Theologe: Aufbruch in Frankreichs Kirche durch Erwachsenentaufen
16.06.202616:08
Österreich/Kirche/Religion/Glaube/Gesellschaft
Grazer Pastoraltheologe Hillebrand nach Studienreise mit Deutscher Bischofskonferenz über "katechumenale Transformation" durch Boom von Erwachsenentaufen
Graz, 16.06.2026 (KAP) Die katholische Kirche in Frankreich erlebt nach Einschätzung des Grazer Pastoraltheologen Bernd Hillebrand eine neue Dynamik durch die stark steigende Zahl von Erwachsenentaufen. "Viele Verantwortliche erleben erstmals seit Jahren wieder, dass Menschen aktiv nach dem Glauben fragen", sagte Hillebrand im Interview mit der Nachrichtenagentur Kathpress (Dienstag) nach einer Studienreise deutschsprachiger Kirchenvertreter in die Diözesen Paris, Créteil und Saint-Denis. Vor allem im Großraum Paris sei eine spürbare Aufbruchsstimmung wahrzunehmen, berichtete der Experte.
Im Mittelpunkt des Besuchs standen Gespräche mit Verantwortlichen und Taufbewerbern über den deutlichen Anstieg der sogenannten Katechumenen und Neugetauften. Laut offiziellen Kirchenstatistiken empfingen heuer in Frankreich über 20.000 Jugendliche und Erwachsene zu Ostern in der katholischen Kirche das Taufsakrament. Besonders stark ist das Phänomen in der Erzdiözese Paris ausgeprägt.
Persönliche Erfahrung als Ausgangspunkt
Hillebrand räumte ein, dass er die Entwicklung zunächst skeptisch gesehen habe. "Die Säkularisierung ist weiterhin Realität", sagte er. Umso deutlicher habe sich vor Ort gezeigt, dass insbesondere in Paris eine neue Aufbruchsstimmung zu bemerken sei. Erst die persönlichen Begegnungen hätten ein realistisches Bild ermöglicht. "Statistiken reichen dafür nicht. Man versteht erst, wenn man mit den Menschen selbst spricht", so Hillebrand. Über eine Woche hinweg hat die deutschsprachige Delegation Bischöfe, Seelsorger, Katechumenen und Begleiter in verschiedenen Diözesen getroffen.
Besonders eindrücklich sei für ihn die Motivation vieler junger Erwachsener gewesen. "Viele berichteten von einer persönlichen Erfahrung, die sie nicht mehr losgelassen hat", sagte Hillebrand. Diese Erfahrungen hätten bei vielen den Wunsch geweckt, den Glauben zu vertiefen und schließlich die Taufe zu empfangen. Soziale Medien und geistliche Gemeinschaften hätten dabei zwar eine Rolle gespielt, selten seien sie dabei aber entscheidend gewesen. "Die meisten suchten zuerst den Kontakt zu einer konkreten Person", berichtete der Theologe.
Pfarren in neuer Aufgabe
Nach Beobachtung Hillebrands kommt den Pfarrgemeinden beim Weg zur Erwachsenentaufe eine zentrale Bedeutung zu. Entgegen der häufigen Annahme eines Bedeutungsverlusts der Pfarren seien diese in Frankreich oft der erste Ort kirchlicher Begegnung. Nicht nur die Taufkandidaten selbst, sondern auch die Pfarren würden durch das Katechumenat - die Taufvorbereitung - sichtbar verändert. In Frankreich sei von einer "katechumenalen Transformation der Kirche" die Rede.
Auf Taufbewerber vorbereitet ist die Kirche in Frankreich jedoch schon seit den 1950er Jahren, legte Hillebrand dar. Seit damals gebe es ein Modell langfristiger Begleitung, mit einer zweijährigen Vorbereitung und festen liturgischen Stationen, regelmäßigen Katechesen sowie persönlicher Begleitung durch jeweils eine Person aus der Pfarre. Bemerkenswert sei zudem, dass auch diese Begleiter selbst begleitet würden. "Man lässt die Ehrenamtlichen nicht allein", betonte der Experte, der hier im deutschsprachigen Raum Nachholbedarf sieht.
Corona als Trigger
Lagen die Erwachsenentaufen in Frankreich lange Zeit stabil auf einigermaßen hohem Niveau, stiegen sie in den jüngsten Jahren stark an, wobei Hillebrand die Corona-Pandemie als entscheidenden Auslöser sieht. Viele junge Menschen hätten damals erfahren, dass technische Lösungen und gesellschaftliche Fortschrittsversprechen nicht alle existenziellen Fragen beantworten. Hinzu kämen Unsicherheiten durch Kriege, Klimafragen und gesellschaftliche Umbrüche. "Das verstärkt die Suche nach Orientierung und Sinn", so die Deutung des in Graz lehrenden Theologen.
Direkte Vergleiche mit Österreich lasse Frankreich nicht zu, gebe es dort doch einen viel stärker ausgeprägten Laizismus, als dessen Folge viele junge Erwachsene kaum religiöse Vorkenntnisse hätten. Frankreich zeige jedoch vor, dass die Suche nach Sinn und Glauben auch unter solchen Voraussetzungen neue Formen finde.
Chancen besser nutzen
"Wer sich heute für den christlichen Glauben entscheidet, tut dies daher sehr bewusst", so Hillebrand, der gleichzeitig vor überzogenen Erwartungen warnte. Die steigenden Erwachsenentaufen halte die Säkularisierung nicht auf, da die Zahl der Kindertaufen weiterhin stark zurückgehe. Dennoch sei eine deutliche Dynamik spürbar angesichts von jedes Jahr Dutzenden Taufbewerbern in vielen Pfarren - bei den zentralen Taufzulassungsfeiern der Diözesen sind es mitunter tausend oder mehr.
Für Österreich sprach Hillebrand von mehreren Lernerfahrungen. Eine davon sei, "dass die Kirche Menschen wieder stärker begleiten muss": Zwar gebe es weiterhin zahlreiche Berührungspunkte über Kindestaufen, Erstkommunionen und Firmungen, doch würden diese Chancen oft nicht ausreichend genutzt. Nötig sei weiters ein Haltungswechsel, "weg von der Frage, wie Kirche immer funktioniert hat, und hin zur Frage, was Menschen heute brauchen".