Vor zehn Jahren waren zehn autokephale orthodoxe Kirchen auf Kreta zu Beratungen zusammengekommen - Vier Kirchen waren der Versammlung ferngeblieben - Orthodoxer Theologe Larentzakis mahnt intensivere Rezeption des Konzils ein
Graz, 17.06.2026 (KAP) Vor zehn Jahren - vom 18. bis 27. Juni 2016 - fand auf Kreta das Panorthodoxe Konzil statt. Die Kirchenvertreter von zehn autokephalen orthodoxen Kirchen tagten unter dem Vorsitz des Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, Bartholomaios I., und berieten über zentrale innerkirchliche Fragen und die Beziehungen der Orthodoxie zur Welt. Der Grazer griechisch-orthodoxe Theologe Prof. Grigorios Larentzakis hat das Konzil im Interview mit Kathpress anlässlich des 10-Jahre-Jubiläums als "historisches Ereignis" für die Orthodoxie und für alle Kirchen bezeichnet.
Dem Konzil war ein jahrzehntelanger innerorthodoxer Vorbereitungsprozess vorangegangen, an dem alle orthodoxen Kirchen teilgenommen hatten. Schließlich habe man sich nur wenige Monate vor Konzilsbeginn noch auf die zu behandelnden Themen bzw. Dokumentenvorlagen einigen können. Dass dann vier Kirchen, allen voran die Russisch-orthodoxe Kirche, nicht am Konzil teilnahmen, sei letztlich völlig unverständlich gewesen, so Larentzakis im Rückblick. Den umfassenden Vorbereitungsprozess könne man jedenfalls getrost auch als "synodalen Prozess" bezeichnen, sagte der Theologe im Blick auf den Synodalen Prozess in der Katholischen Kirche. Wichtig sei ihm diesbezüglich, dass man das Konzil von Kreta nicht nur auf die paar Tage auf Kreta reduzieren dürfe. Der Prozess der Vorbereitung gehöre genauso in den Blick genommen.
Sechs Synodaldokumente
Die verabschiedeten Texte des Konzils beinhalten die Botschaft der Synode an das Volk Gottes, die Enzyklika der Synode sowie sechs verabschiedete Synodaldokumente: "Die Bedeutung des Fastens", "Das Sakrament der Ehe", "Die Autonomie von Kirchen und die Weise ihrer Proklamation", "Die orthodoxe Diaspora", die "Beziehungen der Orthodoxen Kirche zur übrigen christlichen Welt" sowie "Die Sendung der Kirche in der Welt von heute".
Die Texte, die auch auf Deutsch vorliegen, seien sowohl für die innerorthodoxe Einheit als auch für die Beziehungen der Orthodoxie zu anderen Kirchen bzw. zur Welt von größter Bedeutung. Dass die Russische, Georgische und Bulgarische Orthodoxe Kirche sowie das Patriarchat von Antiochien nicht teilnahmen, sei zutiefst bedauerlich, so Larentzakis.
Vor allem die beiden letzten Dokumente hob er gegenüber Kathpress hervor. Mit dem Dokument über die "Beziehungen der Orthodoxen Kirche zur übrigen christlichen Welt" gebe es erstmals ein gesamtorthodoxes Dokument mit einem eindeutigen positiven Bekenntnis zur Ökumene. Als ebenso bedeutsam erachte er das Dokument über den Auftrag der Kirche in der Welt, das das Bekenntnis zur uneingeschränkten Würde, die jedem Menschen zukommt, als Basis für das Wirken der Kirche in der Welt und damit u.a. auch für den interreligiösen Dialog bildet.
Larentzakis hat selbst am Konzil teilgenommen und war von Patriarch Bartholomaios offiziell mit der Begleitung der nicht-orthodoxen Beobachter des Konzils beauftragt gewesen.
Mangelhafte Rezeption
Viel Luft nach oben ortete der Theologe im Interview im Blick auf die Rezeption der Texte; vor allem auch innerhalb der Orthodoxie. Patriarch Bartholomaios hat vor wenigen Tagen das Konzilsjubiläum zum Anlass genommen, die vier abwesenden Kirchen aufzurufen, die Beschlüsse von Kreta nachträglich anzunehmen. Larentzakis begrüßte gegenüber Kathpress diese Initiative des Patriarchen, die freilich bislang noch keine Antwort der entsprechenden Kirche mit sich brachte.
Grundsätzlich sei es überhaupt kein Problem, dass sich eine nicht teilnehmende Kirche Dokumente eines Konzils oder einer Synode nachträglich zu eigen macht, erläuterte der Theologe. Das sei in der Kirchengeschichte immer wieder der Fall gewesen und wäre auch jetzt "ein Zeichen des guten Willens und des Bemühens um Einheit".
Larentzakis verwies auf einige diesbezügliche Überlegungen in der Russischen Kirche bald nach dem Konzil, wie man trotz Nichtteilnahme mit den Dokumenten umgehen könnte. Auch aus anderen Kirchen habe er mitunter Stimmen des Bedauerns vernommen, dass man nicht dabei gewesen sei. Bei alldem handle es sich freilich nicht um offizielle Positionen der Kirchenleitungen, musste Larentzakis einräumen.
Zehn anwesende orthodoxe Kirchen
Am Panorthodoxen Konzil von Kreta nahmen die Oberhäupter der Patriarchate von Konstantinopel, Alexandrien und Jerusalem, der Serbischen und Rumänischen Orthodoxen Kirche sowie der Orthodoxen Kirchen von Zypern, Griechenland, Polen, Albanien und Tschechien/Slowakei teil. Insgesamt waren rund 160 offizielle Delegierte vor Ort. Unter den nicht-orthodoxen Beobachtern war u.a. der vatikanische "Ökumene-Minister", Kardinal Kurt Koch.
Einige Themen bzw. Fragen waren so umstritten, dass man sich im Zuge des Vorbereitungsprozesses auf keine Vorlagen einigen konnte. Diese Themen kamen nicht auf die Tagesordnung des Konzils. Das betraf in erster Linie der Frage der Gewährung der "Autokephalie" (Unabhängigkeit) für eine Kirche.
Diese Frage führte in den Jahren nach dem Konzil dann schließlich auch zum großen Zerwürfnis zwischen Moskau und Konstantinopel. Wegen der Autokephalie-Gewährung des Ökumenischen Patriarchats an die Orthodoxe Kirche der Ukraine (OKU) hat Moskau mit dem Ökumenischen Patriarchat und anderen orthodoxen Landeskirchen, die die Unabhängigkeit der OKU anerkannten, die Eucharistiegemeinschaft aufgehoben. Eine Lösung in diesen und weiteren Konfliktfällen ist derzeit nicht in Sicht.