Freistetter fordert im Kathpress-Interview stärkere Verteidigungsfähigkeit, kritisiert EZA-Kürzungen und warnt vor Schwächung internationaler Solidarität
Wien, 12.06.2026 (KAP) Österreich muss nach Ansicht von Militärbischof Werner Freistetter seine Verteidigungsfähigkeit stärken und zugleich sein internationales Engagement in Entwicklungszusammenarbeit und globaler Solidarität ausbauen. Neutralität dürfe angesichts der veränderten Sicherheitslage in Europa nicht als "Trittbrettfahrerei oder Wegschauen" verstanden werden, sagte Freistetter im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Kathpress. Für Österreich bedeute dies eine "ehrliche und mutige Debatte" über die eigene Rolle. Neutralität habe aber nur dann einen Wert, "wenn sie aktiv gelebt wird - als Raum für Diplomatie, Dialog und humanitäres Engagement".
Die jüngsten Konflikte in der Ukraine und im Nahen Osten hätten deutlich gemacht, dass Frieden und Freiheit in Europa keine Selbstverständlichkeiten seien. "Wir erleben zweifellos eine Epochenwende", so Freistetter. Europa müsse daher "gemeinsam handlungs- und verteidigungsfähiger werden". Österreich habe besonders in der Friedenssicherung (Peacekeeping) und im internationalen Krisenmanagement eine jahrzehntelange Expertise, "die wir selbstbewusst in die europäische Sicherheitsarchitektur einbringen sollten". Denn: "Sicherheit in Europa kann nur kollektiv gedacht werden."
Aus christlich-sozialethischer Sicht sei zudem auch das Recht auf Selbstverteidigung "völkerrechtlich und moralisch legitim, um Unschuldige zu schützen". Eine zeitgemäße Verteidigungsfähigkeit des Bundesheeres stehe somit auch nicht im Widerspruch zum Friedensauftrag, sondern sei dessen Voraussetzung, betonte Freistetter.
Kritik an EZA-Kürzungen
Kritisch äußerte sich Freistetter zu Kürzungen in der Entwicklungszusammenarbeit. Diese würden letztlich "immer die Verwundbarsten dieser Erde" treffen, so Freistetter, der bis zur Frühjahrsvollversammlung der Bischofskonferenz 2026 für den Bereich Weltkirche zuständig war; dieser Bereich wird seitdem vom Linzer Diözesanbischof Manfred Scheuer bekleidet. Freistetter hatte die Zuständigkeit für die internationale Zusammenarbeit und Weltkirche für rund zehn Jahre inne.
Globale Verantwortung
Kirchliche Hilfswerke verfügten über Netzwerke, die oft tiefer in den Partnerländern verankert seien als staatliche Strukturen. Die katholische Entwicklungszusammenarbeit ist durch Kürzungen überproportional betroffen. "Jeder Euro, der hier gekürzt wird, schwächt ein hocheffizientes System der Nothilfe und der nachhaltigen Entwicklung", so der Bischof. Eine lebendige Zivilgesellschaft und entwicklungspolitisches Engagement seien zudem "Gradmesser für die moralische Reife eines Landes". Österreich dürfe sich "nicht aus der globalen Verantwortung stehlen", mahnte Freistetter.
Das internationale Engagement der Kirche in Österreich sei zudem kein Zusatzangebot, sondern gehöre "zum Kern unseres Christseins". Einrichtungen wie die Koordinierungsstelle der Bischofskonferenz für internationale Zusammenarbeit und Weltkirche (KOO), die Caritas, die Dreikönigsaktion oder Missio leisteten einen wesentlichen Beitrag zur weltkirchlichen Verantwortung Österreichs.
Zivildienst Beitrag zur globalen Solidarität
Mit Blick auf die Debatte um die Anrechnung von Auslandsfreiwilligendiensten als Zivildienstersatzdienst sprach sich Freistetter gegen eine Schwächung dieser Programme aus. Zwar sei der Personalmangel in Pflege- und Sozialeinrichtungen "akut und real". Die Rahmenbedingungen für den Inlandszivildienst müssten aber so verbessert werden, dass bestehende Lücken geschlossen würden, "ohne die globale Solidarität zu opfern". Er hoffe auf eine Lösung, die es Österreich ermögliche, weiterhin "einen wesentlichen Beitrag zur globalen Solidarität" zu leisten.