Standing Ovations für historische Papstrede in Spaniens Parlament
08.06.202617:17
Österreich
Der Montagvormittag in Madrid war für Leo XIV. vor allem von politischen Begegnungen geprägt. Vor dem Parlament gab es eine historische Premiere - und die Bischöfe mahnt Leo XIV. zu mehr Missbrauchsaufarbeitung - Von Kathpress-Korrespondentin Sabine Kleyboldt
08.06.2026, "Viva el Papa"-Rufe in Spaniens Parlament? Fast Undenkbares ereignete sich am Montagmorgen in den "Cortes Generales" in Madrid. Bei der allerersten Ansprache eines Papstes vor den beiden sonst sehr weltlichen Parlamentskammern erhielt Leo XIV. gut sieben Minuten stehende Ovationen - den längsten Beifall, der je im Halbrund des Hohen Haus gespendet wurde.
Nach dem von der großen Fronleichnamsmesse mit rund 1,2 Millionen Menschen geprägten Sonntag gestaltete sich der Montagvormittag für den Papst überwiegend politisch. Morgens traf er den linken Ministerpräsidenten Pedro Sánchez in der Papst-Botschaft in Madrid. Bei dem 20-minütigen Privatgespräch überreichte Sánchez, der Leo erst am 27. Mai im Vatikan besucht hatte, einen Bonsai-Olivenbaum - Symbol für Frieden, Dialog und Verständigung, so der Regierungschef: "Werte, die Spanien und der Vatikan teilen."
Vor seiner anschließenden Rede begrüßte er zunächst spontan Menschen auf der Straße und zeigte sich wieder einmal als nahbarer Papst. Und vor knapp 350 Parlamentariern beider Kammern des spanischen Parlaments - nur sechs Vertreter zweier linker Parteien waren dem Ereignis ferngeblieben - wurde er seinerseits mit großer Herzlichkeit von Parlamentspräsidentin Francina Armengol Socias begrüßt. Dann sprach Leo XIV. über eine halbe Stunde lang. Zentrales Thema war die umfassende Achtung der Menschenwürde, insbesondere mit Blick auf das Lebensrecht der Ungeborenen und die Lage von Migranten.
Entsprechend dem Motto seiner Spanienreise "Alzad la miradad" lud er sie ein, "den Blick zu heben": nicht, um der Realität zu entfliehen, sondern um sich daran zu erinnern, dass jede politische Entscheidung echte Menschen betreffe. Neben Gesetzesreformen mahnte das Kirchenoberhaupt eine moralische Erneuerung an. Ferner rief er zu einem zivilisierten Dialog zwischen den politischen Lagern auf und wandte sich gegen Aufrüstung in Europa.
Gegen Aufrüstung in Europa
Zur globalen Lage bemerkte der Papst: "Die Welt befindet sich in einer tiefen geistigen und kulturellen Krise, die sich in Gewalt, Polarisierung und gegenseitigem Misstrauen äußert." Es sei besorgniserregend, dass sich auch in Europa "die Aufrüstung erneut als fast unvermeidliche Antwort auf die Instabilität der internationalen Lage darstellt". Wahre Sicherheit entspringe aber der Gerechtigkeit, dem Dialog und der Achtung des Völkerrechts.
Die im Parlament versammelten Politiker - unter ihnen auch die Rechtpopulisten der Vox-Partei- mahnte er, Meinungsvielfalt dürfe nicht in Abwertung des Gegners ausarten. Wörtlich sagte der Papst: "Bestimmtheit erfordert keine Verachtung; Meinungsverschiedenheit muss nicht mit Demütigung einhergehen."
Balsam für die spanische Seele
"Möge Spanien weiterhin ein Ort der Begegnung, der Kultur, der Solidarität und der Hoffnung sein", schloss er. Er wünsche dem Königreich "eine Zeit des Wohlstands, der Gerechtigkeit und des dauerhaften Friedens". Daraufhin erhoben sich die Abgeordneten des gesamten politischen Spektrums und spendeten ihren langen Beifall.
Das Thema Missbrauchsaufarbeitung, einer der Reizpunkte in Spanien, sprach der Papst vor dem Parlament nicht an. Schon am Morgen hatten sich Betroffene sexualisierter Gewalt in einer Pressekonferenz enttäuscht gezeigt. Für den Nachmittag war jedoch ein Treffen des Papstes mit Missbrauchsbetroffenen erwartet worden.
"Missbrauch ist eine Pest"
Bei einer Ansprache vor Spaniens Bischöfen am Montagmittag adressierte Leo XIV. das Thema deutlich: Er rief die rund 120 Mitglieder der Bischofskonferenz zum entschlossenen Vorgehen gegen sexualisierte Gewalt von Geistlichen an Minderjährigen und Schutzbefohlenen auf. Missbrauch sei eine "Pest", auf die die Kirche "mit Zuhören, Wahrheit, Gerechtigkeit, Wiedergutmachung und einem immer entschlosseneren Handeln in Sachen Prävention und einer Kultur der Fürsorge" reagieren müsse.
"Allen verletzten Personen muss ehrlich Gehör geschenkt werden, sie müssen Annahme und Schutz erfahren und ihnen müssen echte Wege der Heilung ermöglicht werden", betonte Leo.
Kirchenoberhaupt mahnt Spitzen der katholischen Kirche in Spanien zu "Zuhören, Wahrheit, Gerechtigkeit, Wiedergutmachung und einem immer entschlosseneren Handeln in Sachen Prävention"