Schöne Bilder, klare Worte: Papst zwischen Sagrada Familia und Migranten - Von Kathpress-Korrespondentin Sabine Kleyboldt
Madrid, 12.06.2026 (KAP) Leicht befangen stehen die jungen Afrikaner vor ihren einheitlich bezogenen Stockbetten. Einer nach dem andern reicht dem Papst die Hand. Der lächelt jeden kurz an, während er durch das Zelt des Zentrums "Las Raíces" auf Teneriffa schreitet. Hier erhalten Menschen einen Schlafplatz, die es über die riskante Atlantikroute aus Afrika auf die Kanaren und damit nach Europa geschafft haben.
Just an dem Tag, als sich die EU mit einem einheitlichen Asylsystem gegen irreguläre Zuwanderung wappnet, würdigte Leo XIV. am Freitag am Hotspot Kanaren Migranten und jene Menschen, die ihnen bei Aufnahme und Integration helfen. Die allererste Visite eines Papstes auf den beliebten Urlaubsinseln nutzte der Pontifex für klare politische Botschaften. Bei den Begegnungen in Gran Canaria und Teneriffa forderte er, Migranten so aufzunehmen, dass "der Fremde von gestern der Bruder und Nachbar von heute sein kann".
Papst: Keine Parallelgesellschaften bilden
Umgekehrt appellierte er an die vielen Männer und Frauen aus Westafrika sowie aus Lateinamerika oder von den Philippinen, keine Parallelgesellschaften zu bilden, die Sprache zu lernen, die Gesetze zu respektieren, die Lebensgewohnheiten kennenzulernen, am gemeinsamen Leben teilzunehmen und eigene Fähigkeiten einzubringen.
"Jede aufnehmende Gesellschaft hat Pflichten gegenüber den Ankommenden; und wer aufgenommen wird, entdeckt seinerseits, dass die als Recht anerkannte Würde dann zur Entfaltung kommt, wenn sie zu Verantwortung und zum aufrichtigen Wunsch wird, gemeinsam mit den anderen etwas aufzubauen", so seine Vision.
Zuvor hat er an mehreren Orten Berichte von oft erschütternden Migrantenschicksalen gehört. Von Zwangs-Prostitution, von Ausbeutung durch Menschenhändler - die er dann mit besonders scharfen Worten geißelt und zur Umkehr aufruft.
"Versagen der Menscheitsfamilie"
Auch dürften Politik und Gesellschaft angesichts der "Meeresfriedhöfe" nicht gleichgültig bleiben, betonte der Papst. "Jedes Leben, das auf diesen Routen verloren geht, ist ein Versagen der Menschheitsfamilie." Zu Ehren der vielen ertrunkenen Bootsmigranten - in diesem Jahr sollen es mindestens 600 gewesen sein - warf er am Donnerstag am "Hafen der Schande" auf Gran Canaria ein Blumengebinde ins Hafenbecken; eines der vielen ikonischen Bilder, die von Leos XIV. vierter Auslandsreise im Gedächtnis bleiben.
Zuvor gab es beim einwöchigen Spanienbesuch von Leo XIV. schon an den Stationen in Madrid und Barcelona etliche einzigartige Momente. Das gilt für die große Fronleichnamsmesse in Madrid, zu dem mit der spanischen Königsfamilie 1,2 Millionen Menschen kamen. Und für die Gebetsnacht mit etwa 600.000 jungen Menschen mit einem besonders kraftvoll wirkenden Papst. Ebenso für die Begegnung mit Menschen aus Sport, Kultur und Gewerkschaften in der Movistar-Arena, oder für das ausgelassene Massenevent mit 80.000 Katholiken im Bernabéu-Stadion von Fußballklub Real Madrid.
Historische Rede vor den Cortes
Ein politischer Meilenstein war der erste Auftritt eines Papstes vor dem spanischen Parlament. Dabei warb Leo XIV. in seiner gut 30-minütigen Rede überzeugend für Versöhnung und Respekt in dem politisch tief gespaltenen Land. Und das, obwohl die Kirche dort gerade Gegenwind wegen ihrer nur schleppenden Aufarbeitung von Fällen sexualisierter Gewalt erlebt. Am Ende erhielt Leo XIV. stehende Ovationen aller Fraktionen - sieben Minuten lang, ein Rekord in den Cortes Generales.
Rekordverdächtig wurde es auch in Katalonien, wo er zur Freude der Katalanen immer wieder die Regionalsprache nutzte. In Barcelona segnete der Papst nach einem feierlichen Gottesdienst am 100. Todestag von Baumeister Antoni Gaudí den 172,5 Meter hohen Christusturm der Basilika Sagrada Familia, den höchsten Kirchturm der Welt, ein. Und wurde Zeuge einer Show aus Licht, Musik und Feuerwerk, von der man noch bis zur Fertigstellung der Kirche in geschätzten zehn Jahren sprechen mag.
In die Höhe zog es ihn auch, als er im historischen Bergkloster Montserrat ein Rosenkranzgebet hielt. Bei einer Gebetswache mit 40.000 jungen Erwachsenen im Olympiastadion von Barcelona schließlich wurden vor ihm achtstöckige "Menschentürme" errichtet, eine akrobatische Meisterleistung, bei der sich jeder Kletterer auf den andern verlassen muss, während man in schwindelerregende Höhen steigt.
Wo immer Leo XIV. auftauchte, ertönte die Hymne des Papstbesuchs "Alzad la mirada - hebt den Blick nach oben", ein Ohrwurm mit dem Zeug zum katholischen Dauerbrenner. Auch der seit 13 Monaten amtierende Papst drehte nach einem eher verhaltenen Pontifikatsbeginn sichtlich auf, gewann weiter an Sicherheit und Kraft. Viele beeindruckte er durch offene Herzlichkeit, ohne anbiedernd zu wirken, eine Diplomatie, die niemals nichtssagend bleibt, eine Klugheit, die nicht belehrend wirkt, und eine Frömmigkeit, die Andersdenkende nicht ausschließt.
Leo XIV. besuchte Flüchtlingslager auf Teneriffa und traf Migranten und Aufnahmehelfer - Papst in scharfen Worten an Schlepper, "die Todesrouten organisieren, Menschenhandel betreiben und das Leid anderer zum Geschäft machen"
Leo XIV. in eindringlicher Rede im Hafen von Arguineguin auf Gran Canaria: "Die Menschenwürde hat keinen Reisepass und verliert ihren Wert beim Überqueren einer Grenze nicht"
Begleitet von Jubel, Lichtinstallationen und einem Feuerwerk segnete der Papst in Barcelona den höchsten Kirchturm der Welt - Von Kathpress-Korrespondentin Sabine Kleyboldt
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Der Montagvormittag in Madrid war für Leo XIV. vor allem von politischen Begegnungen geprägt - Vor dem Parlament gab es eine historische Premiere - Spaniens Bischöfe mahnte Leo XIV. zu mehr Missbrauchsaufarbeitung - Von Kathpress-Korrespondentin Sabine Kleyboldt
1,2 Million Gläubige bei Fronleichnamsgottesdienst in Madrid - Aufruf zu Nächstenliebe und Gerechtigkeit - Papst trug in Prozession Monstranz mit gewandelter Hostie durch Innenstadt