Erster Bischof, erster Kardinal, und nun erster Papst - Von Alexander Brüggemann (KNA)
Bonn, 03.07.2026 (KAP/KNA) Der erste Papst aus den USA: Leo XIV. Ein Novum, quasi pünktlich zum 250. Geburtstag der Vereinigten Staaten - und nach dem Novum des ersten Lateinamerikaners Franziskus (2013-2025) zuvor. Die 133 Wähler, die im Mai 2025 das neue Kirchenoberhaupt unter sich ausmachten, kommen heute von allen Kontinenten; sie tragen alle Hautfarben, leiten winzige oder riesige Ortskirchen. Das war nicht immer so - überhaupt nicht.
Bis ins späte 19. Jahrhundert waren die Verhältnisse homogen: Die Kardinäle waren wenige und kamen allesamt aus Europa, die meisten aus Italien. Und sie wählten - mit Sicherheit - einen Italiener zum Papst. Im Frühjahr 1875 jedoch, vor fast exakt 150 Jahren, geschah etwas Unerwartetes: nicht nur dass der fast 83-jährige Papst Pius IX. (1846-1878) noch einmal elf neue Kardinäle ernannte - sondern dass unter ihnen zum ersten Mal auch ein Nichteuropäer war; der Erzbischof von New York, John McCloskey.
Und das kam so: Seit Portugal und Spanien im 15. Jahrhundert die Segel in Richtung Neue Welt gesetzt hatten, wuchs auch das Christentum erstmals weit über den Mittelmeerraum und über Europa hinaus. Zunächst natürlich über Jahrhunderte noch unter europäischer Dominanz, ja teils mit Unterdrückung durch Europäer. Doch vor allem in Nordamerika wuchsen allmählich eine neue Weltanschauung und ein sehr eigenes Selbstbewusstsein heran.
Iren, Italiener, Polen
Hungersnöte, Kriege und andere Krisen in Europa sorgten dafür, dass Millionen Menschen im 18. und 19. Jahrhundert ihr Glück in Amerika suchten. Und viele, darunter katholische Iren, später Italiener und Polen, brachten ihre Religion mit.
Die prägende Figur für die entstehende Kirche Nordamerikas war der Jesuit John Carroll (1735-1815). Carroll stammte gebürtig aus der Provinz Maryland, der einzigen katholischen jener 13 britischen Kolonien, die sich im Sommer 1776, vor 250 Jahren, vom Mutterland Großbritannien lossagten. Studiert und gelebt hatte Carroll aber sein halbes Leben in Nordfrankreich und dem heutigen Belgien.
Doch nach der Aufhebung des Jesuitenordens durch Papst Clemens XIV. 1773 kehrte er in die Heimat Maryland zurück. Er unterstützte die Amerikanische Unabhängigkeitsbewegung, sah er darin doch die einzige Chance auf Religionsfreiheit für die Katholiken Amerikas. Nachdem diese tatsächlich 1783 in der Unabhängigkeitserklärung der USA festgeschrieben wurde, gründete Papst Pius VI. Ende 1784 zunächst die Apostolische Präfektur der Vereinigten Staaten von Amerika, also die Vorstufe einer Diözese.
Erster US-Bischof: John Carroll
Im November 1789 folgte die Diözese Baltimore. Erster Präfekt, erster Bischof und später erster Erzbischof von Baltimore und damit auch der USA, zudem Gründer der Georgetown University, der ältesten Uni des Landes: John Carroll. 1808 gründete Pius VII. die Diözesen Boston, Bardstown/Kentucky, New York und Philadelphia, deren Gebiete von Baltimore abgetrennt wurden. Baltimore wurde Erzdiözese; und die kirchlichen Strukturen wuchsen und verfestigten sich rasch.
Als die USA dann nach dem Sezessionskrieg (1861-1865) mehr und mehr zu einer industrialisierten Wirtschaftsmacht aufstiegen, wurden auch die Rufe nach einem amerikanischen Kardinal lauter. Zur gleichen Zeit verlor der Papst in Rom durch die italienische Einigungsbewegung und Eroberung der Stadt seine politische Macht. Nach dem Untergang des Kirchenstaates 1870 nahm Pius IX. eine folgenschwere Kursänderung vor - die im Grunde bis heute fortwirkt. Mehr als zuvor trat der Papst nun als das weltumspannende Kirchenoberhaupt auf: Einer für alle, alle für einen.
Zu dieser neuen Ideologie gehörten natürlich auch die vergleichsweise jungen Ortskirchen; in Afrika, Asien, Lateinamerika - und eben auch in den stark aufstrebenden Vereinigten Staaten von Amerika. Der Kardinalshut für John McCloskey lag in dieser Logik. Es war aber zugleich auch ein Dankeschön des Papstes, da der New Yorker Erzbischof beim Ersten Vatikanischen Konzil 1870 die Dogmatisierung der päpstlichen Unfehlbarkeit unterstützt hatte.
Ein Unfall als Wendung
McCloskeys Familie war Anfang des 19. Jahrhunderts aus Irland in die USA emigriert. 1810 geboren, brach er nach dem frühen Tod des Vaters mit elf Jahren die Schule ab und half seiner Mutter bei der Farmarbeit. Ein schwerer Arbeitsunfall brachte dann eine neuerliche Wendung: McCloskey entschied sich fürs Priesteramt - und enorm fleißig, wie er war, wechselte er schon bald karrieretechnisch auf die Überholspur: Studium in Rom, an seinem 34. Geburtstag die Bischofsweihe; ab 1847 Bischof von Albany, 1864 Erzbischof von New York mit seinen damals schon 1,2 Millionen Katholiken.
Dort trieb McCloskey den Bau der riesigen neugotischen St. Patrick's Cathedral an der Fifth Avenue in Manhattan voran, die er 1879 selbst weihen konnte. Im Jahr zuvor dagegen war ihm ein Projekt missglückt: Nach dem Tod seines Förderers Pius IX. eilte McCloskey nach Rom, um an der Wahl des Nachfolgers teilzunehmen. Doch 1878 war es technisch noch unmöglich, die 7.000 Kilometer von New York in knapp zwei Wochen zu schaffen. So traf der erste Kardinal aus Übersee erst ein, als seine Amtsbrüder schon Leo XIII. gewählt hatten.
Kardinalskette
McCloskey selbst starb am 10. Oktober 1885. Bei der Totenmesse in "seiner" Patricks-Kathedrale würdigte ihn der Erzbischof von Baltimore, James Gibbons, als "gütigen Vater, treuen Freund, wachsamen Hirten, furchtlosen Führer - und vor allem unparteiischen Richter". Gibbons wurde übrigens wenige Monate später der zweite US-Kardinal der Geschichte - und die Kette ist seither kaum mehr abgerissen, von wenigen Jahren im Zweiten Weltkrieg abgesehen.
2025 nun wollte Donald Trump nach dem unbequemen Lateinamerikaner Franziskus unbedingt einen US-Amerikaner auf dem Papstthron sehen - so sehr, dass er sogar sich selbst nur wenige Tagen nach dem Papsttod in weißer Soutane postete. Doch ein Trump-Mann ist Leo XIV. auf keinen Fall - das wurde zuletzt im Iran-Krieg mehr und mehr klar. Von "Make America great again" ist bei Leo nicht die Rede.
Leo XIV. verbringt US-Unabhängigkeitstag, an dem heuer auch die 250-Jahr-Feier der Vereinigten Staaten stattfindet, auf Flüchtlingsinsel Lampedusa statt in seinem Geburtsland
Grazer Theologieprofessorin Bär: Trump versucht mit Rede von Gott neue politische Erzählung zu etablieren - Salzburger USA-Experte Weiß: Mythos vom "amerikanischen Traum" war schon vor Trump in der Krise
Feier mit 200 katholischen Bischöfen in Orlando kurz vor 250. Jahrestag der Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung - Erzbischof Lori: "Zukunft gehört nicht bloß politischen Bewegungen, wirtschaftlichen Kräften oder menschlichen Plänen - die Zukunft gehört Gott"