Vatikan-Glaubenshüter wirft Israel, USA und EU fehlende Moral vor
27.06.202611:57
Vatikan/Krieg/Religion/Kirche/Politik/Ethik
Kardinal Fernandez kritisiert politisches Festhalten an Lehre vom "gerechten Krieg", von der die Kirche weitgehend abgerückt ist
Vatikanstadt, 27.06.2026 (KAP) Der Leiter des Dikasteriums für die Glaubenslehre, Kardinal Víctor Fernández, hat Israel, die USA und die EU wegen ihres Verhaltens in aktuellen Kriegen scharf kritisiert. Zu den Nahostkriegen der vergangenen Jahre sagte er: "Die enorme Unverhältnismäßigkeit der Militärschläge in Gaza und im Südlibanon ist offensichtlich." Wegen des im Vergleich zu anderen Kriegen sehr hohen Anteils getöteter Zivilisten und Kinder sowie der Zahl zerstörter Häuser dürfen wir von einer totalen Zerstörung sprechen".
Ein solches Vorgehen könne nicht als verhältnismäßig im Sinne eines gerechten Kriegs angesehen werden. Der aus Argentinien stammende Kardinal ist von Amts wegen der höchstrangige Theologe im Vatikan nach dem Papst. Er äußerte sich beim derzeit im Vatikan tagenden außerordentlichen Konsistorium der Kardinäle in einem Einführungsreferat. Das vatikanische Presseamt berichtete am späten Freitagabend darüber.
Weiter führte Fernández aus, dass sowohl Russland in seinem Krieg gegen die Ukraine als auch die USA bei ihrer militärischen Mitwirkung im Nahen Osten von einer "Form der Selbstverteidigung" sprächen. In Gaza, im Libanon und in der Ukraine führe der Rückgriff auf ein in Anspruch genommenes Recht auf Präventivschläge zu solchen Rechtfertigungsstrategien.
Die kriegerischen Handlungen erschienen wie Anwendungen theologischer Kriterien nicht nur jüdischer, und christlich-orthodoxer Herkunft, und sogar wie Anwendungen der katholischen Lehre vom gerechten Krieg und von der legitimen Selbstverteidigung. Die Lehre der Kirche, so der Kardinal, werde so "manipuliert, um ein Fundament für die ungerechtesten Krieg zu liefern; statt Kriege zu beenden, helfe sie, Kriege zu rechtfertigen."
Auch aus diesem Grund müsse die Idee des gerechten Krieges "revidiert und verbessert werden, damit sie nur noch im engsten Sinn verstanden werden könne. Papst Leo XIV. hatte genau dies in seiner ersten Enzyklika "Magnifica humanitas" gefordert.
Neben Israel, den USA und Russland kritisierte der Glaubenshüter in seiner Rede auch die EU. Ähnlich wie andere "weltweit stark kritisierte politische Führer" sei auch die EU in ihrem Verhalten inkonsequent. So würden verfeindete Länder als antidemokratisch verurteilt und mit Sanktionen belegt. Wenn aber ein verbündetes Land Meinungsfreiheit, Menschenrechte und Demokratie unterdrücke, sehe man darüber hinweg.
Weiter sagte Kardinal Fernández: "Die EU wendet wirtschaftliche Sanktionen gegen ein Land an, schickt aber gleichzeitig Geld und Waffen in ein anderes". Das tue sie auch "angesichts noch schwerwiegenderer Angriffskriege mit noch grausameren Folgen für die gesamte Bevölkerung."
Diese "Strategie der Inkohärenz" zeige, dass es derzeit in der Politik keinen stabilen Bezugsrahmen für Wahrheit und Werte mehr gebe. Für die Kirche ergebe sich in dieser Situation eine unerwartete Chance. Sie könne jetzt ihre Soziallehre mit ihrer Integrität, Wahrheit und Kohärenz verkünden, die in der Politik und in Ideologien fehlten.