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Kapelle des Wiener Zentrums Johannes Paul II
Orden
Bild Copyright: © Franz Schoeffmann

Generaldirektor der Legionäre Christi: Kirche als "Ort der Begegnung"

21.06.2026 12:38
Österreich/Kirche/Glaube/Gesellschaft/Leute/Orden
Gutiérrez in Kathpress-Interview bei erstem Österreich-Besuch: Gemeinschaft, persönliche Begleitung und Zuhören als Schlüssel für die Evangelisierung Europas - Reformprozess des Ordens bleibt zentrale Aufgabe - Neues Zentrum Johannes Paul II. in Wien als pastoraler Knotenpunkt
Wien, 21.06.2026 (KAP) Für eine grundlegende Neuausrichtung kirchlicher Präsenz hin zu "Orten der Begegnung" hat sich der neue Generaldirektor der Legionäre Christi, Pater Carlos Alberto Gutiérrez López, ausgesprochen. Dies sei gerade in Europa ein Gebot der Stunde, da die Kirche zunehmend ihre Rolle als selbstverständlicher Bezugspunkt gesellschaftlichen Lebens verliere und der Glaube immer weniger weitergegeben werde. Das sagte der 51-jährige Mexikaner, der seit Februar die weltweit tätige Ordensgemeinschaft leitet, im Interview mit der Nachrichtenagentur Kathpress am Samstag. In den Tagen davor hatte P. Gutiérrez erstmals Österreich besucht.

Er sei "mit großem Respekt und mit dem Wunsch, zuzuhören und zu lernen" nach Österreich gekommen und gehe "mit Dankbarkeit und Hoffnung", sagte der Generaldirektor. Die Legionäre Christi seien hierzulande eine kleine und zugleich junge Gemeinschaft, die einen "sehr konkreten Ruf des Herrn" verspüre, ebenso wie auch andere Ordensgemeinschaften und kirchliche Bewegungen Kirche als einen "Raum der Begegnung" anzubieten: Man wolle einen Ort der Gemeinschaft schaffen, "an dem Menschen erfahren können, dass der Glaube nicht allein gelebt wird".

Wichtig sei ihm dabei die Offenheit, betonte Gutiérrez. Eine christliche Gemeinschaft dürfe "niemals eine in sich geschlossene Gruppe sein", vielmehr verstehe sie sich als "Familie von Jüngern", die selbst auf dem Weg der Suche nach Gott sei und zugleich anderen Möglichkeiten eröffne, "dem lebendigen Christus zu begegnen". Durch Bildung, persönliche Begleitung und Gemeinschaftsleben wolle man Menschen befähigen, "als Apostel zu leben" und die eigene Glaubenserfahrung in Familie, Beruf und Gesellschaft weiterzugeben.

Glaube miteinander leben

Als besonders wichtig für die Neuevangelisierung in Europa bezeichnete der Ordensobere die Erfahrung tragender Gemeinschaften. Viele Menschen, vor allem junge Erwachsene, sehnten sich nach Zugehörigkeit, nach echten Beziehungen und nach Orten, an denen sie gehört würden. Glaube müsse nicht nur verkündet, sondern auch gemeinsam gelebt und geteilt werden. Ebenso zentral sei die persönliche Begleitung. Menschen bräuchten heute "Zeit, Antworten und Räume", um sich dem Glauben anzunähern, Fragen zu stellen, innerlich zu reifen und schrittweise zu entdecken, "wer Christus ist und was es bedeutet, ihm nachzufolgen".

Das gelte auch für die Berufungspastoral und die Wiederentdeckung des christlichen Verständnisses von Berufung. Jeder Mensch sei von Gott gewollt und gerufen, zitierte Gutiérrez Papst Benedikt XVI. Die entscheidende Frage laute daher nicht nur: "Was möchte ich mit meinem Leben machen?", sondern auch: "Für wen lebe ich?", "Zu welcher Liebe bin ich gerufen?" und "Wie kann ich mein Leben in den Dienst Gottes und der anderen stellen?" Die Aufgabe kirchlicher Bewegungen bestehe darin, Menschen auf diesem Weg zu begleiten und sie zu befähigen, ihren Glauben bewusst und missionarisch zu leben.

Wiener Zentrum Johannes Paul II.

Während seines Besuchs zeigte sich der Generaldirektor beeindruckt vom Engagement der österreichischen Mitglieder der Legionäre Christi und der mit ihnen verbundenen geistlichen Gemeinschaft Regnum Christi. Besonders hob er die Kreativität pastoraler Initiativen hervor, allen voran im 2025 neueröffneten Zentrum Johannes Paul II. in Wien-Leopoldstadt. Das von den Legionären geführte Zentrum versteht sich als offener Treffpunkt für gläubige und nichtgläubige Menschen und verbindet Kirche, Café, Bildungsangebote und Gemeinschaftsräume unter einem Dach.

Gutiérrez erklärte, er habe in Wien eine "lebendige Gemeinschaft" erlebt, "die nicht einfach bestehende Muster wiederholt, sondern versucht, die Wirklichkeit zu hören und aus dem empfangenen Charisma heraus darauf zu antworten". Viel Wert werde dabei auf "offene Gespräche, ohne Vorurteile" und auf echte Wertschätzung für jeden Menschen gelegt. Als große Chance sah Gutiérrez zudem die Zusammenarbeit mit der Ortskirche und anderen kirchlichen Akteuren. Die Legionäre Christi wollten nicht als isolierte Gemeinschaft auftreten, sondern ihr Charisma in den Dienst der Kirche stellen.

Als besondere Aufgabe beschrieb der Ordensobere dabei das Eingehen auf Fragen, Hoffnungen und Enttäuschungen der Menschen, insbesondere der jungen Menschen und der Familien, aber auch jener, die sich von der Kirche entfernt oder nie eine lebendige Glaubenserfahrung gemacht hätten. "Nur aus diesem Zuhören heraus können wir gemeinsam mit anderen neue und kreative Wege finden, das Evangelium so zu verkünden, dass es die Menschen in ihrem Leben wirklich erreicht."

Erneuerung nach schmerzhaften Erfahrungen

Auf den Erneuerungsprozess seiner Gemeinschaft angesprochen, erklärte Gutiérrez, dass die Legionäre Christi weiterhin auf einem "langen Weg des Lernens" seien. Seit Jahren befindet sich der Orden auf einem von der Kirche begleiteten Reformweg, der nach einer tiefgreifenden Krise um den Gründer Marcial Maciel (1920-2008) eingeleitet wurde. Maciel war gegen Ende seines Lebens als mehrfacher Missbrauchstäter und Betrüger entlarvt worden; die Gemeinschaft hat sich seither unter päpstlicher Aufsicht strukturell und geistlich neu ausgerichtet.

Die Legionäre Christi hätten sich ihrer Geschichte "in Wahrheit und Ehrlichkeit" stellen müssen und seien durch eine "tiefe Läuterung" gegangen, "die uns dazu gebracht hat, Wunden, Fehler und unsere Verantwortung zu erkennen und anzunehmen. Echte Erneuerung kann nur dort wachsen, wo es Demut, Erinnerung und ein ernsthaftes Ringen um Wahrheit und Versöhnung gibt", sagte Gutierrez. Als Kongregation seien die Legionäre der Kirche, besonders den Päpsten Benedikt XVI., Franziskus und auch Leo XIV., für die Führung und Begleitung auf diesem Weg dankbar. "Es geht darum, Christus wieder in die Mitte zu stellen, transparenter zu leben, das brüderliche Leben bewusster zu pflegen und Autorität wie Gehorsam so zu leben, dass Beteiligung, gemeinsame Verantwortung und die Würde jeder Person im Mittelpunkt stehen."

Besonderes Gewicht legte der Generaldirektor auf die Verantwortung im Bereich Missbrauchsprävention und Kinderschutz. Der Schutz Minderjähriger und schutzbedürftiger Menschen sowie die Sorge um Betroffene sexualisierter Gewalt dürfe niemals zweitrangig werden. Menschen, die durch Mitglieder der Gemeinschaft Missbrauch erlitten hätten, stünden "im Zentrum unserer Verantwortung. Ihr Leid und ihre Stimme sind für uns zu einem entscheidenden Ruf zur Umkehr geworden. Deshalb bleibt dies eine unumgängliche und dauerhafte Aufgabe." Deshalb könne man nie sagen, dieser Prozess sei abgeschlossen. Vielmehr gehe es darum, Schutzmaßnahmen, Prävention und eine Kultur der Achtsamkeit dauerhaft zu verankern. "Wir sind nicht dieselben wie vor zwanzig Jahren, aber wir haben noch einen Weg vor uns", so der Ordensobere.

Teamarbeit und synodaler Stil

Auch auf seinen Zugang zu Autorität und Leitung ging Gutierrez näher ein. "Christliche Leitung heißt nicht einfach, Anweisungen zu geben, sondern Menschen und Gemeinschaften darin zu unterstützen, ihrer Berufung treuer zu leben", sagte er. Autorität sei nach diesem Verständnis von Beteiligung und gemeinsamer Verantwortung geprägt. Das Zuhören sei dabei ebenso wichtig wie Teamarbeit und gemeinsames Unterscheiden bei der Suche nach dem Willen Gottes. Die Legionäre Christi, ursprünglich auf einem stärker zentralisierten Leitungsmodell aufgebaut, seien damit weiter auf dem Weg zu einem "Stil, der synodaler, transparenter, geschwisterlicher und stärker vom Evangelium geprägt" sei. Gute Strukturen, aber auch eine "innere Umkehr" seien dafür vonnöten: "Zuhören können, Rechenschaft ablegen, sich helfen und korrigieren lassen und immer die Würde und Freiheit jeder Person in den Mittelpunkt stellen."

Gutiérrez leitet seit Februar 2026 die weltweit tätige Ordensgemeinschaft der Legionäre Christi. Er wurde im Rahmen eines Generalkapitels in Rom gewählt. Dieses höchste Leitungsgremium der Kongregation legt im Sechsjahresrhythmus die grundlegenden Richtungsentscheidungen fest. Der neue Generaldirektor folgt auf John Connor und war zuvor unter anderem in Mexiko, Chile, Kolumbien, Venezuela und Italien in Leitungs- und Ausbildungsfunktionen tätig.
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