebensgrundlagen und tragen zur schrittweisen Ausweitung der Siedlerkontrolle über palästinensisches Land bei."
Die psychischen Belastungen unter den Gemeindemitgliedern seien hoch. Auch der Zugang zu Erwerbsmöglichkeiten und Einkommensquellen sei eingeschränkt. Die Angriffe behinderten zudem die regelmäßige Bewirtschaftung der Felder und die Vorbereitung des Bodens für Aussaat und Ernte und würden damit wichtige Lebensgrundlagen zerstören. Darüber hinaus stellt die Wasserknappheit ein erhöhtes Risiko für die stark von der Viehzucht abhängigen Gemeinden dar.
Dringende und nachhaltige internationale Maßnahmen seien erforderlich, "um den Schutz der Zivilbevölkerung und die Wahrung des Rechts der palästinensischen Bevölkerung auf Sicherheit in ihrem Land zu gewährleisten", so Pfarrer Fawadleh.