Muslimische Jugend will gegen politischen Islam "immunisieren"
29.06.202615:21
Österreich/Religion/Gesellschaft/Islam
Österreichweite Bildungsoffensive für Jugendleiter und Multiplikatoren angekündigt
Wien, 29.06.2026 (KAP) Mit einer "Bildungsoffensive gegen den politischen Islam" will die Muslimische Jugend Österreich (MJÖ) selbsternannten "Tiktok-Predigern" in den Sozialen Medien das Wasser abgraben. Ziel sei es, in Zusammenarbeit mit Partnern aus Politik, Bildung, Wissenschaft und Zivilgesellschaft muslimische Jugendliche vor demokratiefeindlichen und frauenverachtenden Einstellungen zu schützen und zu "immunisieren", hieß es bei einer Pressekonferenz am Montag in Wien. "Die österreichischen Werte und die muslimischen Werte stehen nicht im Widerspruch - das ist die Message, die ich den jungen Menschen geben", sagte MJÖ-Vorstandsmitglied Cemile Atasoy. Unterstützt wird das Projekt vom früheren Nationalratspräsidenten und Innenminister Wolfgang Sobotka (ÖVP).
So wenig wie man zulassen dürfe, dass Muslime in Österreich pauschal für extremistische Ideologien oder problematische Entwicklungen in der Gesellschaft verantwortlich gemacht werden, dürfe man zulassen, dass antidemokratische Einstellungen verharmlost werden, betonte Atasoy: "Als muslimische Zivilgesellschaft haben wir diese Auseinandersetzung zu lange anderen überlassen. Das ändern wir heute."
Genaue Details der Bildungsoffensive sollen über die Sommermonate mit Experten erarbeitet werden. Geplant sind österreichweit Workshops, Vorträge und Diskussionsrunden, um Jugendleiterinnen und -leiter, Sozialarbeiter, Pädagogen und Multiplikatoren so zu qualifizieren, dass sie von islamistischen Akteuren verwendeten Narrativen fachlich fundiert entgegentreten können. Weitergegeben werden soll auch das Wissen darüber, wie die Ideologie des politischen Islams Jugendliche beeinflusst und wie Social-Media-Algorithmen funktionieren.
"Pseudo-Scheichs" versuchten Jugendliche in TikTok und Sozialen Medien mit verfassungsfeindlichen, extremistischen, menschenrechtswidrigen und sexistischen Inhalten zu fluten, warnte Atasoy. "Nicht, weil sie richtig sind, sondern weil sie einfach erscheinen", wirkten diese Inhalte besonders dort, wo Jugendliche auf der Suche nach Orientierung seien.
Demokratie kein Widerspruch zum Glauben
Junge Musliminnen und Muslime bräuchten eine "zeitgemäße Lesung der Quellen, die den Ansprüchen einer offenen, pluralen Demokratie des 21. Jahrhunderts gerecht wird", sagte MJÖ-Bildungsreferentin Esma Gürsoy-Kacar. Eine Schriftenreihe, die als Nachschlagewerk und Argumentationshilfe der Ideologie des politischen Islams theologisch und wissenschaftlich "den Boden entzieht" solle den Abschluss der Bildungsoffensive bilden, kündigte Gürsoy-Kacar an. Die Publikationen würden u.a. "klar festhalten", dass Demokratie kein Widerspruch zum Glauben sei, die Verfassung der Religion ihren Platz gebe und "Gleichstellung, Rechtsstaatlichkeit, liberale Werte und Menschenrechte nicht verhandelbar sind".
Wo die liberale, demokratische Gesellschaft bedroht sei, müsse man dagegen auftreten, sagte Ex-Nationalratspräsident Sobotka, der mittlerweile Präsident der ÖVP-Parteiakademie Campus Tivoli ist, die sich in zahlreichen Forschungsprojekten mit dem Politischen Islam befasst habe. Er begrüße daher die Initiative der Muslimischen Jugend. Es sei wesentlich, jungen Muslimen aus der eigenen Community heraus das Selbstverständnis zu vermitteln, dass sie "islamisch sein und gleichzeitig Österreicher sein können", die den österreichischen Rechtsstaat in allen seinen Formen akzeptieren.
Der Islam sei in Österreich seit 1912 eine anerkannte Religionsgemeinschaft, ein "wesentlicher Teil der Gesellschaft" und die islamische Gesellschaft "viel größer, bunter und diverser, als wir es uns vorstellen", erinnerte Sobotka an anderer Stelle. Es sei wesentlich, viele liberale Muslime dazu ermutigen, ihre Stimme zu erheben.