Theologe Palaver: "Der Papst hat einen Köder für Thiel ausgeworfen"
14.06.202611:24
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Innsbrucker Theologe und Thiel-Bekannter Prof. Palaver sieht im Interview mit Kölner Domradio in neuer Papst-Enzyklika auch eine Einladung an das Silicon Valley zur Diskussion über die Grenzen der Technologie
Bonn, 14.06.2026 (KAP) Der Innsbrucker Theologe Wolfgang Palaver kennt den umstrittenen US-Tech-Milliardär Peter Thiel seit 30 Jahren und diskutiert mit ihm regelmäßig über Technik, Theologie und Fortschritt. Im Interview mit dem Kölner Domradio am Wochenende meinte Palaver, dass Papst Leo mit seiner Enzyklika "Magnifica humanitas" auch eine Einladung zur Besinnung bzw. zum Dialog an Thiel und das Silicon Valley ausgesprochen hat.
Thiels Hauptanliegen sei es, so Palaver, die großen Probleme und Katastrophen der Welt technologisch zu lösen. "Von daher sieht er alle Formen von Regulierungen, alles, was eine mögliche technologische Beschleunigung bremst, als große Gefahr." Mit seinen theologischen Reden und Publikationen gehe es Thiel vor allem darum, konservative Christen zu überzeugen, ihm in der technologischen Beschleunigung zu folgen. Denn es gebe in den USA im evangelikalen, aber auch im konservativ-katholischen Milieu Leute, die dem technischen Fortschritt sehr skeptisch gegenüber stehen.
Papst Leo wiederum gehe es sicher auch darum, das Silicon Valley in die Diskussion um die Grenzen der Technologie zu locken und auch zur Diskussion aufzufordern. Die Tech-Milliardäre in den USA bestimmten schließlich wesentlich, in welche Richtung die künstliche Intelligenz und die Entwicklung dieser Technologie geht. Der Papst lehne KI nicht grundsätzlich ab, fordert aber eine Diskussion über deren Begrenzung.
Papst Leo habe in seiner Enzyklika ein Kapitel mit der "Begrenztheit des Menschen" überschrieben. Palaver: "Was heißt das? Wo ist die Grenze? Vor 200 Jahren hatten die Menschen eine mittlere Lebenserwartung von 40 bis 50 Jahren, heute ist sie so zwischen 70 und 80 Jahren. Jetzt könnte man schon fragen, ob das nicht schon zu viel ist. Sind wir da schon zu weit gegangen?"
Die meisten Menschen würden diese Frage wohl mit Nein beantworten, so der Theologe weiter. "Viele, die solange sie jung sind, sagen, man darf das Leben nicht immer weiter verlängern, das hält die Welt nicht aus, aber wenn sie dann 90 sind und die Möglichkeit haben, dann holen sie auch noch zwei, drei Jahre heraus."
Die große Frage, vor der die Menschheit steht, laute: "Wo ist die Grenze?" Diese Frage habe jetzt Papst Leo gestellt und diese Frage treibe auch die Leute im Silicon Valley an. Für Palaver gibt es noch keine wirklich überzeugende klare Antwort: "Wir werden in den nächsten Jahren gezwungen sein, sehr viel über diese Grenze zu diskutieren und nachzudenken, wo das Mitschöpfertum aufhört? Wo besteht die Gefahr, dass wir, wenn wir Mitschöpfer werden, vergessen, dass wir selbst Geschöpfe sind?"
Begeistert dürfte Thiel über die Enzyklika zwar sicher nicht sein, räumte Palaver ein, aber es gebe auch Kritik von konservativen Christen, "denen die Enzyklika fast schon wie ein Anschleimen an die Meinungsmacher im Silicon Valley erscheint". Die Enzyklika sei sehr ausgeglichen, urteilte Palaver: "Ich hoffe, dass Thiel, wenn er mit etwas Abstand und vielleicht beim zweiten oder dritten Lesen noch einmal auf den Text schaut, zumindest in den Kapiteln zur technologischen Entwicklung erkennt, dass sie auch von zwei Seiten gelesen werden können und insgesamt sehr ausgewogen und keinesfalls technologiefeindlich sind."
Zur Frage, ob er bei den Gesprächen mit Thiel Gehör finde, meinte Palaver: "Er hört mir zumindest zu. Ob jetzt sofort ein Wandel bei ihm eintritt, da würden Sie meine Möglichkeiten überschätzen, aber er hört zu. Manchmal redet er auch dagegen, oder sucht Gegenbeispiele und versucht, meine Einwände zu widerlegen. Ich tue, was ich kann."
Papst bringt US-Katholiken zum Nachdenken
Zum Verhältnis von Papst Leo und US-Präsident Donald Trump befragt, hielt Palaver fest, dass der Papst keine Anti-Trump-Politik macht. Das wäre auch schlecht, "weil, wenn man Anti-Politik macht, dann besteht die Gefahr, zu einem Spiegelbild des Gegners zu werden". Indirekt sei Leo natürlich "sehr kritisch dem gegenüber, was Trump jetzt macht. Papst Leo weist da auf Grundsätzliches hin, er zeigt Kriterien auf, die zu beachten sind, besonders wenn es darum geht einen Krieg zu führen oder sogar anzufangen". Der Papst zeige, "dass in unserer heutigen Zeit der Multilateralismus ganz wichtig ist, dass wir den Dialog und die Diplomatie stärken, statt Kriege zu führen".
Der Innsbrucker Theologe zeigte sich vorsichtig optimistisch, dass das auch die Katholiken in den USA zum Nachdenken bringe, von denen 60 Prozent bei der letzten Wahl Trump gewählt haben. Palaver: "Ich glaube schon, dass, wenn jetzt Wahlen in den USA stattfinden würden, die katholische Unterstützung deutlich zurückgehen würde, weil die Katholiken in den USA nun gezwungen sind, sich zu entscheiden. Gehen sie mit dieser Politik von Trump mit oder verstehen sie, was der Papst sagt, der selbst US-Amerikaner ist?" Er sei sehr froh, so der Theologe, dass der Papst so klar Position bezogen hat.