Schwere Missbrauchsvorwürfe gegen Ex-Mitarbeiter der Erzdiözese Prag
18.06.202614:40
Tschechien/Kriminalität/Kirche/Missbrauch
Fall wirft auch Fragen nach Umgang der Erzdiözese mit früheren Hinweisen auf - Seit wenigen Wochen amtierender Erzbischof Pribyl leitet kirchenrechtliches Verfahren ein und sichert Zusammenarbeit mit staatlichen Behörden zu
Prag, 18.06.2026 (KAP) Der Prager Erzbischof Stanislav Pribyl hat die Einleitung eines kirchenrechtlichen Verfahrens gegen einen früheren leitenden Mitarbeiter der Erzdiözese Prag angekündigt. Mehrere Frauen beschuldigen den ehemaligen Diakon, sie über Jahre hinweg vergewaltigt, misshandelt und bedroht zu haben. Unmittelbar nachdem ihm die Vorwürfe bekannt wurden, habe er ein Vorverfahren eingeleitet, das einem eigentlichen Strafverfahren nach dem Kirchenrecht vorausgeht, teilte der erst seit wenigen Wochen als Erzbischof amtierende Pribyl am Mittwoch in einer Stellungnahme mit. Zugleich betonte Pribyl, dass die staatlichen Ermittlungsbehörden den Fall ebenfalls untersuchen und die Erzdiözese "jede erforderliche Zusammenarbeit mit der Polizei" gewährleiste.
Die Vorwürfe waren zuvor durch Recherchen des Nachrichtenportals "Seznam Zprávy" öffentlich geworden. Zwei Frauen werfen demnach dem ehemaligen leitenden Diözesanmitarbeiter vor, sie über längere Zeiträume hinweg sexuell missbraucht zu haben. Eine der Betroffenen war demnach als Mitarbeiterin im Wirtschaftsreferat der Erzdiözese tätig. Sie berichtete von wiederholten Übergriffen, darunter in Büroräumen, einer Dienstwohnung sowie auf Dienstreisen. Die Polizei geht laut dem Bericht inzwischen von möglichen Straftaten gegen mindestens vier Personen aus. Der beschuldigte Mann lebt derzeit in Spanien.
Der Fall wirft auch Fragen nach dem Umgang der Erzdiözese mit früheren Hinweisen auf das Verhalten des ehemaligen leitenden Mitarbeiters auf. Nach Angaben von "Seznam Zprávy" soll eine Betroffene bereits 2022 den damaligen Generalvikar Jan Balík über die Vorwürfe informiert haben. Der Beschuldigte schied später aus dem Dienst in der Erzdiözese aus, offiziell im Rahmen einer Reorganisation. Weder der Beschuldigte selbst noch Balík oder der emeritierte Erzbischof Jan Graubner haben sich bislang öffentlich zu den Vorwürfen geäußert.
Schutz- und Präventionsmaßnahmen werden überprüft
Erzbischof Pribyl äußerte sein Mitgefühl mit den mutmaßlichen Opfern. Er sei von den Schilderungen der Frauen tief erschüttert worden und empört darüber, "dass etwas derart Schreckliches geschehen konnte". Zugleich unterstrich der neue Prager Erzbischof seinen Grundsatz der Nulltoleranz gegenüber jeder Form von Missbrauch, sei es physischer, psychischer oder geistlicher Natur. Die Bedürfnisse der Opfer stünden für ihn an erster Stelle. Er sei bereit, jeder betroffenen Person zuzuhören und im Rahmen seiner Möglichkeiten Hilfe anzubieten.
In seiner Stellungnahme verwies Pribyl zudem auf bereits bestehende Schutzmaßnahmen innerhalb der Erzdiözese Prag. Dort gebe es Mechanismen zum Schutz von Hinweisgebern und Opfern, darunter eine vertrauliche Meldestelle, deren Hinweise von externen Juristen bearbeitet werden. Diese Strukturen würden nun erneut überprüft und gegebenenfalls verbessert.
Erst vor zwei Wochen hatte Erzbischof Pribyl namens der Tschechischen Bischofskonferenz im Kampf gegen sexuellen Missbrauch in der Kirche auch erstmals eine Vereinbarung mit einer Betroffeneninitiative unterzeichnet. Das Memorandum definiert einen Rahmen für die Zusammenarbeit mit dem Verein "Jemand wird dir glauben" (Nekdo Ti uveri) in drei zentralen Bereichen: der Prävention sexuellen Missbrauchs in kirchlichen Einrichtungen, dem Umgang mit Missbrauchsmeldungen sowie der Unterstützung von Menschen, die angeben, Opfer sexueller Gewalt geworden zu sein.
Prager Erzbischof Pribyl und Betroffeneninitiative-Vorsitzender Kylar unterzeichnen Memorandum über Zusammenarbeit im Kampf gegen Missbrauch in der Kirche