Innsbrucker Bischof über Vatikan-Schreiben "Una caro": Ehe steht für Verlässlichkeit, gegenseitige Zugehörigkeit und persönliche Freiheit gleichermaßen, für Einheit ohne Verlust der Individualität - Kritik an polygamen Beziehungsformen
Wien, 18.06.2026 (KAP) Als zentrale Form dauerhafter menschlicher Beziehung hat der Innsbrucker Bischof Hermann Glettler die Ehe verteidigt. Der frühere "Familienbischof" Österreichs - im März hat Weihbischof Stephan Turnovszky diese Funktion übernommen - bezog sich dabei auf das im November 2025 veröffentlichte vatikanische Dokument "Una caro - Lobpreis der Monogamie". Die monogame Ehe wird darin als exklusive und unauflösliche Lebensgemeinschaft dargestellt und sowohl theologisch als auch anthropologisch begründet.
Die Ehe sei nicht als starres Konzept, sondern als gewachsene Form menschlicher Beziehung zu verstehen, sagte Glettler, der von einem "Mosaik" aus biblischen, kirchlichen und philosophischen Perspektiven sprach. Im Zentrum stehe die biblische Vorstellung, dass Mann und Frau "ein Fleisch" werden. Diese Einheit sei kein Automatismus, sondern setze Entscheidung, Loslassen und Veränderung voraus, so Glettler bei einer Veranstaltung des kirchlichen "Institut für Ehe und Familie" (IEF) in Wien.
Würde und Wachstum
Wie der Bischof hervorhob, basiert die christliche Ehe auf der gleichen Würde beider Partner. Gerade ihre Exklusivität schütze davor, den anderen zum Objekt eigener Bedürfnisse zu machen. Die Ehe könne nur dann Vorbild gelingender Liebe sein, wenn die Würde und Entfaltung des einzelnen Menschen gewahrt bleibe.
Besonders der Begriff der Einheit werde im Dokument "Una caro" hervorgehoben. Während viel über die Unauflöslichkeit der Ehe diskutiert worden sei, werde seltener gefragt, was diese Einheit konkret bedeute. Ehe sei keine Vermischung oder Auflösung der Personen, sondern ein gemeinsamer Weg, auf dem zwei Menschen miteinander wachsen und reifen, ohne ihre Individualität zu verlieren. "Wir beide" sei dabei ein Leitmotiv des Textes, sagte Glettler. Zugleich wachse man in die eigene Berufung ein Leben lang hinein - als Ehepartner ebenso wie in anderen Lebensformen.
Deutlich wandte sich der Bischof gegen Polygamie und polyamore Beziehungsmodelle. "Una caro" widerspreche der Annahme, Liebe könne durch mehrere Partner gesteigert werden. Ehe verlange vielmehr eine so umfassende Beziehung, dass sie nicht beliebig geteilt werden könne. Erfahrungen in anderen kulturellen Kontexten zeigten laut Glettler problematische Ungleichgewichte in polygamen Strukturen. "Der Mann wählt aus, wann es ihm taugt", Frauen würden benachteiligt. Das vatikanische Dokument verstehe sich dennoch nicht als Abwertung anderer Lebensformen, sondern als positive Darstellung ehelicher Liebe.
Konflikte gehören zur Beziehung
Großen Raum nahm auch die Frage ein, wie Beziehungen mit Krisen und Konflikten umgehen. "Es gibt kein Leben ohne Konflikte", sagte Glettler. Problematisch werde Streit erst dann, wenn die Beziehungsebene verlassen werde und der andere grundsätzlich infrage gestellt werde. Entscheidend sei, "gut streiten zu lernen" und im Gespräch zu bleiben. Dabei verwies der Bischof auf die von Papst Franziskus oftmals hervorgehobenen Worte "Bitte, Danke und Entschuldige".
Als Bild für Krisen in Beziehungen führte Glettler die Hochzeit von Kana an. Wenn "kein Wein mehr da ist", sei das nicht das Ende. Die Aufforderung Jesu, die Krüge mit Wasser zu füllen, stehe für das, was Menschen selbst beitragen könnten: Geduld, Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, einander neu zuzuhören. "Plötzlich kostet man und es ist wieder Wein da", so der Bischof.
Menschen blieben trotz aller heutigen Selbstoptimierungsansprüche auf andere angewiesen. 'Wir sind Mangelwesen", betonte Glettler. Ehe und Familie seien deshalb wichtige Orte, an denen Menschen Zugehörigkeit, Verlässlichkeit und gegenseitige Unterstützung erfahren könnten.
Miteinander im Gespräch bleiben
Bischof Glettler äußerte sich im Rahmen einer Wiener Tagung am Dienstagabend unter dem Titel "Für immer Du", zu der das Institut für Ehe und Familie (IEF) geladen hatte. Außer dem Bischof sprachen unter anderem der Statistiker Andreas Baierl vom Österreichischen Institut für Familienforschung, die Psychotherapeuten Alfried Längle und Susanne Pointner sowie ein Ehepaar über Voraussetzungen gelingender Beziehungen. Dabei wurden neben den theologischen Aspekten der Ehe auch praktische Erfahrungen aus dem Beziehungsalltag thematisiert.
Mehrfach wurde betont, dass eine Ehe nicht von Konfliktfreiheit lebt, sondern von der Fähigkeit, miteinander im Gespräch zu bleiben. Statt unrealistischen Harmonievorstellungen brauche es Offenheit, Dialog und die Bereitschaft zur Versöhnung. Ebenso verwiesen die Referenten darauf, dass Partner unterschiedliche Prägungen und Erwartungen in eine Beziehung einbringen. Umso wichtiger seien gegenseitiges Verständnis, Flexibilität und die Bereitschaft, gemeinsam neue Wege zu finden. Eine tragfähige Beziehung entstehe nicht durch Perfektion, sondern durch Vertrauen, Verlässlichkeit und das Arbeiten daran, miteinander zu wachsen.