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Kreuz und US-Flagge
250 Jahre USA
Bild Copyright: © Julia Steinbrecht/KNA

Theologen: USA ringen zum 250. Geburtstag um ihre Identität

03.07.2026 09:29
Österreich/USA/Religion/Gesellschaft/Politik/Geschichte
Grazer Theologieprofessorin Bär: Trump versucht mit Rede von Gott neue politische Erzählung zu etablieren - Salzburger USA-Experte Weiß: Mythos vom "amerikanischen Traum" war schon vor Trump in der Krise
Graz/Salzburg/Wien, 03.07.2026 (KAP) Mit den Feiern zum 250. Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung begehen die Vereinigten Staaten am 4. Juli ein historisches Jubiläum. Gleichzeitig stecken sie nach Ansicht österreichischer USA-Experten in einer Identitätskrise, geprägt von tiefen gesellschaftlichen und politischen Spannungen. Auch Religion dient dabei als Werkzeug politischer Auseinandersetzungen, während das Land um sein Selbstverständnis ringt. Darauf weisen die katholischen Theologen und USA-Kenner Prof. Martina Bär und Andreas G. Weiß in aktuellen Interviews mit dem ORF und der Kooperationsredaktion der Kirchenzeitungen hin.

Martina Bär, Leiterin des Instituts für Systematische Theologie an der Universität Graz, sieht den verstärkten Rückgriff der Regierung von Präsident Donald Trump auf religiöse Symbolik als Teil einer langen historischen Entwicklung, wie sie in der Ö1-Sendung "Im Fokus" erklärte. Die Vereinigten Staaten hätten von Beginn an zwei religiöse Grundmuster gekannt: einen allgemeinen Gottesbezug in der Verfassungstradition sowie die Vorstellung Amerikas als einer von Gott berufenen christlichen Nation. Beide Traditionen hätten sich lange gegenseitig in Balance gehalten.

Mit der MAGA-Bewegung und der Regierung Trump werde nun versucht, diese beiden Stränge wieder miteinander zu verschmelzen, so die Theologieprofessorin. Wenn Trump davon spreche, Amerika erneut Gott zu weihen, gehe es "nicht nur einfach um Frömmigkeit", sondern darum, "eine neue politische Erzählung" zu etablieren, wonach die USA zu ihrer göttlichen Berufung zurückkehren müssten. "Religion wird damit zu einer Ressource politischer Legitimation." Theologisch werde dies dort problematisch, "wo Gott nicht mehr Orientierung im Leben der Menschen gibt, sondern eben zum Identitätsmarker einer bestimmten politischen Bewegung wird". Solche christlich-politischen Deutungen schlössen Menschen anderer Religionen oder Weltanschauungen aus.

Ein deutliches Gegensignal erkennt Bär im Verhalten von Papst Leo XIV. Der erste US-amerikanische Papst verbringt den amerikanischen Unabhängigkeitstag auf der Mittelmeerinsel Lampedusa. Das sei "ein sehr, sehr starkes Statement". Der Papst baue damit "eine Gegenerzählung zu dieser Erzählung von Trump auf". Lampedusa stehe für Migration, Verletzlichkeit und die vielen Toten auf den Fluchtrouten. Damit werde zugleich Kritik an der Migrationspolitik der US-Regierung geübt. Wie dieses Signal in den USA aufgenommen werde, hänge allerdings von der jeweiligen politischen Haltung ab. Während Trump-Anhänger die Reise kritisierten, sähen sich jene, die auf Basis der katholischen Soziallehre die Solidarität mit allen Notleidenden unterstützen, bestätigt.

US-Katholiken sind keine geschlossene Gruppe

Innerhalb der katholischen Kirche in den USA sieht Bär unterschiedliche Entwicklungen, die Gläubigen seien keine geschlossene Gruppe. Konservative katholische Netzwerke übten erheblichen Einfluss aus, unter anderem im Umfeld des Obersten Gerichtshofs. Gleichzeitig gebe es Katholiken, die sich an der katholischen Soziallehre orientierten und Trumps Politik widersprächen. Die Evangelikalen blieben zudem eine zentrale Wählergruppe und bildeten zunehmend politische Allianzen mit rechtskonservativen Katholiken.

Ergebnisse aktueller Umfragen zeigen, dass ein wachsender Teil der US-Bevölkerung das Christentum als Staatsreligion befürwortet und sich 85 Prozent der weißen Evangelikalen eine an der Bibel orientierte Gesetzgebung wünschen. Die Grazer Theologieprofessorin bewertete dies im ORF-Interview als "in demokratischer Hinsicht natürlich sehr schwierig". Demokratie lebe von Religionsfreiheit und basiere auf der Trennung von Staat und Religion. Schon 1791 habe ein US-Verfassungszusatz festgeschrieben, dass das Christentum nicht Staatsreligion sein dürfe; trotzdem sei das Thema die ganze Geschichte der Vereinigten Staaten hindurch "latent vorhanden" gewesen, erläuterte Bär. "Aber wenn man wirklich eine Demokratie leben will, dann braucht man eine Verfassung, die eben die Religionsfreiheit und alle Freiheitsrechte garantiert."

Die laut Studien in den USA insbesondere bei sehr religiösen Christinnen und Christen zu beobachtende Form der sogenannten defensiven Religiosität gibt es laut Bär auch in Europa, "weil es einfach ganz stark zur Identitätsbildung beiträgt". Man wisse zudem, dass rechtskatholische Netzwerke "ganz stark transnational arbeiten". Allerdings unterscheide sich die europäische Entwicklung aus Sicht der Theologin grundlegend von jener in Amerika. Durch die Aufklärung und die historisch gewachsene Trennung von Staat und Kirche sei Europa gegen christliche Identitätspolitik besser gewappnet.

"American Dream" war schon vor Trump in Krise

Der Theologe und USA-Experte Andreas G. Weiß beschrieb im Kirchenzeitungs-Interview die Vereinigten Staaten ebenfalls als Gesellschaft auf der Suche nach ihrer Identität. Der "amerikanische Traum" habe Generationen von Menschen inspiriert. "Jeder kann es demnach in diesem Land schaffen, wenn er hart arbeitet, an sich glaubt und seine Ziele verfolgt." Dieser Traum habe stets auch Einwanderer eingeschlossen und sei niemals statisch gewesen. "Er ist immer wieder neu errungen worden", erklärte Weiß. Vom Direktor des Katholischen Bildungswerks Salzburg und Vorsitzenden im Forum Katholischer Erwachsenenbildung in Österreich ist dieser Tage das Buch "Das Ende eines Traums - Donald Trump und der 250. Geburtstag der USA" im Patmos-Verlag erschienen.

Während eines längeren Aufenthalts im Bundesstaat Missouri habe ihn besonders die religiöse Vielfalt beeindruckt, sagte Weiß. Als katholischer Theologe aus Salzburg sei er offen aufgenommen worden. Im Alltag habe er erlebt, wie unterschiedliche Religionsgemeinschaften friedlich zusammenlebten: "Offenbar konnten sich alle in diesen amerikanischen Traum integrieren."

Nach Ansicht von Weiß befanden sich die Vereinigten Staaten allerdings schon lange vor Donald Trumps erstem Wahlkampf in einer Identitätskrise. Der innere gesellschaftliche Zusammenhalt sei schon 2015 nicht mehr gegeben gewesen. "Donald Trump hat den Mythos sicher nicht an sein Ende gebracht. Der war vorher schon in der Krise." Deshalb spreche er davon, "dass Donald Trump ein Symptom von Amerikas Problemen ist". Die Sehnsucht nach einer idealisierten Vergangenheit werde heute politisch genutzt, um Hoffnung in einer Zeit wachsender Unsicherheit zu versprechen.

Parallelen sieht Weiß zur europäischen Geschichte. Die USA stünden heute an einem ähnlichen Punkt wie europäische Staaten nach dem Ersten Weltkrieg, als große Monarchien und alte Gewissheiten zerfielen. Das Land befinde sich "tatsächlich auf der Suche nach sich selbst". Autoritäre Entwicklungen seien deshalb nicht ausgeschlossen. "Die Gefahr ist durchaus real." Zwar werde sich die Geschichte nicht eins zu eins wiederholen, aber "die Parallelen sind nicht von der Hand zu weisen".

Säkularisierung schreitet voran

Konfessionen spielen in den USA nicht dieselbe Rolle wie in Europa, Religion an sich aber sehr wohl, führte Weiß weiter aus. Gleichzeitig gehörten die USA zu den Ländern mit der weltweit schnellsten Säkularisierung, wo der Anteil der Bevölkerung ohne religiöse Beheimatung mittlerweile bei 28 Prozent liege. Manche religiösen Kreise machten die wachsende Zahl konfessionsloser Menschen für gesellschaftliche Probleme verantwortlich.

Donald Trump selbst sei während seines Lebens nie durch besondere persönliche Religiosität aufgefallen. Erst mit dem Beginn seines Präsidentschaftswahlkampfes habe er religiöse Symbolik gezielt eingesetzt. "Er wurde als Erlöser gesehen, das war eine Projektion, die er gerne aufgenommen hat."

Trotz aller Spannungen sieht Weiß auch Hoffnung. Als Beispiel nennt er den Protest von Bürgerinnen und Bürgern in Minnesota gegen das Vorgehen der Einwanderungsbehörde ICE gegenüber Migranten. Dort habe sich gezeigt, "dass ein Traum oder ein besseres Zusammenleben nicht in den Häusern oder Hinterzimmern der Mächtigen entsteht, sondern sich in den Vororten, in den Hinterhöfen des Lebens entscheidet". Gerade dort könnten neue Hoffnungen und ein neues Verständnis des amerikanischen Traums entstehen.
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