Experte Palacios Torres erinnert an Sicherheitskrise, Medikamentenmangel, Lücken im Gesundheitssystem, wachsende Armut und Vertreibungen
Mexiko-Stadt, 25.06.2026 (KAP) Vor einer Verengung der gesellschaftlichen Wahrnehmung der Fußball-Weltmeisterschaft 2026 in Mexiko auf sportliche Euphorie warnt der Sozialethiker Alejandro Palacios Torres. Der Experte vom Institut für katholische Soziallehre (Imdosoc) in Mexiko-Stadt mahnte gegenüber dem Portal ACI Prensa (Mittwoch), es wäre "ungerecht, nur bei der äußeren Feier des Turniers, beim Nationalgefühl und der Begeisterung zu bleiben" und die verheerenden sozialen Realitäten des Landes auszublenden.
Angesichts der internationalen Aufmerksamkeit während der WM werde oft übersehen, dass Mexiko inmitten einer "brutalen Sicherheitskrise" stecke und mit vielen weiteren Problemen kämpfe, so Palacios Torres; konkret zählten dazu vor allem "fehlende Medikamente, ein unzureichendes Gesundheitssystem und eine wachsende Armut". Hinzu kämen "vertriebene Familien, Marginalisierung, unkontrollierte Migration" sowie internationaler wirtschaftlicher Druck.
Kritik an FIFA
Deutlich kritisch äußerte sich Palacios Torres insbesondere zur Rolle der FIFA und den strukturellen Rahmenbedingungen der Veranstaltung. Zwar sei die Weltmeisterschaft ursprünglich als Raum internationaler Begegnung und Verständigung gedacht, jedoch stelle sich zunehmend die Frage nach den realen Grundlagen dieser Inszenierung. Es seien nämlich "die Mittel, mit denen dieses Fest ermöglicht wird, nicht unbedingt die gerechtesten und ausgewogensten".
So fehle es im internationalen Fußballbetrieb an Transparenz, Verantwortung und auch an öffentlicher Kontrolle. "Wer auditiert eigentlich die FIFA?", hinterfragte der Experte. Er wolle nicht den Sport an sich infrage stellen, sondern fordere eine ethische Bewertung der Strukturen, die das globale Fußballgeschäft tragen. "Der Zweck heiligt nicht die Mittel", betonte er; Unterhaltung und Emotionen dürften nicht über institutionelle Verantwortung gestellt werden.
Kultur des Gemeinwohls
Besonders problematisch ist aus Sicht des Sozialethikers die kurze Halbwertszeit gesellschaftlicher Solidarität im Kontext großer Sportereignisse. Häufig entstehe nur eine situative Brüderlichkeit, die nach dem Turnier schnell wieder verschwinde. Allzu schnell kehre man danach oft zu alten Mustern von Egoismus und Gleichgültigkeit gegenüber sozialen Problemen zurück.
Dem setzt er die Forderung nach einem dauerhaft kritischen Bewusstsein entgegen. Die katholische Soziallehre fordere dazu auf, nicht nur den sportlichen Event zu konsumieren, sondern auch seine gesellschaftlichen Bedingungen zu reflektieren. "Es braucht ein kritisches Denken über unsere Haltungen und die Zukunft, die wir für unsere Länder wollen", sagte er. Entscheidend sei, ob die Begeisterung für den Fußball zu einer Kultur des Gemeinwohls, der Solidarität und der Aufmerksamkeit für die Schwächsten führen könne.
Soziale Verantwortung
Dabei betonte Palacios Torres ausdrücklich die Verantwortung aller gesellschaftlichen Akteure. "Wir können Fußball genießen, aber wir müssen gleichzeitig die anderen im Blick behalten"; besonders gelte dies für die am stärksten marginalisierten Gruppen wie Migranten, Armutsbetroffene und gesellschaftlich Ausgeschlossene. "Alle haben eine soziale Verantwortung, auf die sie antworten müssen", so sein Fazit.