Milizen extremistischer Fulani-Nomaden laut Beobachtungsstelle für mindestens vier Mal so viele tote Zivilisten verantwortlich wie Boko Haram und Iswap
Jos, 02.07.2026 (KAP) Laut einer aktuellen Studie über extremistische Gewalt gegen Zivilisten in Nigeria sind nicht dschihadistische Gruppierungen wie Boko Haram oder ISWAP, sondern Milizen extremistischer Fulani-Nomaden für die meisten dortigen Morde und Entführungen verantwortlich. Laut dem vom Observatory for Religious Freedom in Africa (ORFA) vorgestellten Bericht wurden in den Jahren 2020 bis 2025 rund 42.000 Zivilisten von Terroristen getötet. Als "Fulani-Terrorgruppen" eingestufte und teils auch islamistisch radikalisierte ethnische Milizen waren demnach für mindestens 44 Prozent der Morde verantwortlich - viermal so viele wie Boko Haram und der IS in Westafrika (Iswap) zusammen. Sowohl Christen als auch Muslime werden Opfer der Gewalt, wobei Christen unverhältnismäßig häufig Angriffen ausgesetzt sind.
Weitere 32 Prozent der Morde werden in der Studie "Unbekannte Terrorgruppen" zugeschrieben, die laut Experten der Beobachtungsstelle zumindest zu einem großen Teil ebenfalls als ethnische Fulani-Milizen angesehen werden können. Man achte sorgfältig darauf, zwischen bewaffneten Fulani-Terrorgruppen und der Fulani-Bevölkerung insgesamt zu unterscheiden, von der die überwiegende Mehrheit nicht an Gewalttaten beteiligt sei, betonte der ORFA-Experte Frans Vierhout bei der Vorstellung der Studie im nigerianischen Jos am Dienstag.
Gewalt im Zusammenhang mit Fulani-Milizen sei jedenfalls die Hauptursache für die hohe Zahl der Todesopfer von Terror in Nigeria und "die westliche Fixierung auf Boko Haram bestenfalls irreführend". Es gebe im Land ein Terrornetzwerk, das die Weltgemeinschaft bisher nicht anerkannt habe und auch seitens der nigerianischen Sicherheitskräfte kaum auf Widerstand stoße, so die Beobachtungsstelle.
"Organisierte ethnisch-religiöse Gewalt"
Die von Fulani-Gruppen vor allem im Nordwesten sowie im sogenannten Middle Belt des Landes verübte "organisierte ethnisch-religiöse Gewalt" richte sich gegen Christen sowie gegen Muslime, die nicht der Bevölkerungsgruppe der Fulani angehören, erklärte ORFA-Analyst Steven Kefas. Dem Experten zufolge operieren die Extremisten strukturiert, verfügen über bundesstaatenübergreifende Logistik und in einigen Fällen über Verbindungen zu dschihadistischen Netzwerken. Es gehe nicht nur um gewöhnliche Bandenkriminalität oder Konflikte zwischen Bauern und Hirten.
Unter den in den vergangenen sechs Jahren getöteten Zivilisten waren laut Studiendaten rund 28.500 Christen und mehr als 13.000 Muslime. Berücksichtige man die unterschiedlichen Anteile von Christen und Muslimen in der Bevölkerung, wurden Christen viermal so oft Opfer von terroristischer Gewalt wie Muslime, so die Studienautoren. Drei Viertel der Zivilisten wurden bei Angriffen auf ihre Dörfer und Gemeinden geötetet.
Unter den knapp 35.000 im Berichtszeitraum entführten Zivilisten waren etwa gleich viele Christen und Muslime. Christliche Geiseln seien aber mit schlimmerer Gewalt während der Gefangenschaft, höheren Lösegeldforderungen und längeren Verhandlungen konfrontiert, heißt im Bericht unter Berufung auf Befragungen mit Betroffenen. Sie hätten zudem ein größeres Risiko auch dann ermordet zu werden, wenn ihre Familien für sie das geforderte Lösegeld zahlen.
(Website Observatory for Religious Freedom in Africa, ORFA: https://orfa.africa)