Wortlaut der Ansprache von Papst Leo XIV. im sogenannten "Hafen der Schande" von Arguineguin am 11. Juni 2026
Las Palmas, 11.06.2026 (KAP) Papst Leo XIV. hat am Donnerstag auf Gran Canaria den sogenannten "Hafen der Schande" von Arguineguin besucht. Dort mussten im Herbst 2020 Tausende Bootsmigranten schutzlos auf einer Hafenmole ausharren, bis ihnen notdürftig geholfen wurde. Leo XIV. warf einen Gedenkkranz ins Meer und segnete ein Kreuz, das aus Holzplanken von Flüchtlingsbooten gefertigt wurde. In seiner Rede warb der Papst mit eindringlichen Worten um Respekt für die Würde von Flüchtlingen und Migranten und rief die internationale Gemeinschaft, Herkunfts- und Transitländer sowie insbesondere Europa angesichts des Dramas von Bootsflüchtlingen und Migranten zu einer "Gewissensprüfung" auf. Kathpress dokumentiert die Ansprache von Papst Leo XIV. im Folgenden im Wortlaut der offiziellen Übersetzung des Vatikans:
Liebe Brüder und Schwestern,
wir haben soeben eine der anspruchsvollsten Stellen des Evangeliums gehört. Wir wissen, dass dasselbe Kapitel auch eine Warnung enthält, die kein Gläubiger auf die leichte Schulter nehmen darf (Mt 25,41-45). Heute, am Meer, wird das Wort konkret: Hier kommen so viele verwundete Menschenleben an, denen fast alles genommen wurde, aber niemals ihre Würde. Hier reißt uns das Evangelium aus der bequemen Rolle des Zuschauers heraus und stellt uns vor den Bruder, der ankommt. Es fragt uns, ob wir Christus in denen erkannt haben, die voller Angst, Hunger und Gewalt an Land gehen, nach der Wüste, der Nacht und dem Meer.
Wie ihr sehen könnt, trage ich den Fischerring an meiner Hand. Schon sein Name führt uns zum See Genesaret, wo Christus Petrus rief und zu ihm sagte: "Von jetzt an wirst du Menschen fangen" (Lk 5,10). Die Kirche hat diesen Vers als Bild für ihre Mission verstanden. Doch hier und an Orten wie El Hierro erhält dieser Auftrag eine wörtliche und schmerzhafte Bedeutung. Diese Insel, klein an Fläche, aber groß an Menschlichkeit, hat Tausende von Menschen ankommen sehen, die aus ihrer Heimat gerissen und der Zerbrechlichkeit eines Cayuco anvertraut wurden. Hier gibt es Menschen, die aus dem Meer gerettet wurden, und leblose Körper, die aus den Fluten geborgen wurden. Deshalb darf sich der Nachfolger Petri nicht von diesen Anlegestellen abwenden. Die Kirche darf sich weder von diesen Gewässern abwenden noch von irgendeinem Ort, an dem Hunger, Durst, Gewalt, Angst oder Exil weiterhin die Menschenwürde verletzen. Die Jünger Jesu dürfen den Schrei derer, die aus der Nacht heraus rufen, nicht als ihnen fremd betrachten.
In der biblischen Sprache kann das Meer ein Symbol für Gefahr, Finsternis und Chaos sein. Dort treten der Leviatan, eine Gestalt von verzehrender Kraft, und Rahab in Erscheinung, ein Name, der an den Hochmut der Mächte erinnert, die sich gegen Gott und gegen das Leben erheben (vgl. Ps 74,13-14; 89,10-11; Jes 27,1; 51,9; Ijob 26,12). Auch heute gibt es Ungeheuer, die in diesen Meeren lauern: mafiöse Organisationen, die mit der Verzweiflung arbeiten, Menschenhändler, die Frauen und Kinder versklaven und die Gleichgültigkeit vieler, die zulassen, dass die Armen von Ausbeutung oder Vergessenheit verschlungen werden.
Doch der Glaube lässt sich von der Macht des Meeres nicht lähmen. Wir glauben an einen Gott, der das Chaos bezwingt, dem Bösen Einhalt gebietet und einen Weg bahnt, wenn der Tod sich durchzusetzen scheint. So hat es das Volk Israel erfahren, als es das Rote Meer durchquerte, um der Knechtschaft zu entkommen und in die Freiheit zu gehen (vgl. Ex 14,21-31). Und so sehen wir es in Christus, der auf dem Wasser geht und angesichts des Sturms ein souveränes Wort spricht: "Schweig, sei still!" (Mk 4,39; vgl. Mt 14,25-27). Diese Stimme fährt fort, gegen die Kräfte zu ertönen, die so viele unserer Brüder und Schwestern verschlingen, versklaven und wegwerfen. Dort, wo Christus dem Meer befiehlt zu schweigen, darf die Kirche nicht stumm bleiben gegenüber denen, die seinen Fluten ausgeliefert sind.
Danke, Tito, für dein Zeugnis; und auch dir, María, dafür, dass du uns daran erinnerst, was die Caritas, die Pfarreien und so viele Menschen Tag für Tag leisten. Deine Worte zeigen uns, wo die Umkehr des Blicks beginnt: wenn der Migrant aufhört, "einer von vielen" zu sein, aufhört, eine Kategorie und eine Zahl zu sein. Erst dann verstehen wir, dass dieses Mädchen unsere Tochter sein könnte, dass diese Gesichter Teil unserer Familie sind; und dann hat das Gewissen keine Ausreden mehr. Barmherzigkeit beginnt mit kleinen Gesten: manchmal mit ein paar Keksen und etwas Milch; ein anderes Mal mit fünf Broten und zwei Fischen (vgl. Mt 14,17-21).
Es geht nicht darum, alles zu lösen, sondern alles in Gottes Hände zu legen und dort präsent zu sein, wo Menschen leiden, wo die Mittel nicht ausreichen und es keine gemeinsame Sprache gibt, wo aber Gesten noch sprechen können. Ein herzliches Dankeschön an alle, die sich an Rettungsaktionen, der Aufnahme und der Begleitung beteiligen und damit bezeugen, dass konkrete Barmherzigkeit Leben retten und verändern kann.
Liebe Blessing, auch wenn du heute nicht hier bist, ist deine Stimme doch bei uns. Danke, dass du deine Geschichte mit uns geteilt hast. Dein Name bedeutet "Segen" und erinnert uns daran, dass jedes menschliche Leben ein Segen Gottes ist. Niemand kann es kaufen, verkaufen, nutzen oder wegwerfen, denn in jedem Menschen strahlt das Bild und die Ähnlichkeit des Schöpfers (vgl. Gen 1,27). Du hast uns erzählt, dass du dein Land nicht verlassen hast, weil du es wolltest, sondern weil es keine andere Wahl gab. In deinen Worten hören wir das Drama so vieler Menschen, die gezwungen waren zu gehen, weil Armut, Krieg, Bedrohung oder Ausbeutung ihnen alle Wege versperrt haben.
Ich möchte, dass diese Botschaft dich und so viele Frauen erreicht, die Opfer von Menschenhandel und Ausbeutung geworden sind: Auch wenn andere deinem Körper einen Preis auferlegt haben, hat Gott nie aufgehört, dich als etwas Unbezahlbares anzusehen. Auch wenn sie dich in einer Vergangenheit des Schmerzes gefangen halten wollten, verkündet Gott weiterhin ein Versprechen der Zukunft über dich. Auch wenn man dich wie einen Gegenstand behandelt hat, möchte die Kirche dir heute sagen: Du bist eine Tochter und eine Schwester, du bist ein Segen. Dein Leben gehört nicht denen, die dir Schaden zugefügt haben; dein Körper gehört nicht denen, die dich ausgenutzt haben; deine Tage gehören nicht denen, die sie an die Angst ketten wollten. Dein Leben gehört Gott und bewahrt eine Würde, die dir niemand nehmen kann. Und wir wollen mit dir gehen, bis diese Wahrheit sich wieder stärker anfühlt als der Schmerz.
Liebe Migranten: Bevor ich euch noch ein weiteres Wort sage, möchte ich mich vor eurer Würde verneigen. Ihr seid keine Zahlen und keine Aktennummern. Ihr seid Menschen mit einer Familie und einem Zuhause, das ihr zurückgelassen habt; mit Träumen, die niemand das Recht hat, zu missachten. Aber ich möchte euch auch sagen, dass euer Leben geschützt werden muss. Überlasst eure Existenz nicht denen, die damit Handel treiben. Glaubt nicht denen, die euch ein leichtes Paradies im Tausch für euren Körper, euer Geld, euer Schweigen oder eure Freiheit versprechen. Diese falschen Versprechungen sind "Sirenengesänge", sie sind Gewerbe des Todes.
Dieses Drama muss zu einer Gewissensprüfung werden: für die Herkunftsländer, die Bedingungen für Frieden, Gerechtigkeit und Entwicklung schaffen müssen; für die Transitländer, die dazu aufgerufen sind, die Schwachen zu schützen und sie nicht in die Hände krimineller Netzwerke zu überlassen; für Europa, das nicht die Menschenwürde proklamieren kann und sich dabei nicht daran gewöhnen darf, dass das Mittelmeer und der Atlantik zu Friedhöfen ohne Grabsteine werden; für die internationale Gemeinschaft, die zu einer wirksamen und beharrlichen Zusammenarbeit aufgerufen ist.
Auch die Kirche muss sich dieser Frage stellen. Die Aufnahme von Migranten darf weder eine Nebensache sein, noch allein einigen Freiwilligen überlassen werden. Wir knien vor dem Altar nieder, um Christus in der Eucharistie anzubeten, von dem wir die Kraft und den Antrieb erhalten, die Nächstenliebe zu leben; deshalb dürfen wir später nicht an den kleinen Booten und Beibooten "vorübergehen", denn aus dem Gebet entspringt jeder Dienst und zu ihm kehrt jeder Einsatz zurück (vgl. Lk 10,31-32).
Von dieser Insel aus wünsche ich mir, dass die Stimme derer, die heute gesprochen haben, diejenigen erreicht, die entscheidende Verantwortung tragen - die zivilen Behörden, die Parlamente, die Regierungen und die internationalen Organisationen -, sowie die christlichen Gemeinschaften, die anderen religiösen Überlieferungen und alle Männer und Frauen guten Willens. Es reicht nicht aus, Ankünfte zu verwalten, Zahlen zu verteilen, Grenzen verstärkt zu sichern oder Todesfälle zu beklagen, wenn sie bereits eingetreten sind. Jedes Boot, das ankommt, bringt nicht nur Migranten mit sich; es bringt eine Frage mit sich: Welche Welt haben wir geschaffen, wenn so viele Brüder und Schwestern den Tod riskieren müssen, um Leben zu suchen?
Die Menschenwürde erfordert legale und sichere Wege, Rettung und Hilfe, echte Zusammenarbeit gegen Menschenhändler, wirksamen Opferschutz, ernsthafte Aufnahme- und Integrationsprozesse sowie politische Maßnahmen, die es jedem Menschen ermöglichen, in seiner Heimat in Würde zu leben. So wie es das Recht gibt, Zuflucht zu suchen, wenn das Leben bedroht ist, gibt es auch das Recht, nicht auswandern zu müssen: das Recht, in der eigenen Heimat zu bleiben, ohne Hunger, ohne Krieg, ohne Verfolgung, ohne Gewalt, ohne dass das Land unbewohnbar wird, ohne dass Korruption den Armen das Brot raubt, ohne dass Waffen die Zukunft der Kinder zerstören. Wir dürfen uns nicht daran gewöhnen, Tote zu zählen. Die Menschenwürde hat keinen Reisepass und verliert ihren Wert beim Überqueren einer Grenze nicht.
Möge Gott, der "uns am Abend unseres Lebens nach der Liebe richten wird" (vgl. Hl. Johannes vom Kreuz, Avisos y sentencias, 57), uns die Gnade schenken, ihn heute in den Armen und Fremden zu erkennen, und uns davor bewahren, das Leid anderer so zu betrachten, als ginge es uns nichts an. Möge Unsere Liebe Frau vom Berge Karmel diejenigen begleiten, die angekommen sind, diejenigen trösten, die ihre Lieben verloren haben, diejenigen stärken, die sie aufnehmen, und in uns allen den Mut zur Barmherzigkeit erwecken.
Und möge die Geschichte uns nicht vorwerfen, dass wir den Schmerz derer, die leiden, zu einem alltäglichen Anblick an unseren Küsten gemacht haben. Denn heute stellt uns hier am Ufer des Meeres jedes Leben, das ankommt, die Frage, was von unserer Menschlichkeit übrigbleibt. Früher oder später wird sich zeigen, ob wir diese Menschlichkeit zu bewahren wussten oder ob wir zuließen, dass die Gleichgültigkeit uns gelenkt hat. Vielen Dank.
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