Erzbischof Grünwidl: "Das größere Problem ist der Gläubigenmangel"
22.06.202611:23
Österreich/Kirche/Religion/Gesellschaft/Grünwidl
Wiener Erzbischof im Interview mit "Oberösterreichischen Nachrichten" über sinkende Katholikenzahlen, notwendige Glaubensvertiefung, den Islamismus und das FPÖ-Jubiläumsfest auf dem Wiener Stephansplatz
Wien, 22.06.2026 (KAP) Die katholische Kirche in Österreich leidet nicht so sehr unter einem Priestermangel als vielmehr unter einem Gläubigenmangel. Das hat der Wiener Erzbischof Josef Grünwidl im Interview mit dem "Oberösterreichischen Nachrichten" (Wochenend-Ausgabe) betont. Das Interview entstand am Rande eines Besuchs des Erzbischofs in einem Pflegeheim in Maria Anzbach in Niederösterreich. Im Interview ging es um ein Altern in Würde, sinkende Katholikenzahlen, eine notwendige Glaubensvertiefung, den Islamismus und auch die Zukunft der Feiertage.
Kirchliche Einrichtungen leisteten Großartiges in der Betreuung, hielt Grünwidl im Blick auf seinen Besuch fest: "Man merkt es hier, in diesem Haus werden christliche Werte gelebt: die Wertschätzung, die Zuwendung, die Geborgenheit, die Seelsorge." In vielen Pfarren gebe es Besuchsdienste für alte Menschen. Das sei zwar alles sicher noch ausbaufähig, "aber ich glaube, dass wir die Kranken, die Alten und die Einsamen ganz gut im Blick haben". Es gehe um ein würdevolles Leben bis zum letzten Augenblick. "Jeder soll an der Hand eines anderen sterben können und nicht alleingelassen werden", so der Erzbischof.
Grünwidl erläuterte einmal mehr, warum ihm die Mystik in der Kirche so sehr am Herzen liegt: "Mystik wird manchmal als mystisch und geheimnisvoll verstanden. Mystik bedeutet aber: in Gott, im Glauben verwurzelt zu sein." Es sei "zu wenig, wenn wir Kinder taufen. Wir müssen auch vermehrt helfen, dass sie in den Glauben, in das Christsein hineinwachsen können". Die kirchlichen Gemeinden sollten Lernorte des Glaubens sein.
Auf den Priestermangel in der Katholischen Kirche angesprochen, antwortete ,der Erzbischof: "Das größere Problem ist der Gläubigenmangel. Die Zahl der Katholiken nimmt drastisch ab." Rein statistisch sei der Schlüssel von Gläubigen zu Priestern sogar besser geworden. "Ein Priester ist jetzt für größere Räume, aber weniger Katholiken zuständig. Es ist nicht immer einfach, diese Herausforderung zu meistern", so der Wiener Erzbischof.
Darauf angesprochen, dass die FPÖ am Samstag auf dem Stephansplatz ihr Fest zum 70. Geburtstag abhielt, sagte Grünwidl wörtlich: "Wer am Stephansplatz eine Veranstaltung macht, das ist leider nicht in der Entscheidung der Kirche. Sobald man den Stephansdom verlässt, steht man nicht mehr auf Kirchengrund, sondern es ist die Stadt Wien, die Genehmigungen vergibt."
Probleme mit Islamismus nicht kleinreden
Im Blick auf Studien, wonach junge Muslime fundamentalistischer geworden sind, sagte der Erzbischof, er wehre sich dagegen, dass man den Islam generell unter Verdacht stellt: "Den Islam gibt es nicht, es gibt verschiedene Strömungen. Es gibt viele Muslime, die sich bei uns integrieren, die sozialisiert sind, gerne hier leben und sich unseren Regeln anpassen." Es gebe aber auch radikale Gruppen und den Islamismus, so Grünwidl: "Dieses Problem brauchen wir nicht kleinzureden, das ist eine wirklich große Herausforderung für unsere Gesellschaft."
Zum aktuellen Karfreitags-Volksbegehren hielt der Wiener Erzbischof fest: "Die katholische Kirche hat gesagt, dass wir uns gut vorstellen können, dass der Karfreitag ein Feiertag für alle wird." Bei dieser Frage würden aber viele Akteure mit wie etwa die Politik und der Handel mitentscheiden. Es sei also eine politische Entscheidung. Nachsatz: "Ich halte es aber zur Zeit nicht für realistisch."
Grünwidl räumte zudem ein, dass die eigentliche Bedeutung von christlichen Feiertagen schwinde: "Feiertage wurden geschaffen, damit die Menschen an diesem Tag nicht arbeiten müssen und Zeit für die Feier in der Kirche haben. Das haben sehr viele vergessen. Das tut mir leid, aber ich glaube, die Feiertage werden geschätzt."