Kardinal bei Gespräch mit Wiener Theologe Jan-Heiner Tück an Universität Wien: Präsenz der Theologie an staatlichen Hochschulen wichtig, um dialogfähig zu bleiben - Theologen auch in der Bringschuld, sich in gesellschaftliche Diskurse einzuschalten
Wien, 11.06.2026 (KAP) Ein Plädoyer für eine starke Theologie an den staatlichen Universitäten und eine starke theologische Stimme in der Gesellschaft hat der emeritierte römische Kurienkardinal Walter Kasper gehalten. "Wenn die Theologie nicht mehr rezipiert wird, dann fehlt der Gesellschaft etwas", konstatierte Kasper bei einem Gespräch am Donnerstag an der Universität Wien.
Dass die Theologie aktuell gesellschaftlich wie universitär in der Defensive sei, sei in Teilen selbstverschuldet und auch durch die hohe Spezialisierung begründet: "Es ist gut, über ein theologisches Detailproblem zu arbeiten - aber ich muss auch in der Lage sein, zu erklären, was der christliche Glaube und seine Mitte ist." Theologie sei nicht nur Rede von Gott, sondern lebe auch aus der Rede mit und zu Gott. Wichtig sei zudem die dialogische Auseinandersetzung mit anderen Wissenschaften, mahnte Kasper.
Der Kurienkardinal befindet sich aktuell auf Einladung des Dogmatik-Professors Jan-Heiner Tück in Wien. Dort führte er zwei öffentliche Gespräche - eines am Mittwochabend mit Tück aus Anlass des gemeinsamen Gesprächsbandes "Jesus Christus auf der Spur" und eines am Donnerstag an der Universität Wien unter dem Titel "Erneuerung aus dem Ursprung. Herausforderungen postkonziliarer Theologie".
Gottesgedanke unverzichtbar
Zugleich warnte Kasper vor zu großer Schwarzseherei im Blick auf Kirche und Glaube: Er habe während des Heiligen Jahres 2025 in Rom eine sehr agile junge Generation erlebt, die durchaus an Gott und Religion interessiert sei, berichtete der Kardinal. "Da habe ich gesehen: So schnell sind Kirche und Glaube nicht am Ende." - Auch würden in seiner Wahrnehmung immer mehr Menschen erkennen, dass ein rein "funktionaler Zugang" zur Welt nicht genüge - dann erscheine die Welt letztlich "leer" und sinnlos. Hier sei die Theologie nach wie vor gefragt, Antworten auf die letzten Fragen der menschlichen Existenz zu geben: "Die Sehnsucht nach einer anderen, gerechteren Welt bewegt viele Menschen. Und damit kommt die Gottesfrage ins Spiel. Der Gottesgedanke ist insofern auch heute unverzichtbar".
Zuversichtlich zeigte sich Kasper abschließend zum Fortgang des vom verstorbenen Papst Franziskus eingeleiteten "Synodalen Prozesses". Dieser basiere auf einer bereits vom Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-65) betonten Dignität des Glaubenssinnes jedes Christen und sei daher kirchlich gut begründet. Die bei den bisherigen Synodalversammlungen eingeübte Technik des "Gesprächs im Geist" sei tatsächlich eine tragfähige und zukunftsweisende Form der Kommunikation und Entscheidungsfindung, so Kasper. Dies gelte es zu würdigen und auch weiter zu entwickeln. Zugleich verwies Kasper darauf, dass "die Kirche kein Parlament" ist, in dem einfach abgestimmt werde. Die Kirche sei mit rund 1,4 Milliarden Gläubigen vielmehr eine Art "großer Dampfer" - und dieser sei nicht ohne weiteres rasch zu manövrieren. Hier brauche es Zeit und Beharrlichkeit, um Dinge voranzutreiben - und Papst Leo XIV. sei ja noch jung im Amt und habe Zeit, diese Dinge zu entwickeln, so Kasper.
Römischer Kurienkardinal präsentiert Gesprächsband "Jesus Christus auf der Spur" mit Dogmatiker Tück - Gespräch über "Herausforderungen postkonziliarer Theologie" an Universität Wien