Venezuela-Experte und "Jugend Eine Welt"-Nothilfekoordinator Wedan über Ausmaß der Zerstörungen nach den Erdbeben und wie effiziente Hilfe möglich ist
Wien/Caracas, 26.06.2026 (KAP) Die Lage in Venezuela wird nach dem verheerenden Erdbeben von Mittwochabend (Ortszeit) immer dramatischer. Das berichtete der Nothilfe-Koordinator des Hilfswerks "Jugend eine Welt", Wolfgang Wedan, in einer Aussendung am Freitag. Wedan: "In der Hauptstadt Caracas sind einige Häuser eingestürzt. Die Situation in Petare, einem der größten Armenviertel Lateinamerikas am Rand von Caracas, ist noch nicht einzuschätzen. Dort sind auch sehr viele Häuser unbewohnbar." Speziell im Norden Venezuelas seien sehr viele Häuser in sich zusammengebrochen. "Dort hat man allerdings noch keine gesicherten Informationen, wie viele Menschen verschüttet oder verstorben sind." Wedan lebt in Venezuela, befindet sich derzeit aber auf Heimaturlaub. Am Sonntag wird er nach Venezuela zurückkehren.
Die Menschen bräuchten nun an erster Stelle Trinkwasser bzw. generell sauberes Wasser. "Die Temperaturen sind sehr hoch, vor allem nördlich von Caracas, und hier besteht die Gefahr der Dehydrierung." Neben Trinkwasser herrsche großer Bedarf an Lebensmitteln wie Reis, Mehl und Sardinen. Und drittens mangele es extrem an Medikamenten. Diese waren in Venezuela schon immer knapp. "Aufgrund der Erdbebenkatastrophe hat sich die Versorgungslage nun noch mehr verschärft", so Wedan.
Wie der erfahrene Katastrophenhelfer weiter sagte, seien die Opfer schwer traumatisiert, auch aufgrund der vielen kleinen Nachbeben, die die Menschen regelmäßig erneut in Panik versetzen. "Die Menschen können nicht zurück in ihre beschädigten Wohnungen oder trauen sich einfach nicht wieder in ihre Häuser, weil sie Angst haben, dass durch Nachbeben die Decke einstürzt." Die Tatsache, dass Caracas speziell in der Nacht keine sichere Stadt ist, verschärfe die Situation, "denn im Freien sind die Menschen dadurch zusätzlichen Risiken ausgesetzt".
Zu professioneller Hilfe gehöre es auch, Doppelgleisigkeiten mit anderen Hilfsorganisationen zu vermeiden, so Wedan weiter: "Es macht wenig Sinn, wenn eine Familie von drei Organisationen dieselben Nahrungsmittel bekommt und die nächste gar nichts - hier braucht es Abstimmung." Zugleich müsse man über den Moment hinaus denken: "Es braucht nicht nur Nothilfe, sondern auch Mittel für den Wiederaufbau, der Jahre dauern wird. Wir dürfen nicht vergessen, dass Venezuela schon vor den beiden Erdbeben wirtschaftlich in einer sehr schwierigen Lage war."
Persönlich schmerze ihn die aktuelle Situation sehr: "Ich habe Venezuela in den letzten Jahren erlebt als ein Land, dem es wirtschaftlich nicht gut geht, in dem die Armut der Menschen konstant zunimmt. Und nun kam mit der Erdbebenkatastrophe der nächste Schicksalsschlag für die notleidende Bevölkerung." Das Land sei "sehr, sehr arm. Aber die Menschen lächeln, sie haben gelernt mit der Armut umzugehen." Dass die Erdbeben jetzt vielen Familien, Kindern und älteren Personen ihre letzten Habseligkeiten, die sie noch hatten, gänzlich genommen haben, "macht mich wirklich tief betroffen".
Hilfswerke bitten um Spenden
In Österreich bitten neben Jugend Eine Welt unter anderem auch Caritas, Diakonie, Don Bosco Mission Austria, das Hilfswerk jesuitenweltweit, Kirche in Not und das Franziskaner-Hilfswerk "Franz Hilf" um Spenden für Nothilfemaßnahmen.
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