Österreicherin Ganser arbeitet seit drei Jahrzehnten mit Kindern in Armenviertel - Fußball soll Bildung fördern und vor Drogen, Gewalt und Perspektivlosigkeit schützen
WIen/Mexiko-Stadt, 11.06.2026 (KAP) In Mexiko, Gastgeberland der am Donnerstag anlaufenden Fußball-Weltmeisterschaft, hat der Sport eine einzigartige Rolle: Fußball sei für viele Mexikaner Teil ihrer Identität und gerade in Armenvierteln oft die einzige frei zugängliche Freizeitbeschäftigung, so die Erfahrung der oberösterreichischen Pädagogin und Entwicklungshelferin Leopoldine Ganser. In dem von ihr mitbegründeten Sozialprojekt in Chimalhuacán am Rand von Mexiko-Stadt setzt die 77-Jährige seit Jahrzehnten auf Fußball als Instrument der Bildungs- und Sozialarbeit. "Fußball eignet sich als Lebensschule", sagte Ganser im Interview mit der Nachrichtenagentur Kathpress.
Die frühere Lehrerin kam Anfang der 1990er Jahre durch einen mexikanischen Austauschschüler nach Mexiko. Gemeinsam mit dem österreichischen Priester Martin Römer engagierte sie sich schließlich in einem Gebiet, das damals von informellen Siedlungen rund um eine riesige Müllhalde geprägt war. Mit Unterstützung des damaligen Bischofs von Texcoco, des heutigen Kardinals Carlos Aguiar Retes, entstand dort ein Sozialzentrum. Auf einem rund 10.000 Quadratmeter großen Grundstück wurden die Pfarrkirche San Martín de Porres und die Kapelle Santa Juanita, eine Medizinstation, Bildungsangebote, Lehrwerkstätten und Sportanlagen errichtet.
Fußball wurde rasch zum Mittelpunkt der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Das habe auch mit der besonderen Bedeutung des Sports in Mexiko zu tun. "Sie sind fußballverliebt und spielen einfach gern", sagte Ganser. Die Faszination für das Ballspiel reiche in Mexiko bis zu den Azteken zurück und sei in der Kultur fest verankert. Anders als in Europa sei Fußball nahezu überall möglich: "Ich kann noch so arm sein und kann es doch auf der Straße spielen. Irgendwo finde ich immer ein Platzerl." Für viele Familien sei der Sport die wichtigste Form der Freizeitgestaltung. "Fußball ist der Sport Nummer eins. Es gibt in Mexiko nur den Fußball."
Ball als Lernvermittler
In Chimalhuacán habe sich gezeigt, dass der Fußball viele Generationen zugleich erreiche. "Wenn das Kind im Fußballprojekt ist, hast du die ganze Familie", sagte Ganser. Eltern, Geschwister und Verwandte würden eingebunden, viele würden später selbst Aufgaben als Trainer oder Betreuer übernehmen. Zeitweise umfasste die Liga auf ihrem Platz 30 bis 40 Mannschaften verschiedener Altersgruppen. Besonders wichtig sei dabei gewesen, Jugendlichen Alternativen zu Drogen und Kriminalität zu bieten. "Ich wollte nicht nur Gebäude bauen, sondern etwas mit Kindern machen", betonte die Pädagogin. "Als Lehrer will ich Leben verändern."
Unterstützt wird das Projekt durch pädagogisch begleitete Fußballprogramme, die sportliche Ausbildung mit Persönlichkeitsbildung verbinden. Dabei werde das Spiel bewusst als Lernfeld genutzt. "Du hast einen Verteidiger, der muss Fehler der anderen ausbügeln. Und es gibt den Tormann als letzte Chance dafür", erläuterte Ganser. Fußball lehre Verantwortung, Zusammenhalt und den Umgang mit Fehlern. Daran anzuknüpfen, mache den Sport zu weit mehr als bloßer Freizeitbeschäftigung.
Besondere Bedeutung misst Ganser dem Fall von Javi Hernández bei. Der frühere Teilnehmer ihrer Jugendligen in Chimalhuacán erreichte 2023 mit Mexiko als Tormann das Finale des Homeless World Cup in Kalifornien und wurde Vizeweltmeister. Für Ganser zählt dies zu den eindrucksvollsten Beispielen dafür, wie Fußball benachteiligten Jugendlichen neue Perspektiven eröffnen kann.
Spiel des Friedens
Langfristig gehe es jedoch nicht um sportliche Erfolge, sondern um Bildung. Viele Kinder in den Armenvierteln hätten früher die Schule mit 13, 14 Jahren verlassen, zahlreiche Mädchen seien bereits als Jugendliche Mütter geworden. Für Ganser bleibt deshalb Alphabetisierung ein zentrales Ziel. Derzeit nehmen an die 300 Schulabbrecher und Analphabeten an begleitenden Programmen teil, die ein Nachholen des Schulabschlusses ermöglichen. "Der Fußball ist das Medium, das die Armen auch zur Mittelschicht werden lässt", sagte sie. Wer lesen und schreiben lerne, könne sich informieren, bessere Berufe ergreifen und unabhängiger leben.
Von der Weltmeisterschaft erwartet Ganser vor allem zusätzliche Begeisterung für den Sport. Direkte wirtschaftliche Impulse für die Armenviertel sieht sie dagegen kaum. Die Stadien und Austragungsorte lägen weit entfernt von den Lebenswelten der meisten benachteiligten Familien. Dennoch könne das Turnier Kindern Vorbilder geben und ihre Freude am Fußball stärken. "Für mich ist Fußball eine Lebensschule", sagte Ganser. "Wenn ich durch den Fußball lesen und schreiben lernen darf, dann ist es ein Weg zum Frieden in der Welt."
(Spenden an Leopoldine Gansers Projekt: Jugend Eine Welt, IBAN AT66 3600 0000 0002 4000, Kennwort: MEM-05-7052 - Jugend- und Sozialzentrum Mexiko)