Trotz Vatikan-Verbots will die traditionalistische Priesterbruderschaft am 1. Juli erneut Bischöfe weihen - Von Kathpress-Rom-Korrespondentin Severina Bartonitschek
Rom, 30.06.2026 (KAP) Eine Exkommunikation ist nicht genug. So könnte der aktuelle Weg der traditionalistischen Piusbruderschaft überschrieben sein. Denn wenn die Gemeinschaft wie angekündigt am Mittwoch tatsächlich neue Bischöfe weiht, ist die Feststellung der Exkommunikation unausweichlich - wie der Vatikan unmissverständlich klargemacht hat. Die geplanten Weihen sind vom Papst nicht erlaubt - ebenso wenig wie jene vor knapp 40 Jahren, die bereits einmal zu einem schweren Konflikt mit Rom führten. Doch identisch mit damals ist die aktuelle Situation nicht.
Aus Sicht der Piusbrüder sind die Bischofsweihen notwendig, um den Fortbestand ihrer Gemeinschaft zu sichern. Denn nur Bischöfe können Priester weihen, und neue Priester sind für die Bruderschaft enorm wichtig. Unter anderem aus diesem Grund hatte der Gründer, Erzbischof Marcel Lefebvre (1905-1991), am 30. Juni 1988 gegen päpstliches Verbot vier Männer zu Bischöfen geweiht.
Noch am selben Tag bestätigte der Vatikan damals die Exkommunikation als Tatstrafe für die fünf Beteiligten. Papst Benedikt XVI. (2005-2013) hob die Exkommunikation 2009 auf. Die beiden Bischöfe, die nun den neuerlichen "schismatischen Akt" vollziehen wollen, sind die noch lebenden Protagonisten von 1988: der Schweizer Bernard Fellay (68) und der Spanier Alfonso de Gallareta (69). Die damaligen Weihen kamen nach langen, aber letztlich gescheiterten Verhandlungen mit dem Vatikan - und sie markierten aus römischer Sicht einen Tiefpunkt.
Gegen das Konzil, für die "wahre Kirche"
Bereits 1970 gründete Lefebvre die Bruderschaft St. Pius X., weil er die Neuerungen des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) zu Ökumene, Liturgie und Religionsfreiheit ablehnte. Weil er von seinem Standpunkt nicht abwich, die Konzilslehren hätten die Tradition der Kirche zerstört, entzog Rom seiner Bruderschaft 1975 zunächst die kirchenrechtliche Anerkennung, dann Lefebvre seine bischöflichen Rechte. Doch der weihte trotzdem weiter Priester.
Mit Johannes Paul II. (1978-2005) kam es Mitte der 1980er Jahre zu vorsichtigen Annäherungen: Der Papst erlaubte unter bestimmten Bedingungen die von den Traditionalisten gewünschte "alte" Messform, bei der der Priester den Gottesdienst mit dem Rücken zu den Gläubigen und auf Latein zelebriert. Es folgten Gespräche im Vatikan. Über Monate verhandelten der Lefebvre und der Leiter der vatikanischen Glaubensbehörde, Kardinal Joseph Ratzinger, über einen Kompromiss.
Kompromiss gefunden - und verloren
Am 5. Mai 1988 schien dieser zunächst gefunden. Lefebvre unterzeichnet eine Fünf-Punkte-Erklärung, in der er Treue zur katholischen Kirche und zum Papst versprach; eine Annahme der Konzilsaussagen über das kirchliche Lehramt, Verzicht auf Polemik und Anerkennung der Liturgiereform. Dafür sollte die Priesterbruderschaft kirchenrechtlich als eine "Gesellschaft des Apostolischen Lebens" errichtet werden.
Doch über Nacht zog Lefebvre die Zusage zurück. In einem Brief vom 2. Juni bündelte er seine Differenzen mit dem "vom Modernismus verseuchten Rom". Kurz darauf weihte er trotz Vatikanverbot die vier Bischöfe und exkommunizierte damit sich und die Empfänger der Weihe. Lefebvres Beugestrafe erlosch mit seinem Tod am 25. März 1991.
Neue Verhandlungen mit dem Vatikan abgelehnt
Vergleichbare Verständigungsversuche mit dem Vatikan scheint es unter dem aktuellen Generaloberen der Piusbrüder, Davide Pagliarani, nicht zu geben - im Gegenteil. Dabei war Rom noch unter Papst Franziskus (2013-2025) und kurz vor Pagliaranis Amtsantritt 2018 den Piusbrüdern erneut entgegengekommen.
Reguläre Beichten bei Priestern der Gemeinschaft sind seither für alle Katholiken gültig. Gleiches gilt für die in Anwesenheit von Piusbrüdern eingegangenen kirchlichen Ehen. Einmal, 2022, traf Pagliarani Franziskus in einer privaten Audienz.
Bevor der Generalobere im Februar 2026 die kommenden Bischofsweihen ankündigte, schrieb er nach eigenen Angaben 2025 zweimal an den Vatikan. Dem neuen Papst Leo XIV. wolle er die aktuelle Situation seiner Gemeinschaft darlegen. Nachdem seine Briefe aus seiner Sicht keine zufriedenstellende Reaktion aus Rom auslösten, verkündete er den Weihetermin. Der Vatikan reagierte unverzüglich und lud ihn zu Gesprächen nach Rom ein.
Der Leiter der Glaubensbehörde, Kardinal Víctor Fernández, bot Pagliarani erneute Gespräche über die Mindestvoraussetzungen zur Wiederherstellung der vollen kirchlichen Einheit an - sofern die Piusbrüder die angekündigten Bischofsweihen aussetzen. Doch Pagliarani lehnt einen weiteren Dialog ab und nimmt die Exkommunikation für sechs Männer seiner Gemeinschaft in Kauf.
Riskantes Spiel
Dabei hätten die Piusbrüder durchaus noch zeitlichen Spielraum. Lefebvre war 82 Jahre alt und der einzige Bischof der Gemeinschaft, als er die Weihen vornahm. Weniger als drei Jahre später war er tot. Heute kann die Bruderschaft mit ihren gut 700 Priestern auf zwei Bischöfe zurückgreifen. Mit 68 und 69 Jahren sind diese deutlich jünger als der Gründer es damals war. Sie könnten also auch ohne neue Bischöfe noch etliche Jahre weiter wirken.
Offen bleibt, ob der Vatikan über die Exkommunikation der alten und neuen Bischöfe hinaus weitere Maßnahmen ergreift. Vorstellbar wären eine Rücknahme der unter Franziskus verfügten Öffnung bei Beichten und kirchlichen Trauungen. Oder Strafandrohungen an die Priester und die Gläubigen der Gemeinschaft.
Wiener Theologe in "Zeit"-Interview: Umstrittene Priesterbruderschaft durch Bruch mit jüngerer Tradition der Kirche "nicht mehr traditionalistisch, sondern fanatisch und sektenhaft" - "Glaubensbekenntnis" der Piusbrüder stellt Kirche und Konzil infrage